Albern

Fährt man den so genannten Handelskai entlang, vorbei an dem imposanten Wasserkraftwerk Freudenau, so wird man rasch auf das Ortsschild "Albern" treffen. Dieser kleine Fischerort, der seit vielen Jahrzehnten schon ein Teil des elften Wiener Gemeindebezirkes ist, beherbergt neben dem wenig malerischen Hafengelände auch einen der ausgefallensten und unheimlichsten Plätze der Stadt: Den Friedhof der Namenlosen. Selbstmörder liegen dort genauso begraben wie in der Donau Verunglückte und auch zumindest ein Mordopfer, der kleine Wilhelm Töhn, hat an diesem Platz seine letzte Ruhestätte gefunden.

Der Tod hat eine lange Tradition in dieser Gegend, nicht nur, weil dort die Donau durch eine Laune der Natur ihre Toten seit jeher freigegeben hat. Auch vom freiwilligen Scheiden aus dem Leben durch entsetzliche Verzweiflung und Not, weiß dieser Ort zu erzählen. Immer wieder mussten Erhängte von den Bäumen rund um den Friedhof abgeschnitten werden, einer sogar von dem schmiedeeisernen Gitter der Kapelle. Und selbst der Totengräber fand eines Tages seinen Sohn auf diese Weise aus dem Leben geschieden.

Wie hat man sich diesen seltsamen Friedhof vorzustellen?

Nun, eigentlich sind es zwei Friedhöfe, kaum zehn Meter voneinander entfernt. Getrennt durch einen Schienenstrang und eine Zufahrtsstraße, die auf den Parkplatz des nahen Gasthauses führt, lädt der neue Friedhof der Namenlosen samt Kapelle zur Andacht ein. Wenige Stufen muss man von der Kapelle hinabsteigen, liest vielleicht die Zeilen von Graf Wickenburg, der diesem Ort ein Gedicht gewidmet hat. Dann tritt man zwischen die Gräberreihen.

An einigen der alten Bäume, die den Friedhof begrenzen, hängen Andachtsbilder, da und dort findet sich eine ausgebrannte Kerze in dem gräulichen Lehmboden. Die Gräber sind einfach gehalten, auf einigen liegt Blumenschmuck, meist aber wuchert nur üppiges Grün aus den Erdhügeln. Grabsteine gibt es kaum. Die einst hölzernen Kreuze wurden von Josef Fuchs sen., dem letzte Totengräber von Albern, durch gusseiserne ersetzen, die ursprünglich vom Wiener Zentralfriedhof stammen. Eine kleines hölzernes Häuschen fällt auf, das jedem Besucher einen gruseligen Blick in sein Inneres gewährt: Auf dem Tisch in der Mitte steht ein Sarg. Der ist allerdings leer, wie Josef Fuchs jun. amüsiert betont, schon seit Jahren wird niemand mehr auf dem Friedhof der Namenlosen beerdigt. Kommt es tatsächlich zu einem Leichenfund in der Donau, wird der tote Körper dem Wiener Zentralfriedhof übergeben.

Der Eingang

Der Eingang (Bild: Brenner W.)

Keine Priester

Eine der Besonderheiten des Friedhofes ist, dass er nicht durch Mauern oder Zäune begrenzt wird. Jeder kann jederzeit eintreten - ein Umstand der Herrn Fuchs und anderen ehrenamtlichen Helfern zuweilen Kopfzerbrechen bereitet, denn Vandalen Akte bleiben nicht aus. Im Jahr 2007 kam es wieder zu mutwilliger Zerstörung, Kreuze wurden umgeworfen, Gräber beschädigt.

Nur ein im Jahre 1935 erbauter steinerner Wall, welcher im Zuge der Erhöhung des Schutzdammes und der Errichtung der Andachtskapelle realisiert wurde, grenzen den Friedhof sichtbar gegen das üppige Grün der Au ab. Der Altarstein der Kapelle stammt übrigens aus den Trümmern der "Kronprinz – Rudolf Brücke", der alten Reichsbrücke, die in Anlehnung an das traurige Schicksal des Thronfolgers auch gerne als "Selbstmord – Brücke" bezeichnet wurde.

104 Tote wurden zwischen 1900, dem Jahr der Eröffnung des neuen namenlosen Friedhofes und 1940 hier beerdigt, der Letzte war ein Hafenarbeiter aus Deutschland. Mit dem Ausbau des Hafengeländes 1939 verschwand der Wasserstrudel (bei Stromkilometer 1918,3), welcher die toten Körper regelmäßig an dieser Stelle an Land spülte, der Friedhof verlor an Bedeutung, wurde mehr und mehr zu einem Überbleibsel, einem Kuriosum.

Der ältere Teil, 1854 auf der anderen Seite der Zufahrt angelegt, ist als Friedhof heute nicht mehr existent. Ein Hort der Namenlosen zu sein, trifft auf diesen Platz sehr viel mehr zu, im Gegensatz zu dem neuen Friedhof ist über die Toten hier tatsächlich nichts mehr bekannt, kein Stein, keine Inschrift gibt mehr Auskunft. Einzig ein Hinweisschild erzählt, dass hier überhaupt ein Ort der Bestattung war. Die Pläne der Gemeinde Wien, eine Exhumierung der 478 Grabstätten durchzuführen, sind ebenso in Vergessenheit geraten wie die Gräber selbst.

Da viele der Leichen Selbstmörder gewesen waren, verbot man sich ein kirchliches Begräbnis, Priester gab es in Albern keinen. 1877 wurde der Friedhof vergrößert, eine hölzerne Leichenhalle gebaut, die Regelungen zur Bestattung verbessert. Man hob Kleider und Gegenstände von Wert auf, um eine mögliche Identifikation der Toten auch in späteren Jahren zu ermöglichen.

Die Donau holt sich ihre Toten zurück

Hinter diesem, von Einheimischen immer noch gebrauchten Ausspruch, steht die Tatsache der wieder kehrenden Überschwemmungen, die trotz Flussregulierung und Schutzwall auch vor dem Friedhofsgelände nicht Halt machten. 1899 beschloss man, den ursprünglichen Friedhof, der sehr nahe am Wasser gelegen war und so wie der Ort Albern selbst immer wieder Überschwemmungen zum Opfer fiel, aufzugeben. Ein denkwürdiges Beispiel wie sich solche Katastrophen zugetragen haben mochten lieferte das Jahrhunderthochwasser im Jahre 2002. Das gesamte Friedhofsgelände, alt und neu, wurde überflutet. Es gelang nur mit Mühe bis zum Friedhof vorzudringen, das Hafenareal musste gesperrt werden. Das Gräberfeld selbst war verschwunden. Nur noch die Spitzen der Eisenkreuze lugten aus dem schmutzig braunen Wasser.

In den wenigsten Fällen geben die Grabschilder Hinweise auf das Schicksal der Toten (Bild: Brenner W.)

Von Geistern und Gespenstern

Viele Geschichten ranken sich um den Friedhof der Namenlosen, eine der bekanntesten wird in dem Buch "Spuk in Wien” neu erzählt. Sie handelt von der unerfüllten Liebe des Arnold Moser, der seine verlorene Geliebte erst als alter Mann wieder finden sollte - Jahrzehnte zuvor hatte sie sich in den kalten Fluten der Donau das Leben genommen.

Wie sehr der Friedhof der Namenlosen an Popularität gewonnen hat, beweist ein nächtlicher Besuch in der warmen Jahreszeit. Oft trifft man Neugierige, Interessierte, Abendheuerlustige, aber auch verzweifelte und einsame Gestalten, die hier ihren Frieden suchen. Seit der Friedhof auch als Kulisse für eine Szene des Filmes "Before Sunrise”, mit Ethan Hawke diente, finden auch einige Touristen ihren Weg dorthin.

Schließlich aber wird es wieder ruhig, die Kerzen verlöschen, auch die letzten Besucher ziehen sich zurück. Einige Stunden ist den Toten Ruhe gegönnt, bis der Morgen anbricht und die Namenlosen ihre nächsten Besuche empfangen. Menschen die dieses Kuriosum staunend betrachten, einen wohligen Schauer genießen und befriedigt ihrer Wege gehen, Wege die alle an ähnlichen Orten enden, irgendwann.

Namenlose Gräber (Bild: Brenner W.)

Autor seit 5 Jahren
5 Seiten
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