Vom "Moving Day" zum Tag des Arbeitskampfes

Unvorstellbar lange Arbeitszeiten – bis zu 18 Stunden täglich – Hungerlöhne und Arbeitsbedingungen, die man heute menschenunwürdig nennen würden: Das waren die Begleiterscheinungen der Industrialisierung. Die abhängig beschäftigte Bevölkerung verelendete zusehends, denn die früheren Bauern oder Heimarbeiter mussten ihre Arbeitskraft zu ungünstigen Bedingungen den Fabrikbesitzern anbieten.

Zwar verlief der Prozess der Industrialisierung auf den sich entwickelnden Kontinenten weitgehend gleich, jedoch gab es regional gewisse Unterschiede. So beispielsweise bei der Art der Fabriken, die sich bildeten, aber auch im Hinblick auf die Art der Entlohnung und Arbeitsverträge. Schon früh begannen die Arbeiter, sich gegen die miserablen Arbeits- und Lohnbedingungen zu wehren, indem sie sich zusammenschlossen.

Während sich in Europa die Arbeitervereine bildeten und für bessere Arbeitsbedingungen kämpften, trat in den USA eine spezielle Art von Gewerkschaften an. Sie kamen Kartellen gleich, die sowohl Einheitslöhne aushandelten als auch nach und nach erreichten, dass die Arbeitszeiten verkürzt wurden. In Chicago entstand Mitte der 1860er Jahren einer der größten Standorte der Fleischindustrie in den USA. In den riesigen Schlachthöfen wurde zentral und unter hohem Zeitdruck das Viehgeschlachtet und zu diesem Zweck auch das Fließband erfunden. In seinem Ende der zwanziger Jahre entstandenen Stück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" griffen Berthold Brecht und seine Mitautoren übrigens die Verhältnisse in Chicago auf, basierend unter anderem auf dem Roman "Jungle" von Upton Sinclair. Aber auch andere Industriebetriebe siedelten sich an, wobei die Arbeitsbedingungen stets ähnlich schlecht waren.

Die Möglichkeit, neue Löhne und bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln, ist heute ein Bestandteil der Tarifautonomie. In den jungen USA des 19. Jahrhunderts war der 1. Mai ein Anlass, sich zum Kampf für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Zu diesem Datum wurde allgemein umgezogen, daher der Name "Moving Day". Zeitgleich endeten an diesem Tag auch generell die Arbeitsverträge. Dies war die perfekte Gelegenheit, Demonstrationen oder Streiks zu organisieren.

Der Kampf um den Achtstundentag und eine unvergessliche Katastrophe

Zu den Zeiten des Hochkapitalismus, von Beginn des 18. Jahrhunderts an, arbeiteten die Fabrikarbeiter - oft Frauen und Kinder - bis zu 18 Stunden täglich. Erst nach und nach wurden die Arbeitszeiten auf – immer noch unvorstellbar lange – elf bis dreizehn Stunden herabgesetzt. Bereits in den 1860er Jahren wurde das Ziel des Achtstundentages von den amerikanischen Gewerkschaften ins Auge gefasst. Aber erst rund zwanzig Jahre später trat dieser Kampf in eine neue, heiße Phase. Der Mai 1886 wurde von den Gewerkschaften in den USA für einen mehrtägigen Generalstreik genutzt. Am 4. Mai war eine Kundgebung auf dem Haymarket in Chicago angesetzt, die mit tragischen Folgen endete. Denn nicht nur organisierte Gewerkschafter befanden sich auf dem Platz, sondern auch Personen, die allgemein als Anarchisten bezeichnet wurden. Dies waren in der fraglichen Periode Menschen, die das gesellschaftliche und politische System teils gewaltsam umstürzen wollten. Als die anwesenden Polizekräfte die Kundgebung auflösen wollten, wurde eine Bombe gezündet, die mehrere Polizisten und Arbeiter tötete. Das Gedenken an diese Tragödie stand am Beginn der Bemühungen, den 1. Mai weltweit als Arbeiterkampftag zu handhaben.

Bildpanorama einer Schweineschlachte ...

Bildpanorama einer Schweineschlachterei in Chicago (Bild: Geo. R. Lawrence Co.; July 6, 1900)

Internationaler Kongress in Paris beschließt einen Kampftag für die Verkürzung der Arbeitszeit

Nur wenige Jahre später beschlossen 400 Delegierte von Gewerkschaften und Arbeiterparteien mehrerer Länder auf einem Kongress in Paris, am 1. Mai 1890 erstmals auf internationaler Ebene einen Tag der Kundgebung zu veranstalten. Gerade zu diesem Zeitpunkt wurde das Deutsche Kaiserreich von einer Streikwelle überrollt. Für die Streikteilnehmer waren die Aktionen gefährlich, denn sie mussten damit rechnen, ausgesperrt, entlassen oder auf eine schwarze Liste gesetzt zu werden. Das hielt jedoch rund 100.000 abhängig beschäftigte Frauen und Männer nicht davon ab, sich an Demonstrationen oder Streiks zu beteiligen oder an einem sogenannten Maispaziergang teilzunehmen. Ein bescheidener Erfolg war die Durchsetzung des Koalitionsrechts, jedoch ließ die Verkürzung der Arbeitszeit nach wie vor auf sich warten.

Obwohl der 1. Mai in den Folgejahren international und regional mehr oder weniger freiwillig und unregelmäßig gefeiert wurde, hatte er bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges aufgrund der sich bildenden sozialistischen Internationale eine Daseinsberechtigung. Während des vierjährigen Krieges war an Arbeiterfragen nicht zu denken. Erst im Jahr 1919 wurde wieder daran gegangen, den 1. Mai als gesetzlichen Feiertag einzuführen.

Arbeiterzug in der Neckarstraße in ...

Arbeiterzug in der Neckarstraße in Stuttgart am 1. Mai 1900 (Bild: Herzog Philipp von Württemberg, 1. Mai 1900)

Der 1. Mai von der Weimarer Republik bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten

Als nur kurz nach Kriegsende eine kommissarische Regierung der Revolution, der Rat der Volksbeauftragten, den Achtstundentag per Dekret einführte, trug der Kampf um die Arbeitszeitverkürzung endlich Früchte. Im Januar wurde der Revolutionsrat durch die gewählte Nationalversammlung abgelöst, die im April 1919 den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag erklärte. Allerdings war dies immer noch keine allgemeinverbindliche Regelung, sondern der Tag wurde nur in wenigen Bundesländern regelmäßig begangen. Im übrigen wurde der 1. Mai nach wie vor überwiegend als kommunistische Propaganda und weitgehend abgelehnt.

Auch die Arbeiterbewegung mit ihren vielen Einzelgewerkschaften war in sich uneinig, wie der 1. Mai als Feiertag einzuschätzen war. So lehnten die christlichen Gewerkschaften, obwohl ebenso streik- und kampfbereit wie die sozialistischen, den Tag wegen der ihrer Ansicht nach zu marxistisch ausgerichteten Philosophie ab. Zwischen Sozialisten und Kommunisten bestand darüber hinaus Uneinigkeit darüber, ob der 1. Mai ein Kampf- oder eher ein Feiertag sein sollte. Aus diesem Konflikt resultierte der sogenannte "Blutmai" am 1. Mai 1929, bei dem bei einer verbotenen Demonstration durch Schießereien zwischen Teilnehmern und Polizisten 28 Menschen ums Leben kamen.

Mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 veränderte sich die Situation der arbeitenden Bevölkerung einschneidend. In Deutschland wurden bis 1932 mehr als sechs Millionen Menschen arbeitslos, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung waren das bis zu 33 %. Den Gewerkschaften war ihre Kampfkraft genommen, denn ihre Mitglieder zählten überwiegend mit zu den Arbeitslosen.

Ausgerechnet die Nazis setzen den 1. Mai als offiziellen Feiertag für ihre Propaganda ein

Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, aber den offiziellen Feiertag, wie er bis heute bekannt ist, gibt es erstmals seit dem nationalsozialistischen Regime. Nach der Machtergreifung im Januar 1933 planten die Nationalsozialisten die Arbeiter im Rahmen einer groß angelegten Maifeier in ihre Philosophie von der großen Volksgemeinschaft einzubinden. Im Aprill 1933 wurde der 1. Mai offiziell zum Feiertag der nationalen Arbeit erklärt. Bereits am Tag nach der großen Feier, am 2. Mai 1933, wurden die Gewerkschaftshäuser durch das NS-Regime besetzt und die Arbeiterbewegung nach nationalsozialistischem Muster gleichgeschaltet. Anstelle von Arbeiterkampf und Demonstrationen fanden ab diesem Zeitpunkt regelmäßig am 1. Mai Paraden und riesige Märsche statt, mit denen sich das Regime und die mit ihm kooperierende Unternehmerwelt feierte. Oppositionelle konnten nur aus dem Untergrund heraus reagieren und Symbole der Nazi-Herrschaft unerkannt beschädigen oder vernichten.

Der Tag der Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute

Noch vor dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai 1945 wurden an einzelnen, von den Allierten bereits von den Nazis befreiten Städten, erste freie Maifeiern organisiert. Im Frühjahr 1946 wurde vom allierten Kontrollrat der 1. Mai als Feiertag anerkannt. Es waren traurige Feiern, denn die Arbeiterschaft, vor allem die männliche, zwischen 20 und 40 Jahren war entweder im Krieg gefallen, verwundet oder befand sich noch in Kriegsgefangenschaft. Auch durften weder Fahnen noch Transparente mit zu den Umzügen genommen werden.

Nach 1948 und der Teilung Deutschlands wurde der 1. Mai in den beiden Zonen unterschiedlich begangen. Während in der jungen Bundesrepublik die Gewerkschaften einen Tag der Kundgebung daraus machten und diesen mit kulturellen Veranstaltungen umrahmten, wurde der 1. Mai in der DDR zum nationalen Feiertag, der von großen Paraden und Märschen begleitet war.

Nach der Wiedervereinigung stand der 1. Mai zunächst ganz im Zeichen der Angleichung von sozialen Standards der beiden wirtschaftlich unterschiedlich gewachsenen Regionen. Die Themen der Maikundgebungen haben sich gewandelt. Standen lange Jahre weitere Verkürzungen der Arbeitszeit im Vordergrund – beispielsweise die der Wochenarbeitszeit auf 38 Stunden – so nahmen Arbeitsplatzsicherung und Mindestlöhne in den vergangenen Jahren einen breiten Raum bei der Themenwahl für Maikundgebungen ein.

Mit dem Aufkommen der APO und der Studentenrevolten Ende der sechziger Jahre wurden Maifeiern auch häufig von Kravallen und Gewalt Autonomer begleitet. Für die allgemeine Bevölkerung ist der 1. Mai heutzutage lediglich ein zusätzlicher freier Tag, den man für einen Familienausflug nutzt.

 

Quellen:

Deutscher Gewerkschaftsbund

http://www.dgb.de/themen/++co++d199d80c-1291-11df-40df-00093d10fae2

Die Welt online "Tag der Arbeit – Es begann mit einem Massaker", 1.5.2013

http://www.welt.de/politik/deutschland/article115756481/Tag-der-Arbeit-Es-begann-mit-einem-Massaker.html

Autor seit 12 Jahren
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