Von Erdscheiben und Hexenfeuern

Gerade das Mittelalter bietet viel Gelegenheit für Legenden und Halbwahrheiten. Nicht totzukriegen ist beispielsweise die Behauptung, vor Kolumbus hätte man die Erde für eine Scheibe gehalten. Vielleicht gab es ja vereinzelt tatsächlich ein paar Einfaltspinsel, denn immerhin existieren ja auch heute noch Zeitgenossen, die an eine flache Erde glauben.

Aber im Allgemeinen können wir davon ausgehen, dass die Menschen auch damals schon logisch dachten. Ihnen fiel deshalb sicher auf, dass Kirchtürme, Schiffssegel und andere Erhebungen von weitem stets zuerst sichtbar wurden. Daraus dürfte die Schlussfolgerung entstanden sein, dass die Erdoberfläche rund ist. Welche der beiden Thesen über mittelalterliches Allgemeinwissen stimmt, darf natürlich jeder für sich selbst entscheiden.

Nicht weniger undifferenziert ist die Behauptung, die Kirche hätte ganz gern mal flächendeckend Ketzer und Hexen verbrannt. Diese (oft auch als Religionskritik missbrauchte) Ansicht erweckt bisweilen den Eindruck, das ganze Mittelalter hindurch hätten europaweit täglich Hexenfeuer gelodert. Für Folterknechte und Henker müsste demnach Hochkonjunktur geherrscht haben. Abgesehen davon, dass diese Vorkommnisse erst nach dem Mittelalter (in der frühen Neuzeit) ausuferten, war die damalige Bevölkerungsdichte für solche Vernichtungswellen schlichtweg zu gering. Folter, Hexenverbrennung und Ketzerjagd stellten zudem keineswegs ein rein religiöses, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Phänomen dar.

Amerikanische Irrtümer

Auch hinsichtlich der so genannten Neuen Welt bildeten sich einige Mythen heraus. Dazu gehören dank unzähliger Filme reitende und saufende Cowboys, idyllische Planwagen-Trecks sowie kunstvoll gestaltete Saloons, vor denen regelmäßig Pistolenduelle stattfanden. Die wirkliche Cowboy-Ära hingegen dauerte nur wenige Jahre und war alles andere als idyllisch.

Die Behauptung, dass Kolumbus der erste Entdecker Amerikas sei, ist ein weiterer Klassiker.

Wenig bekannt dürfte zudem auch sein, dass das Skalpieren ursprünglich keineswegs ein indianischer Brauch war, sondern erst von westlichen Eroberern eingeführt wurde, quasi als Beweis für so genannte Kopfprämien.

Entgegen aller heutigen Selbstbeweihräucherung der USA wurde der amerikanische Bürgerkrieg auch nicht um die Abschaffung der Sklaverei geführt. Vielmehr gab es wirtschaftliche Differenzen zwischen dem industrialisierten Norden und der durch Sklaverei auf billig getrimmten Landwirtschaft der Südstaaten. Die wirkliche Gleichberechtigung der Schwarzen hingegen ließ noch einmal rund ein Jahrhundert auf sich warten. Wie so viele Kriege, wurde also auch der Amerikanische Bürgerkrieg vor allem aus ökonomischen Interessen heraus geführt.

Irrtümer über Adolf und Konsorten

An ihm kommt niemand vorbei: Der demagogische Österreicher mit dem markanten Bärtchen begegnet uns immer wieder. Zahlreiche Doku-Sender senden nahezu täglich "irgendwas mit Hitler"….

Dessen Bewunderer und geistige Nachfolger wiederum streichen heute immer noch seine angeblichen Verdienste heraus: Autobahnbau und Wirtschaftsaufschwung. Tatsächlich jedoch gab es bereits vor Hitlers Machtergreifung die erste Autobahn. Der Reichskanzler führte diese Idee lediglich konsequent fort, um seine Armeen schneller in alle Himmelsrichtungen zu transportieren. Selbst der damit einhergehende Wirtschaftsaufschwung war ein faules Ei. Zum einen erholte sich die Wirtschaft nach der Krise 1929/30 bereits von ganz allein wieder. Zum anderen waren Hitlers Konjunkturprogramme durchweg auf Pump finanziert. Von vornherein sollten diese Ausgaben durch die späteren Eroberungen kompensiert werden. Die Enteignung der Privatwirtschaft tat ein Übriges. Beide Maßnahmen wandten übrigens auch die Kommunisten vor, während und nach Hitler an. Darüber sollten Adolfs heutige Bewunderer einmal intensiv nachdenken...

Nationalistische Zeitgenossen glauben außerdem bis heute, Arier seien nordische Typen: Groß, stark, gesund, blond und blauäugig. Abgesehen davon, dass dies auf Obernazis wie Hitler, Goebbels, Himmler und Göring nicht zutraf, war und ist diese Definition schlichtweg falsch. Als arisch gilt vielmehr eine bestimmte indoiranische Sprachgruppe. Im Dritten Reich waren daher die einzigen wirklichen Arier vermutlich die verfolgten Roma.

Doch auch die Gegner der rechten Ideologie irren sich gelegentlich im Bezug auf den "Führer". Immer mal wieder macht das Gerücht die Runde, Hitler sei selbst Jude gewesen. Richtig ist: Hitlers Mutter war bei einem jüdischen Arzt in Behandlung (der ihr übrigens zu einer Abtreibung geraten haben soll). Alle anderen Bezüge zwischen Hitlers Herkunft und dem Judentum resultieren lediglich aus der etwas wirren Familiengeschichte. Eine leibliche Verwandtschaft Hitlers zur jüdischen Bevölkerung jedenfalls lässt sich nicht nachweisen.

Wer hat was wirklich gesagt?

Er gilt im Kollektivgedächtnis als standhafter Wissenschaftler gegenüber der Inquisition: Galileo Gallilei (1564-1642). Tatsächlich jedoch wurde der Italiener wahrscheinlich nie ernsthaft mit Folter und Hinrichtung konfrontiert. Im Gegenteil: Anfangs förderte die katholische Kirche den Gelehrten sogar. Erst neun Jahre vor seinem Tod wurde er vor ein Inquisitionsgericht gerufen, weil er sein Weltbild als einzig richtig bezeichnete. In der Folge stand Gallilei unter Hausarrest, durfte jedoch weiterforschen. Zu diesem Zeitpunkt war das heliozentrische Weltbild in Europa jedoch bereits seit rund einem Jahrhundert bekannt. Es mag eine schöne Legende sein, doch mit einiger Wahrscheinlichkeit hat Gallilei daher auf dem Sterbebett nicht gesagt: "Und sie bewegt sich doch!".

Ein ähnlich heroischer Ausspruch wird gern Luther zugeschrieben: "Hier stehe ich – ich kann nicht anders, Gott helfe mir", soll er 1521 auf dem Wormser Reichstag angesichts der geistlichen und weltlichen Würdenträger gesagt haben. Ganz so kühn und filmreif war die Sache vermutlich doch nicht. Die entsprechende Passage in Luthers Rede erinnert nur sehr entfernt und sinngemäß an den berühmten Ausspruch. Sie lautet: Deshalb kann und will ich nichts widerrufen..., Gott helfe mir, Amen."

Weniger heldenhaft werden hingegen zwei Politiker der jüngeren, deutschen Geschichte zitiert: Mit viel Häme erinnert so mancher Stammtisch-Politiker daran, dass Helmut Kohl den Neuen Bundesländern blühende Landschaften versprochen habe. Unterschlagen wird dabei allerdings meist, dass Kanzler Kohl diese Vision im gleichen Satz an entsprechende gemeinsame Anstrengungen koppelte.

Nicht weniger missverstanden wurde Kohls ehemaliger Arbeitsminister Norbert Blüm. Der hatte 1986 den plakativen Slogan "Denn eins ist sicher: Die Rente." veröffentlicht. Seitdem wird Blüm immer wieder unter dem Schlagwort "Die Rente ist sicher" zitiert, sobald Diskussionen zu diesem Thema aufkommen. Die Polemiker, Frustrierten und Berufsdemonstranten der Republik geben sich dabei allerdings einer sehr einseitigen Sichtweise hin. Im sachlichen Zusammenhang bezog sich dieser berühmte Slogan nämlich nicht auf die Höhe der Rente, sondern auf das damalige Rentensystem selbst. Aber das passt natürlich nicht so richtig in Kabarettprogramme und Oppositionsreden...

Autor seit 9 Jahren
235 Seiten
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