Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie, kurz ACT genannt – was ist das?

Das Online-Lexikon Wikipedia liefert uns folgende Definition:

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT, gesprochen wie das englische Wort act) ist eine neuere Form der Psychotherapie, bei der klassische verhaltenstherapeutische Techniken mit achtsamkeits- und akzeptanzbasierten Strategien und mit Interventionen zur Werteklärung kombiniert werden. ACT beruht auf der Bezugsrahmentheorie (Relational Frame Theory), einem kontextualistischen Erklärungsmodell für sprachlich-gedankliche Prozesse, welches eine Weiterentwicklung verhaltensanalytischer Erklärungsansätze skinnerscher Prägung darstellt.

(Anmerkung: Der Begriff Commitment kommt aus dem Englischen und bedeutet "Verpflichtung". Im Sinne von ACT bedeutet das: Man trifft eine Wahl, legt sich auf bestimmte Ziele, Werte und Handlungen fest.)

Verstanden? - Keine Sorge, ACT klingt viel komplizierter, als es eigentlich ist.

ACT-Therapeut Matthias Wengenroth beschreibt es etwas einfacher:

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT, ausgesprochen als ein Wort, wie das englische Verb "act") ist eine Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie, sie fußt auf dem gleichen Grundsatz – nämlich dass psychische Probleme auf ungünstigen oder fehlenden Lernprozessen beruhen.

Ja, es ist schade, dass der umständliche Begriff Akzeptanz- und Commitmenttherapie vielleicht manchen auf Anhieb eher abschrecken mag. Denn ACT ist genau das Gegenteil dessen, was sein Name verspricht:

ACT ist verständlich, einfach nachvollziehbar, praktisch und (lebens)klug. Schon Kindern kann man die Prinzipien dieser Therapieform schnell und mühelos verständlich machen.

Klingt vielversprechend?

Ist es auch. Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie wurde bereits mehrfach in wissenschaftlichen Studien getestet und ihre Wirksamkeit ist bewiesen: Vor allem bei Ängsten, Depressionen, aber auch bei Persönlichkeitsstörungen und sogar körperlichen Erkrankungen wie Diabetes hat sie sich als effektiv erwiesen.

ACT lässt sich aber genau so gut nutzen, um Ziele zu erreichen, Aufgaben anzupacken und durchzuziehen, Sorgen und Alltagsstress besser zu bewältigen, mehr Erfüllung im Leben zu finden, …

"Ich bin nicht glücklich – stimmt etwas mit mir nicht?"

Unsere Grundbedürfnisse sind gedeckt, die meisten von uns leben in Sicherheit und Wohlstand: Wir Menschen in der westlichen Welt sollten eigentlich zufrieden sein. Sind wir aber nicht. "Ganz im Gegenteil, oft fühlen wir uns sogar absolut miserabel!" schreibt Russ Harris, ACT-Therapeut und Ausbilder, in seinem Buch "Raus aus der Glücksfalle".

Dass wir nicht glücklich sind und von unserem Gehirn jeden Tag mit einer Vielzahl an negativen Gedanken konfrontiert werden, ist aber vollkommen natürlich. Um zu überleben haben wir Menschen im Laufe der Entwicklungsgeschichte gelernt, nach Problemen Ausschau zu halten – darauf ist unser Gehirn spezialisiert.

Die 3 Mythen über das Glück - Dr. Russ Harris

"Ich sollte aber positiver denken, oder?"

Nein, in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie geht es nicht darum, immer gut drauf zu sein und positive Gedanken zu haben. Wir müssen unsere negativen Gedanken weder verändern noch verdrängen. Wichtiger ist es, die eigenen Gedanken anders zu bewerten, sich von ihnen nicht mehr vereinnahmen zu lassen.

"Aber mir gehen ständig Sorgen und Probleme durch den Kopf … kann ich denn nichts dagegen tun?"

Stimmt, da gibt es diese nervende Stimme im Kopf, die uns permanent mit unheilverkündenden Stories und den kleinen und großen Dramen aus unserem täglichen Leben "zudröhnt".

Russ Harris rät: Raus aus dem Kopfkino und rein ins echte Leben! "Lassen Sie die Einflüsterungen Ihres Verstandes vor sich hinplätschern wie eine Radio-Talkshow im Hintergrund … und bringen Sie sich voll in Ihr Leben ein."

Ja, dummerweise lässt sich "Radio Unheil" in unserem Kopf nicht ausschalten. Aber wir können lernen, einfach nicht mehr hinzuhören.

"Und wie kriege ich das hin, meine Gedanken weniger wichtig zu nehmen?"

Auch die Akzeptanz- und Commitmenttherapie arbeitet mit dem momentan so populären Prinzip der Achtsamkeit. (Keine Angst, komplizierte Meditationstechniken sind hier nicht nötig!) Anstatt sich in Gedanken zu verlieren, geht es darum, am Leben teilzunehmen und präsent(er) zu sein.

Im Gegensatz zu anderen Psychotherapien ist in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie auch kein Aufarbeiten der Vergangenheit nötig. Denn die Vergangenheit, das sind schließlich auch "nur Erinnerungen in der Gegenwart".

"Sollte ich mich nicht mehr lieben und netter mit mir umgehen?"

Ja, Selbstliebe gilt vielen als der Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Doch der Versuch, sich mit allen Mitteln selbst lieben zu wollen, ist meist zum Scheitern verurteilt. Um freundlich und wertschätzend mit sich umgehen zu können, muss man weder Selbstvertrauen aufbauen noch sich permanent in Übungen zur Selbstliebe oder positive Affirmationen vertiefen.

Egal, wie viele positive Eigenschaften wir uns auch zusprechen, so Russ Harris: "… ihr denkendes Selbst wird immer mit Gegenargumenten aufwarten."

Besser: Ich versuche gar nicht, den Kampf gegen meinen inneren Kritiker zu gewinnen und lasse mich stattdessen ganz auf die Gegenwart ein.

"Und was ist mit meiner Lebensaufgabe, meiner Berufung? Sollte ich die nicht längst gefunden haben?"

Wir können es überall lesen: Wie wichtig es ist, sich große Ziele zu setzen und Träume wahr zu machen. Und wer das nicht schafft, der ist am Leben gescheitert? - Nein. Laut ACT können wir ein sinnvolles und erfüllendes Leben leben, wenn wir uns an unseren persönlichen Werten orientieren. Das kann jeder – und man kann sofort damit anfangen!

Beispiel? - Wenn ich gerne ein eigenes Haus haben möchte, mag es mir schwerfallen, dieses Ziel zu erreichen. Doch welcher Wert steckt konkret dahinter? Vielleicht geht es mir darum, gut für meine Familie sorgen zu können. Diesen Wert, die liebevolle Fürsorge für meine Familie, den kann ich auch heute schon praktisch in meinem Leben umsetzen.

Natürlich sollten wir trotzdem weiterhin daran arbeiten, Ziele zu erreichen, die uns wichtig sind.

Werte und Ziele - Dr. Russ Harris (in englischer Sprache)

"Und wie schaffe ich es, meine Ziele zu erreichen?"

Hier kommt die Willenskraft ins Spiel. Dabei geht es aber nicht darum, die Zähne zusammenzubeißen und durchzupowern.

ACT schlägt vor, jeden Weg hin zu einem neuen Ziel mit folgender Einstellung zu beginnen: Ich mache mir bewusst, welche Hindernisse auf mich zukommen könnten. Und ich überlege mir vorab, ob ich willens bin, meinen Weg auch dann weiterzugehen, wenn ich auf diese Hindernisse treffen werde.

Ich weiß: Selbst wenn ich vom Weg abkomme, in eine Sackgasse gerate oder womöglich mein Ziel nicht erreichen sollte – als Mensch wachsen werde ich durch diese Erfahrung auf jeden Fall.

Was die Akzeptanz- und Commitmenttherapie so empfehlenswert macht:

  • Sie ist praktisch, verständlich und gut nachvollziehbar.

  • Die Übungen sind bildhaft und humorvoll: Man begibt sich auf eine Schiffsreise mit Dämonen an Bord (siehe Video unten), fährt mit Krawallmachern im Bus, macht Tauziehen mit einem Monster …

  • Man braucht keinerlei Vorkenntnisse, um mit ACT arbeiten zu können.

  • Die Übungen lassen sich sofort umsetzen und praktisch im Alltagsleben anwenden.

  • Die Übungen sind auch für Kinder gut verständlich und leicht anzupassen.

  • Man kann die Akzepanz- und Commitmenttherapie bei einem Psychotherapeuten erlernen oder für sich alleine üben.

Dämonen an Bord - eine ACT-Metapher (Übung in englischer Sprache)

Buchtipps

In seinem Buch "Wer dem Glück hinterher rennt, läuft daran vorbei" beschreibt Russ Harris die Grundlagen der Akzeptanz- und Commitmenttherapie ganz ausführlich und regt den Leser mit vielen Übungen dazu an, alles gleich praktisch umzusetzen.

Noch empfehlenswerter für Einsteiger finde ich die verkürzte und illustrierte Version des Buches: "Raus aus der Glücksfalle – Ein Umdenk-Buch in Bildern". Die kurzen, kompakten Texte und die vielen Illustrationen machen das Buch zu einem echten Lesevergnügen: Sehr übersichtlich und ansprechend gestaltet – und sogar noch humorvoll!

Entwickelt wurde die Akzeptanz- und Commitmenttherapie ursprünglich von Steven C. Hayes, unten die überarbeitete Neuauflage des ersten Grundlagenwerks zur ACT:

Wer mehr wissen möchte:

ACT - Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (eine kompakte Zusammenfassung)

Das Leben annehmen (Informationen, Medien und Therapeutensuche)

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (Literatur, Forschung, Aktuelles, Therapeuten)

(Ohne Gewähr - Die hier vorgestellten Informationen wurden sorgfältig recherchiert und erstellt, können eine professionelle Beratung durch ausgebildete Ärzte bzw. Therapeuten aber nicht ersetzen.)

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