Vampire beherrschen die Welt!

Das Gegenteil von "Twilight"

Ein Vampirfilm, dessen Protagonist "Edward" heißt … nein, keine Angst, werte Horrorfans: Dies ist eine "Twilight"-freie Zone! Mit Stephenie Meyers Kuschel-Vampiren haben die Untoten in Michael und Peter Spierigs "Daybreakers" kaum etwas gemeinsam. Im Gegenteil: Der romantisierten Blutlust erteilt das Regieduo eine klare Absage und postuliert stattdessen eine dystopische, an "Matrix" gemahnende Welt, in der die Vampire über die Normalsterblichen herrschen. Freilich mit ungeahnten Konsequenzen …Daybreakers - Cover der blu-ray

 

Vampirgesellschaft vor dem Kollaps

Wir schreiben das Jahr 2019: Die Welt hat zwar auch das Schicksalsjahr 2012 überstanden, aber eine radikale Transformation erfahren. Eine verhängnisvolle Seuche verwandelte einen großen Teil der Menschheit in Vampire! Anders, als Dracula & Co., haben sie jedoch ihren gewohnten Lebensstil nicht aufgegeben. Statt in schaurigen Kellergewölben oder finsteren Schlössern wohnen sie in adretten Apartments, verrichten ganz normale Jobs, fahren mit dem Auto und gehen in Bars. Sonnenlicht vertragen sie aber nach wie vor nicht, weshalb sie sich tagsüber unterirdisch aufhalten müssen.

 

Während viele seiner Artgenossen sich keinerlei Sorgen um die Zukunft ihrer Rasse machen und Blut saufen, als gäbe es kein Morgen, forscht Wissenschafter Edward Dalton (Ethan Hawke) an einem künstlichen Blutersatzstoff, um das unmoralische Abschlachten der Normalsterblichen zu beenden. Außerdem weiß er um die Begrenztheit der Ressourcen: Immer mehr Vampire verlangen nach immer mehr Blut. Der Kollaps der Vampirgesellschaft scheint unausweichlich. Nur einen lässt die alarmierende Situation kalt: Industrie-Tycoon Charles Bromley (Sam Neill) verdient mit seinen Menschenfarmen ein Vermögen und hegt keinerlei Interesse an der Entwicklung von Ersatzblut.

 

Dabei übersieht er geflissentlich eine tödliche Bedrohung: An Blutmangel leidende Vampire verwandeln sich in "Subsiders" – Monstren, die ihresgleichen zerfleischen, um den Blutdurst zu stillen! Durch Zufall lernt Edward Lionel ‘Elvis' Cormac (William Dafoe) kennen, einen ehemaligen Vampir, der sich durch eine schmerzhafte Prozedur in einen Menschen rückverwandelte und somit die Menschheit retten könnte. Aber einige Vampire haben sich zu sehr an ihr neues Leben gewöhnt und sehen eine mögliche Rückverwandlung als Gefahr an …

Vampire beherrschen die Wel...

Trailer "Daybreakers"

Zwischen Horror und High-Tech: Daybreakers

Blutsauger an der Macht

Vampirfilme gibt es en masse. Originelle Variationen des klassischen Themas wie eben "Daybreakers" hingegen glitzern kostbaren Juwelen gleich aus eben jener Masse heraus. Die in Deutschland geborenen Spierig-Brüder strafen all jene Lügen die meinen, der Vampirmythos sei bereits bis zum letzten Tropfen Blut leergesaugt worden. Mit dem für Hollywood geradezu lächerlich geringen Budget von 20 Millionen Dollar errichtete das Regieduo eine atemberaubend faszinierende Welt, in der Vampire High-Tech-Apartments bewohnen und heiße, wenngleich gegen das Sonnenlicht abgeschirmte, Schlitten fahren.

 

Daybreakers: Szenenbild

 

 

 

 

 

 

"Äh... verzeihen Sie, Sir, aber den Strohhalm steckt man in den Mund..."

 

Das dystopische "Daybreakers"-Universum ist in sich logisch aufgebaut und selbsterklärend. Vampire beherrschen die Welt und ernähren sich von Normalsterblichen. Diese werden in Menschenfarmen gezüchtet und dienen skrupellosen Industriellen dazu, monströse Profite herauszuschlagen. In Kooperation mit den Behörden gedeiht das Geschäft gar prächtig und werden jene als Gefahrenherde gebrandmarkt, die das unmoralische System stürzen wollen.

 

Daybreakers: Szenenbild

 

 

 

 

 

 

Dieser arme Mann hat versehentlich fünf Minuten von "Twilight" angeschaut.

 

Gleich H. G. Wells' Marsianern aus seinem Meisterwerk "Krieg der Welten" existieren die meisten Vampire in intellektueller Dekadenz. Für Empathie mit den wehrlosen Wesen, von denen sie sich ernähren, ist kein Platz in ihrer heuchlerischen Selbstzufriedenheit. Natürlich eignet sich dieses Szenario zu einer naheliegenden Interpretation: Gehen wir Menschen der realen Welt mit Nutzvieh mitfühlender um, als die Vampire aus "Daybreakers" mit ihren sterblichen Artverwandten? In vielen Szenen hält dieser Streifen dem Publikum einen Spiegel vor und stellt ihm unangenehme Fragen, die es nur allzu gerne verdrängt.

 

Cui bono?

Eine nicht ganz so offensichtliche Frage lautet: "Cui bono", auf Deutsch: Wem zum Vorteil? Oder vereinfacht ausgedrückt: Wem nützt der Status Quo der Vampirwelt? Einer der cleversten Dreh- und Angelpunkte der Geschichte liegt eben darin, dass die Methode, um Vampire zurück in Menschen zu verwandeln, sabotiert wird. Aus naheliegenden Gründen, profitieren doch zu viele Bluttrinker von eben jenem Gesellschaftssystem.

 

Daybreakers: Szenenbild Willem Defoe

 

 

 

 

 

 

Willem Tellfoe in "Daybreakers"

 

Trotz der philosophischen Prämissen handelt es sich bei "Daybreakers" mitnichten um einen verschwurbelten, kopflastigen Autorenfilm. Satte Action, erstaunlich viel Splatter und kühl-technologische Atmosphäre laden die Augen zum Bildschirmschmaus ein – für Werke wie dieses scheint die blu-ray erst geschaffen worden zu sein. Erst in Hochauflösung lassen sich die grandiosen Bildlandschaften so richtig genießen.

 

"Daybreakers": Große Stärken, kleine Schwächen

Zugegeben: Der mit Ethan Hawke und vor allem dem herrlich fiesen Sam Neill starbesetzte Mix aus Horror und Science Fiction weist einige Schwächen auf. Beispielsweise der überbordende Einfallsreichtum, der für eine Trilogie gereicht hätte. Manche Handlungsfäden werden erst gar nicht weiter verfolgt und verknüpft, sondern aus Zeitmangel achtlos fallengelassen. Während nicht wenige Filmreihen aus einer dünnen Plotidee zig Episoden herausquetschen, packen die Spierig-Brüder jede Menge wunderbarer Ideen in ihren Streifen, verabsäumen es jedoch, sie entsprechend zu entwickeln. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, böte "Daybreakers" Stoff für mehrere Fortsetzungen.

 

Die obligatorische Liebesgeschichte – hier zwischen Edward und der schönen Audrey (Claudia Karvan) – zählt zu den großen Schwachpunkten des Filmes. Zwischen dem Leinwandpaar stimmt die Chemie einfach nicht.

 

Daybreakers: Szenenbild

 

 

 

 

 

 

Erneut verschärfte die EU ihre Flugsicherheitsmaßnahmen...

 

Enttäuschend fällt einzig und allein der Showdown aus: Überhastet und logisch kaum nachvollziehbar schließt der bis kurz vor Ende der Laufzeit spannende und gleichermaßen intelligent inszenierte Film und hinterlässt somit einen leicht schalen Nachgeschmack.

 

Fazit nach knapp eineinhalb Stunden: Vom "Twilight"-Boom halb in den Wahnsinn gekuschelte Horrorfans dürfen aufatmen. Es gibt ein vampirisches Leben nach der Kitsch-Orgie! "Daybreakers" ist ein Muss für jeden Genreliebhaber und sollte wenigstens über die Zweitverwertung jenen Erfolg verbuchen dürfen, der ihm in den Kinos ungerechterweise verwehrt blieb. Darauf einen Espresso mit Blut und Zucker!

Eckzahndaten zu "Daybreakers"

Originaltitel: "Daybreakers"

Regie: Michael und Peter Spierig

Produktionsland und -jahr: USA/Australien, 2009

Filmlänge: ca. 94 Minuten

Verleih: SUNFILM Entertainment

FSK: Ab 16 Jahren

Veröffentlichung auf DVD: 27. August 2010

Autor seit 6 Jahren
836 Seiten
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