Schliemanns atemberaubende Entdeckung

Ursprünglich wollte Schliemann durch Grabungen auf dem Hügel Hissarlik in der Türkei nachweisen, dass sich dort einst das sagenhafte Troja befunden hat, laut Homers Erzählungen Schauplatz eines zehnjährigen Krieges. Dies gelang nur teilweise. Hissarlik deutete zwar stärker auf die Existenz Trojas hin als andere Grabungsorte. Ein schlagender Beweis fehlte jedoch. Schliemann wollte deshalb im Sommer 1873 die Grabungen einstellen. Er glaubte nicht an weitere Funde (eine fatale Fehleinschätzung, denn bis heute wird dort gegraben). Kurz vor dem Ende der Grabungsaktion will Schliemann jedoch zufällig einen metallischen Gegenstand entdeckt haben. Angeblich ließ er sofort für alle Arbeiter einen bezahlten Urlaubstag ausrufen, da er (aus Erfahrung klug geworden) Diebstähle befürchtete. Unter Lebensgefahr habe er schließlich gemeinsam mit seiner Frau einen unermesslichen Schatz geborgen. Für Schliemann stand fest: Dies muss der Schatz des legendären Königs Priamos sein. Die kastenförmig angeordneten Fundstücke wiesen Spuren großer Hitze auf. In seiner Phantasie stellte sich der Ausgräber daher vor, dass ein Mitglied der Königsfamilie während der Eroberung Trojas mit einer Schatztruhe flüchten wollte, dabei jedoch von brennenden Trümmern verschüttet wurde. Noch zu Schliemanns Lebzeiten stellte man allerdings fest, dass der Schatz einem rund 1.000 Jahre älteren Herrscher gehörte. Der Name "Schatz des Priamos" haftete dem Fund dennoch weiter an.

Zweifel am Schatzfund

Der sonst so ungeduldige Schliemann wartete tagelang, ehe er seinen Fund publik machte und damit schlagartig weltweites Interesse weckte. Gerade dies zog aber Zweifel nach sich. Lange war ungeklärt, wann der Schatzfund genau erfolgte und wie Schliemann ihn transportierte. In zahlreichen Briefen und Veröffentlichungen macht er dazu verschiedene Angaben. Klarheit in die zahlreichen Details, Schriftzeugnisse und Forschungsergebnisse brachte schließlich das Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen im Jahr 2023 durch eine bemerkenswerte Sonderausstellung.

Als frühester Fundtag kommt der 31. Mai 1873 in Frage. Briefe aus Schliemanns Nachlass belegen zudem eine Lüge des Archäologen: Sophia Schliemann, die Gattin des Ausgräbers, war auf keinen Fall am Schatzfund beteiligt. Sie befand sich zu diesem Zeitpunkt kränkelnd im heimischen Griechenland. Schwerwiegender jedoch waren die Anschuldigungen der neidischen Gelehrtenwelt. Der Schatz sei aus verschiedenen Funden zusammengestellt, behaupteten einige. Andere sprachen ganz offen von einer Fälschung. Schliemann selbst gab Anlass zu Gerüchten. Den Schatz hielt er gut versteckt, offenbar aufgeteilt auf die zahlreichen griechischen Verwandten seiner Frau. Zudem erkundigte er sich in Frankreich diskret nach einem Goldschmied...

Allerdings hatte er dafür gute Gründe: Die Türkei klagte in Griechenland auf Auslieferung des Schatzes, denn Schliemanns Verhalten verstieß gegen seine Grabungslizenz. Danach hätte er die Hälfte aller Funde an die Türkei abtreten müssen. Möglicherweise versuchte er also, das türkische Interesse an den Funden abzuschwächen, indem er die Zweifel selbst heimlich nährte. Ein anderer Erklärungsversuch lautet, dass Schliemann im Fall einer Verurteilung eine gut gefälschte Kopie des Schatzes ausliefern wollte. Doch dies sind Spekulationen. Letztendlich einigte man sich auf eine Entschädigung in Höhe von 10.000 Franc, welche der Millionär freiwillig auf 50.000 Franc erhöhte. Völkerrechtlich gehörte der Schatz nun ihm. Zu Schliemanns Verteidigung sei gesagt, dass seine Motive ehrenwert waren, denn erfahrungsgemäß wären diese auch wissenschaftlich wertvollen Funde im Osmanischen Reich spurlos verschwunden.

 

Odyssee eines Schatzes

Der Schatz des Priamos faszinierte die Weltöffentlichkeit, denn erst rund 50 Jahre später sollte im Grab von Pharao Tut-ench-Amun wieder ein vergleichbarer Goldfund entdeckt werden. Dennoch hatte Schliemann Schwierigkeiten, einen passenden Ausstellungsort zu finden. Griechenland, Italien und Deutschland lehnten ab. In London schließlich trafen Schliemanns Anfragen auf Interesse. Die Ausstellung 1877 wurde ein triumphaler Erfolg. Erst fünf Jahre später gelangte der Schatz nach Berlin. Schliemann hatte ihn dem deutschen Volk geschenkt!

Die Ausstellungsorte der Schliemann-Sammlung wechselten im Laufe der Jahrzehnte mehrfach innerhalb Berlins. Als die Stadt 1945 kurz vor der Eroberung stand, verpackte man den Schatz in drei Kisten und deponierte diese im völlig überfüllten "Flak-Bunker am Zoo". Wilhelm Unverzagt, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, bewachte die Kisten persönlich. Als die Rote Armee den Bunker eroberte, traf Unverzagt eine folgenschwere Entscheidung: Er übergab den Schatz einem hochrangigen Offizier. Obwohl man ihn später heftig kritisierte, tat er das Richtige, denn somit wurde der Schatz vor Plünderern bewahrt. Unverzagt war klar, dass der Schatz laut Völkerrecht zurückgegeben werden musste. Auch der sowjetische Propaganda-Offizier Tjulpanow ließ (in anderem Zusammenhang) verlauten: "Das sowjetische Volk betrachtet Kunstschätze nicht als Kriegsbeute." Dennoch war der Schatz von nun an fast 50 Jahre lang verschollen. Die Sowjetunion verneinte seinen Besitz vehement. Lediglich eine durch Patina verfärbte Silberschale, welche sich nicht im Flak-Bunker befunden hatte, wurde 1958 an die DDR zurückgegeben.

Trojas Gold wird ein zweites Mal entdeckt

Während der 1990 beginnenden Rückgabeverhandlungen über deutsche Kulturgüter bestritt die russische Seite den Besitz der Schliemann-Funde, obwohl Forscher zwischenzeitlich die fraglichen Frachtpapiere aufgefunden hatten. Umso peinlicher wurde es daher für Russland, als der trinkfreudige Präsident Jelzin 1993 bei einem Staatsbesuch in Griechenland die Ausstellung des Schatzes offerierte. Nun gab es kein Halten mehr. Ein gutes Jahr später öffneten sich für ein ausgesuchtes Team deutscher Wissenschaftler geheime Pforten des Moskauer Puschkin-Museums. Der Schatz des Priamos feierte seine zweite Wiederentdeckung.

Obwohl der Schatz des Priamos unzweifelhaft nach Deutschland gehörte, verweigerte die russische Seite hartnäckig eine Rückgabe. Ein raffinierter Schachzug machte schließlich die Rückkehr des Schatzes nach Deutschland nahezu unmöglich: Das russische Parlament erklärte gegen Jelzins Widerstand das trojanische Gold sowie andere Kunstschätze als Kriegsentschädigung zum "ständigen Eigentum Russlands". Sollte allerdings jemals das verschollene Bernsteinzimmer auf deutschem Boden gefunden werden, wäre es spannend, ob Russland dessen Rückgabe aufgrund eben jenes Völkerrechts fordert, welches es beim Schatz des Priamos bestreitet...

Um die diplomatischen Wirren vollends zu komplettieren, ertönen auch immer wieder aus der längst entschädigten Türkei Forderungen nach einer Rückkehr des Schatzes.

Wer sich dennoch ein Bild von Schliemanns Sensationsfund machen möchte, muss dazu nicht nach Moskau reisen. Originalgetreue Nachbildungen des Schatzes bzw. einzelner Teile davon können im Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin sowie im mecklenburgischen Ankershagen im Heinrich-Schliemann-Museum besichtigt werden.

Donky, am 02.01.2024
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