Schritt 1: Ein Mal drüber schlafen!


Einen Text ruhen zu lassen und eine Nacht darüber zu schlafen ist ein prima Einstieg beim Überarbeiten von Artikeln. Und ein erholsamer noch dazu! Denn nachts sortieren sich Gedanken im Kopf von alleine. Wer am nächsten Tag einen unverbrauchten Blick auf das Geschriebene wirft, entdeckt unschlüssige Stellen, falsche Bezüge oder umständliche Formulierungen, die am Tag zuvor nie aufgefallen wären.

Schritt 2: Ballast abwerfen!

Füllwörter: Es liegt nahe, beim ersten Formulieren Füllwörter zu verwenden, die in der gesprochenen Sprache ihren festen Platz haben. Und eine Funktion: Denn so wirken Aussagen höflicher und verbindlicher. Für geschriebene Texte gilt das aber nur bedingt. Da können zu viele Füllwörter alles verwässern und vom Eigentlichen ablenken. Auf den Prüfstand gehören kleine Wörter wie auch, einfach, schon und ganz. Weitere Kandidaten sind wohl, natürlich, sehr, nämlich, bestimmt...

Adjektive: Es steckt vielen noch aus dem Schulunterricht in den Knochen. Ein guter Aufsatz zeichnet sich durch viele schöne Adjektive aus. Leider fehlt Adjektiven oft die klare Aussage: Denn was ein schönes Bild ist, ist eine Frage des individuellen Geschmacks. Wer wirklich vermitteln will, warum ein Bild schön ist, muss sich die Mühe machen zu beschreiben, was ihm an dem Bild gefällt. Ansonsten kann so ein Adjektiv einfach wegfallen, ohne vermisst zu werden.

Das gilt auch für Adjektive, die Aspekte beschreiben, die eigentlich schon in der Bedeutung des Substantivs stecken. Unnötiger Ballast beispielsweise. Schließlich ist Ballast immer lästig und überflüssig. Das ist einfach so, das weiß jeder und muss nicht noch einmal extra betont werden.

 

Bestimmter Artikel: Mitunter gewinnen Texte an Tempo, wenn der bestimmte Artikel einfach gestrichen wird. Das geht grammatikalisch natürlich nicht immer, aber erstaunlich oft. 

Sorgfältig gekürzte Fassungen eines Textes sind fast immer verständlicher und lesen sich flüssiger, weil nichts ablenkt. Auch die Aussage wird klarer, der Text gewinnt an Kontur und nimmt an Fahrt auf. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Worte ein Artikel entbehren kann, ohne an Aussagekraft und inhaltlichem Gehalt einzubüßen. Hier eine Kostprobe:

Vorher ...

Der Bodensee ist einfach zu allen Jahreszeiten schön. In den Sommermonaten warten attraktive Strandbäder auf Gäste, die dort neben der willkommenen Abkühlung einen herrlichen Blick über den See und die Berge genießen. Wer's lieber sportlich mag: Auch mit dem Fahrrad, dem Moutainbike oder zu Fuß lässt sich die Gegend natürlich ideal erkunden. 

... und nachher

Der Bodensee ist zu allen Jahreszeiten schön. Im Sommer warten Strandbäder auf Gäste, die dort neben der Abkühlung den Blick über See und Berge genießen. Wer's sportlich mag: Mit Fahrrad, Moutainbike oder zu Fuß lässt sich die Gegend ideal erkunden. 

Schritt 3: Wiederholungen aufspüren

Einmal abgesehen von Keywords in Online-Texten gilt es, Wortwiederholungen tunlichst zu vermeiden. Denn sie wirken wie Stolpersteine im Text und vermitteln den Eindruck, dass Autoren da ziemlich überhastet zu Werke gegangen sind.

Bei eigenen Texten fällt es allerdings besonders schwer, Wortwiederholungen aufzuspüren. Eine Hilfe ist da, den Text laut zu lesen (Schritt 7: Akustische Endabnahme).

Apropos Keywords: Auch wenn es wichtig ist, Suchmaschinen ausreichend mit Schlüsselwörtern zu füttern, heißt das noch lange nicht, Leser mit den ewig gleichen Formulierungen zu nerven. Schließlich können auch Schlüsselwörter gut verteilt sein.

 

Schritt 4: Lieber aktiv bleiben!

Ich frage mich immer, warum sich beim ersten Formulieren so oft Passivkonstruktionen einschleichen. Vielleicht liegt es daran, dass es fürs Erste einfacher ist, nicht alles auf einmal präzise benennen zu müssen. Denn ein aktives Verb verlangt einen Handelnden, einen Vorgang und Objekte. Bei Passivsätzen kann man sich das Subjekt erst einmal sparen.

Wie auch immer: Aktivsätze sind besser als Passivsätze. Sie machen den Text lebendiger, verständlicher und sind oft sogar kürzer. Außerdem lassen sich mit aktiven Verbformen sogenannte Satzklammern vermeiden – also die Zweiteilung des Verbs ("wird... geschält").

Hier einige Beispiele, wie Passivsätze leicht zu vermeiden sind: 

Vorher ...

Ingwer wird am besten mit einem Löffel geschält. Dazu wird der Löffel einfach mit der Wölbung nach innen angesetzt. So kann die Schale ganz leicht abgeschabt werden. Aus Ingwer können Tees, Sirup oder Limonade hergestellt werden. Auch für Suppen oder Gemüse kann er verwendet werden. Passende Rezepte sind hier zu finden.

... und nachher

Schälen Sie Ingwer am besten mit dem Löffel. Dazu den Löffel mit der Wölbung einfach nach innen ansetzen. So gelingt es ganz leicht, die Schale abzuschaben. Ingwer eignet sich prima für Tees, Sirup und Limonade. Oder für Suppen und Gemüse. Passende Rezepte finden Sie hier.

Schritt 5: Wie Formulierungen schlanker und direkter werden

Nur scheinbar sachlich: Substantive, die auf ung enden

Der Liedermacher Reinhard Mey hat den ung-Wörtern schon vor Jahrzehnten mit dem Song "Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars" ein Denkmal gesetzt. Solche Substantivierungen (sorry, sie heißen nun einmal so) sind wahrscheinlich nur beliebt, weil sie so schön offiziell klingen. In Wirklichkeit sind sie sperrig und missverständlich. Denn die Bewertung des Mitarbeiters kann meinen: Der Mitarbeiter wird bewertet oder hat selbst jemanden bewertet.

Wenn man schon auf die Nominalform eines Verbs nicht verzichten will, gibt es die Möglichkeit, das Hauptwort aus dem Infinitiv zu bilden: das Bearbeiten des Textes statt die Bearbeitung des Textes. Das ist wenigstens nicht so sperrig. Sonst bietet es sich an, ung-Wörter in einen Satz umzuwandeln. Warum nicht gleich mit Reinhard Meys Liedtext die Probe aufs Exempel machen?

Original ...

Ich hätte gerne einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars, zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars, dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt, zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.

... und Übersetzung

Ich möchte ein Formular beantragen, das die Nichtigkeit des Durchschriftexemplars bestätigt – mit einem Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde, um es beim zuständigen Erteilungsamt vorzulegen zu können. 

Besser nicht zum Einsatz bringen: Funktionsverbgefüge 

Sie sind so unmöglich, wie ihr Name klingt: Funktionsverbgefüge. Gemeint sind Konstruktionen mit einem nichtssagenden Verb, bei dem sich die eigentliche Aktion im Substantiv versteckt wie zum Einsatz kommen oder in Anwendung bringen. Zum Glück lassen sich solche nichtssagenden Ungetüme mühelos verschlanken: anwenden statt zur Anwendung bringen oder prüfen statt einer Prüfung unterziehen.

Eine sperrige Kiste: Nebensätze, die mit dass beginnen

Vielleicht ist es nur eine Marotte von mir, aber Nebensätze mit dass wirken nach meinem Eindruck sperrig und blockieren oft den Textfluss. Zum Glück lassen sie sich in vielen Fällen umgehen. Noch schlimmer finde ich übrigens, wenn der ganze Satz (oder gar der ganze Text!) mit Dass eingeleitet wird.

Vorher ...

Dass der Garten im Herbst umgestochen werden muss, ist eine Behauptung, die nicht unbedingt stimmt. Eine Folge des Umgrabens ist nämlich, dass es Schnecken leicht haben, ihre Eier in tiefe Erdschichten abzulegen. Um zu verhindern, dass sich die gefrässigen Besucher ungebremst vermehren, ist zu empfehlen, dass der Boden einfach sich selbst überlassen bleibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Schnecken den Salat dann auch im nächsten Jahr ratzeputz wegfressen, wird dadurch geringer. Hier noch weitere Möglichkeiten, um Schnecken abzuhalten, den Garten zu erobern.

... und nachher

Den Garten im Herbst umzustechen muss nicht sein. Denn sonst haben es Schnecken leicht, ihre Eier in tiefe Erdschichten zu legen. Um Schnecken zu hindern, sich ungebremst zu vermehren, ist es ratsam, den Boden im Herbst sich selbst zu überlassen. Die Chance für Schnecken, den Salat auch im nächsten Jahr wieder ratzeputz wegzufressen, sinkt dadurch rapide. Hier noch weitere Tipps, wie Sie Schnecken abhalten, den Garten zu erobern.

Schritt 6: Mach mal 'nen Punkt!

Über Satzlängen lässt sich lange streiten. Grundsätzlich gilt: Je kürzer der Satz, desto mehr Spannung, Tempo und Bewegung kommt in den Text. Sachliche Texte vertragen dagegen durchaus Satzgefüge mit Haupt- und erklärendem Nebensatz. Allerdings sollte der Nebensatz den Hauptsatz nicht zu sehr zerschneiden.

Spätestens dann, wenn man beim Lesen eines Satzes den Überblick verliert oder nach Luft japst, empfiehlt es sich, nachträglich den ein oder anderen Punkt zu setzen. Denn Sätze geraten in der ersten Fassung schnell zu lang, wenn's beim Formulieren gut läuft. Zum Glück ist es kein Problem, solche Komma-Ungetüme in Häppchen zu zerlegen.

Vorher ...

Die Frau, die er schon einmal irgendwo gesehen hatte, stand in der Warteschlange am Schalter direkt hinter ihm, um eine Fahrkarte zu lösen, da sie, wie sich später zeigen sollte, auch nach Lyon fahren wollte.

... und nachher

Er hatte sie schon einmal irgendwo gesehen. Die Frau stand in der Warteschlange am Schalter direkt hinter ihm, um eine Fahrkarte zu lösen. Wie sich später zeigen sollte, wollte sie nach Lyon. Genau wie er. 

Schritt 7: Endabnahme: Flüssige Texte gehen leicht über die Lippen

Natürlich sind die meisten Texte dafür gedacht, im Stillen gelesen zu werden. Aber für Autoren ist es ein tolles Mittel, sich das Geschriebene am Ende laut vorzulesen. Zugegeben: Das kostet ein bisschen Überwindung. Aber jedes Stolpern und Sich-Verhaspeln beim Vorlesen ist ein untrügliches Zeichen, dass etwas noch besser werden kann. Es mag an zu langen Sätzen oder dem Satzrhythmus liegen, an ungewöhnlichen Wortstellungen oder Wortwiederholungen. Das merken Sie dann schon. Nur flüssige Texte gehen beim Vorlesen leicht über die Lippen. 

Fazit: Texten ist anzumerken, wie viel Mühe in ihnen steckt

Ob sich die Arbeit im Detail lohnt? Bestimmt. Denn mit jedem Überarbeiten werden Texte schlanker, klarer und stringenter. Kurz: lesefreundlicher.

Wirklich gute Texte lesen sich so leicht, als ob alles einfach so sein muss. Und als ob gut zu schreiben das Selbstverständlichste der Welt wäre.

Leser nehmen diese Textqualität intuitiv wahr und honorieren die Mühe, indem sie immer weiterlesen. Bis zum Schluss.

Schreibblockade? Von wegen!

Der Mythos von der Schreibblockade: Natürlich gibt es Situationen, in denen man mit dem Text gar nicht weiterkommt. In den meisten Fällen liegt das aber weniger an fehlenden Formulierungskünsten als an der Tatsache, nicht genau zu wissen, worauf man hinaus will. Wenn Inhalte noch nicht klar durchdacht sind, wird das Schreiben mühsam. Denn dann muss man sich schreibend Aufbau und Struktur eines Textes erschließen. An so einem Punkt also lieber aufstehen, Tee kochen, einen Spaziergang machen und in Ruhe nachdenken, was man eigentlich sagen will.

An guten Beispielen lernen: Wenn Sie ein Buch oder einen Artikel von vorne bis hinten genüsslich gelesen haben, lohnt es sich, sich anschließend einige Passagen bewusst vorzunehmen – mit dem Augenmerk darauf, wie der Text sprachlich gemacht ist. An guten Beispielen lernt es sich am besten.

Zum Weiterlesen: Schreibtipps erfahrener Autoren

Andreas Eschbach, der Autor vieler Jugendbücher und des Thrillers "Das Jesusvideo", macht sich auf seiner Homepage Gedanken über das Schreiben an sich wie auch über das Überarbeiten halbfertiger Texte. Da geht es beispielsweise darum, die richtige Story zu entwickeln oder Texte stilistisch zu überarbeiten. Den Schriftsteller beschäftigen aber auch mit praktische Fragen wie die Wahl des richtigen Rechtschreibprogramms oder die Ausstattung des Arbeitszimmers. Lesenswert!

Der Journalist Peter Linden zeigt in seinem Buch "Wie Texte wirken", wie Wörter, Sätze und Texte bei Lesern ankommen und warum. Synonyme und Satzperspektiven sind genauso Thema wie die Textstruktur. Ein Buch, das viele Einsichten fürs eigene Scheiben eröffnet. Bei Amazon gebraucht zu bekommen. Oder über die Homepage des Autors.

Titelbild und Illustrationen: Heimo Cörlin

Mondstein, am 25.10.2012
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Autor seit 4 Jahren
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