Artikel 1 der internationalen Politik: Die Würde anderer Menschen ist zweitrangig?

Wer seine Umgebung eine Weile intensiv beobachtet, bemerkt bald: Das Miteinander der Menschen ist eigentlich ein Nebeneinander, manchmal sogar ein Gegeneinander. Offenbar kommen viele Menschen nicht mehr auf die Idee, dass andere Leute ebenfalls ein Recht auf Würde haben. Die Würdenträger der großen Politik machen es vor: Unter dem Vorwand, gerechte Kriege zu führen, überziehen gewisse Staaten andere Nationen mit Krieg. Für die USA beispielsweise ist der 11. September ein Trauma. Gewiss, dieser Tag war fürchterlich. Doch daraus den Schluss zu ziehen, man dürfe andere Menschen mit ferngesteuerten Drohnen ermorden, Millionen Bürger bespitzeln und Folterlager einrichten, ist schon gewaltig vermessen. Die USA tun dies alles wegen der rund 3000 Toten des 11. September. Die gleiche Nation hat allerdings in Vietnam, Irak, Afghanistan und zahlreichen anderen Staaten ein Vielfaches an Toten, Versehrten und Verelendung bewirkt. Kein vernünftiger Nichtamerikaner verlangt dafür jedoch ein von der Weltgemeinschaft geduldetes Recht, in den USA spitzeln und töten zu dürfen... Wie unterschiedlich doch menschliche Grundrechte bewertet werden! Udo Lindenberg hat in mehreren Liedern über Würdenträger einfache Wahrheiten unvergleichlich treffend formuliert. In der Politik ist die Würde anderer Menschen eben (entgegen aller Beteuerungen) nichts wert. Die Täter bemerken oder ignorieren dabei jedoch meist, dass sie auch ihre eigene Würde beschädigen.

Artikel 1 des deutschen Alltags: Von Halbgöttern und Unterschichten

Dennoch muss man nicht erst in die große Weltpolitik hineinschauen, um die Abgründe aus Macht und Gier zu erkennen, in denen unsere Grundrechte verschwinden. Wer den täglichen Kampf gegen die Würde des Menschen beobachten möchte, sollte sich einmal in eine beliebige Arbeitsagentur begeben: Halbgötter hinter Schreibtischen missbrauchen ihre Macht, Sanktionen auszusprechen, offenbar recht gern. Allerdings vergessen sie dabei, dass auch ihre eigenen (vergleichsweise fürstlichen) Gehälter aus öffentlichen Kassen stammen. In diese Kassen eingezahlt haben aber auch die Schikanierten...

Neulich in den Nachrichten: Ein Teil der Gurkenernte muss vernichtet werden, weil es nicht genug Erntekapazitäten und außerdem sowieso zu viele Gurken gibt. Auf die Idee, Menschen mit geringem Einkommen (dazu zählt auch so mancher Arbeitnehmer) die Überschüsse an Gurken, Getreide oder Obst kostenlos zur Eigenernte zu überlassen, kam offenbar niemand. Stattdessen müssen diese Menschen den für viele beschämenden Gang zu einer Tafelinitiative antreten.

Es gibt sicher noch viele weitere Beispiele, wie Scheinheiligkeit, Gier und kleingeistiges Machtgehabe unsere Gesellschaft zerstören. Wie wenig die Menschenwürde noch wert ist, zeigt sich unter anderem an unserem Umgang mit Kindern, dem Geschlechterkampf und der verlogenen Debatte um Gleichberechtigung.

Wie wir unsere Würde selbst verspielt haben

Dass es soweit kommen konnte, verdanken wir auch unseren eigenen Lebensgewohnheiten. Da wird gegen die so genannte Unterschicht (nicht nur) in den Boulevardmedien gehetzt. Wir konsumieren diesen Schwachsinn und ignorieren, dass die gleichen Medien diese "Unterschicht" erst herangezogen haben. In angeblichen Reallity-Shows, Talk-Formaten und Pseudo-Reportagen werden Menschen einem Millionenpublikum vorgeführt – und jenes amüsiert sich darüber. Irgendwann glaubt dann so mancher tatsächlich, dies sei Realität, und von Hartz IV könne man bestens leben. Trash-TV ist eben wichtiger als Bildung und soziales Engagement. Für Würde bleibt da kein Platz.

Doch es geht noch besser in Sachen Würdelosigkeit. Viele reden über Datenschutz und posten dennoch peinliche Fotos von sich in sozialen Netzwerken. So mancher zieht sich abartige Websites rein und spielt Computerspiele, die das Töten zum Vergnügen machen. Anschließend schüttelt er vielleicht den Kopf darüber, wenn wieder einmal ein Durchgeknallter ein Familiendrama angerichtet hat. Besonders ausführlich werden solche schlimmen Nachrichten in der berühmten Zeitung behandelt, die keiner gekauft haben will, obwohl alle wissen, was drin steht...

Die Bibel nennt in Matthäus 7 Vers 12 eine schlichte Wahrheit: Alles, was euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch... Wollte das jeder beherzigen, müsste die Menschenwürde nicht erst im Grundgesetz verankert werden. Allerdings entfiele dann so mancher unterhaltsame, dekadente "Spaß" auf Kosten unserer Mitmenschen. Dekadenz aber ist die Vorstufe des Untergangs. Viele Hochkulturen dieser Welt gingen genau daran schleichend zugrunde. Wir auch?

Autor seit 5 Jahren
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