Die Frühwerke

Nikolaikirche (1995): Man schreibt das Jahr 1987 – die DDR fällt gerade ins Koma. Eine staatstreue Familie in Leipzig zerbricht an den Verhältnissen, nachdem das Oberhaupt, ein Stasigeneral, gestorben ist. Jeder geht seinen Weg und stößt so auf immer mehr Ungereimtheiten des Systems sowie auf dessen Opfer: Dörfer, die der Kohle weichen müssen, Wehrdienstverweigerer, Pfarrer und auch jugendliche Idealisten.

Im Wendeherbst 1989 treffen alle Beteiligten während der Friedensgebete und Demonstrationen aufeinander. Die Leipziger Nikolaikirche gibt es wirklich, Teile des Films lehnen sich an ihre Rolle im Wendeherbst 1989 an. Die Handlung basiert auf einem Roman von Erich Loest. Nikolaikirche ist einer der ersten wichtigen Filme der Nachwendezeit zum Thema DDR.

 Im Jahr 1999, zehn Jahre nach der Wende, kam der Film Sonnenallee in die deutschen Kinos. Er spielt im Ostberlin der 1970er Jahre, als Borniertheit, Aussichtslosigkeit und Repressionen ihren Höhepunkt erreichten. Der Film beschreibt vorrangig eine Gruppe Ostberliner Jugendlicher und pendelt beständig zwischen Klamauk und ernsten Momenten. Die relativ flache Handlung dürfte dem Bemühen geschuldet sein, ein gesamtdeutsches Publikum zu erreichen. Falls dies gelungen ist, dann wahrscheinlich zum Preis einer eher schwammigen Darstellung des DDR-Alltags. Für Liebhaber des DDR-Kultfilms "Die Legende von Paul und Paula" gibt es in einer Szene allerdings ein Wiedersehen mit deutlichen Querverweisen…

Humor mit ernsten Zwischentönen

Leander Haußmann, der Regisseur von Sonnenallee, wagte sich sechs Jahre später erneut an einen DDR-Film. NVA erzählt die Geschichte einer Gruppe Wehrpflichtiger in der Nationalen Volksarmee der DDR. Der Film setzt mit seiner Mischung aus Humor und ernsten Tönen auf ein ähnliches Konzept wie Sonnenallee, ist aber um Welten besser. So zumindest sieht es der Autor dieses Textes. In NVA begegnen die Rekruten dem Gruppenzwang, dem Drill sowie der politischen Indoktrinierung kreativ und pfiffig. Mitten hinein in diesen fein austarierten Mikrokosmos platzt auf einmal die Wende von 1989, welche jedoch zunächst von den Offizieren verheimlicht wird…

 Die Tragikomödie Good bye, Lenin aus dem Jahr 2003 ist einer der bekanntesten Filme zum DDR-Alltag, obwohl ihre Handlung gerade nicht dort angesiedelt ist. Vielmehr setzt das Geschehen unmittelbar danach ein: Im Herbst 1989 gerät die systemtreue Lehrerin Christiane Kerner zufällig in eine Demonstration. Dabei erleidet sie einen Unfall und verschläft als Koma-Patientin die Wende. Als sie erwacht, versuchen ihre erwachsenen Kinder Alexander und Ariane alles, um der Mutter das Fortbestehen der DDR vorzugaukeln. Unterstützt werden sie dabei von Freunden, Nachbarn und einigen Schülern der Lehrerin. Das Vorhaben wird auf eine typische Neubauwohnung begrenzt. Doch bereits dieses kleine Biotop ist nur schwer zu schützen... Grund des ganzen Unterfangens ist die Befürchtung, die Lehrerin könne einen gefährlichen Schock erleiden, falls sie vom Untergang der DDR erfährt. Niemand ahnt, dass Christiane Kerner nicht ganz so systemtreu ist, wie alle dachten…

Großartige Filme, die man gesehen haben muss

Der bisher vermutlich detaillierteste Filmbeitrag zur DDR dürfte die Miniserie Weissensee sein. Es ist die Geschichte einer Stasi-Familie zwischen 1980 und der Nachwendezeit. Noch mehr aber ist es die Geschichte ihrer Opfer. Denn auch nach der Wende sind sie die Verlierer. Die Sprache der Bilder ist ergiebig: Der Patriarch der Stasi-Familie fährt eine Wolga-Limousine, sein ehrgeiziger Sohn immerhin noch einen Lada. Der zweite Sohn ist "nur" Volkspolizist, fährt einen Trabant und nach dem Bruch mit der Familie lediglich ein Moped…

Weissensee spart den Tod nicht aus und zeigt, dass es Charakterschweine auch im scheinbar freien Westen gab. Die Filmreihe ist reich an Wendungen. Fast bis zur letzten Minute stößt der Zuschauer auf neue, schmutzige Geheimnisse. Jeder agiert gegen jeden. Vertrauen ist tödlich.

 Das Leben der Anderen wiederum, ein sehr nachdenklicher und beklemmender Film, zeigt, zu welchem banalen Zweck die Stasi welche drastischen Mittel ergriff. Der wenig beachtete Wendepunkt des preisgekrönten Films: Die von Ulrich Mühe (Vater der unten erwähnten Anna Maria Mühe) grandios gespielte Hauptfigur versucht, im Fahrstuhl einen kleinen Jungen auszuhorchen, bemerkt aber die Niveaulosigkeit seines Tuns und hält im letzten Moment ein. Von da ab agiert der Stasi-Mann janusköpfig.

So sehr der Film auch verdientermaßen gefeiert wird – in einem Punkt ist er keineswegs realistisch: Hochrangige Stasileute, die ihre Überzeugung änderten und damit den Opfern halfen, dürfte es wohl kaum gegeben haben.

 

Nicht wirklich überzeugende Filme

Aus dem Jahr 2012 stammen zwei Filme, die sich zwar irgendwie mit dem Thema DDR befassen, jedoch deren Eigentümlichkeiten nur schemenhaft wiedergeben. Beide Produktionen sind facettenreiche Zweiteiler. Dennoch bildet die DDR hier lediglich den Hintergrund einer durchaus ausgefeilten Handlung. Die Deutsche-Diktatur-Republik ist in diesen Filmen nicht Thema, sondern Beiwerk:

 Der Turm spielt im verfallenen Dresden der 1980er Jahre und erzählt die Geschichte eines Anachronismus. Einige Mitglieder des bekämpften Bildungsbürgertums versuchen, ihren Lebensentwurf inmitten der roten Ideologie aufrechtzuerhalten. Recht schnell wird klar, dass jeder von ihnen dazu Kompromisse eingeht, sich quasi arrangiert und die eigenen Ideale verraten hat. Affären, Spitzeldienste sowie gesellschaftliche Anpassung lauern hinter der brüchigen, gutbürgerlichen Fassade. Der Verlauf der Handlung lässt sich somit in groben Zügen erahnen. 

 Dramatischer und mit überraschenden Wendungen kommt hingegen der Zweiteiler Deckname Luna daher. Der mit Götz George, Anna Maria Mühe und Heino Ferch exzellent besetzte Film thematisiert den Wettkampf in der Raumfahrt während der 1960er Jahre. Deckname Luna ist eine Mischung aus Agententhriller und Familientragödie. Das bis zum Finale spannungsgeladene Werk lässt viele Hässlichkeiten des Kalten Krieges hervorblitzen, nicht nur auf kommunistischer Seite…

 

Donky, am 08.07.2018
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