In den vergangenen 30 Jahren haben Schwule, Lesben und Transgender vehement für ihre Rechte gekämpft und damit viel erreicht. Seit 1995 ist der Paragraph 175 abgeschafft, seit zehn Jahren dürfen gleichgeschlechtliche Paare die Homo-Ehe miteinander eingehen, in verschiedenen Bereichen des Steuerrechtes wurde die Gleichstellung realisiert, und in Politik und Showbusiness outen sich immer mehr Prominente als schwul oder lesbisch. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Homosexualität in unserer Gesellschaft nichts besonderes mehr ist und der Kampf um Gleichstellung an sein Ziel gelangt ist. Sich auf den eigenen Errungenschaften auszuruhen und einfach bequem in der erkämpften Nische inmitten der Gesellschaft Platz zu nehmen, wäre ein Fehler, denn ein altes Sprichwort sagt ja, dass nicht alles Gold ist, was golden glänzt.

Im Sport ist Homosexualität immer noch ein Tabu

Fast nirgendwo ist Homosexualität so tabuisiert, wie im Profisport. Die Äußerungen beispielsweise eines Christoph Daum oder eines Otto Baric (ehemaliger Nationaltrainer Österreich) zeigen, welcher Geist in vielen Vereinen und Verbänden immer noch zu wehen scheint. Vor allem im Fußball ist man noch weit davon entfernt, eine Atmosphäre vorzufinden, in der sich Betroffene ohne Angst vor Sanktionen outen könnten. Fußball spielen und schwul sein, das geht einfach nicht zusammen, so eine weit verbreitete Meinung. Dass es auch anders geht, haben Spitzensportler schon früher bewiesen. Martina Navratilova beispielsweise machte schon während ihrer aktiven und äußerst erfolgreichen Laufbahn im Tennis nie einen Hehl daraus, dass sie lesbisch ist.

Diskriminierung von Schwulen und Lesben im Ausland

Auch wenn Schwule, Lesben und Transgender in Deutschland relativ sicher leben können, so ist dies in vielen Ländern der Erde anders. Im Irak werden Schwule öffentlich hingerichtet, in zahlreichen afrikanischen Staaten gilt Homosexualität als Verbrechen und wird schwer bestraft und in osteuropäischen Ländern wie Russland haben Schwule und Lesben unter massiven Repressalien zu leiden. Hier sind alle Teile der Community, die Politik und sonstige Persönlichkeiten zur Solidarität aufgefordert, damit sich die Situation auch für Homosexuelle in anderen Teilen der Welt verbessert.

Rechtsunsicherheit für schwule und lesbische Partnerschaften

Homosexuelle Paare, die ihre Verbindung vor dem Standesbeamten offiziell eintragen lassen, sind gegenüber heterosexuellen Ehepaaren nach wie vor rechtlich benachteiligt, beispielsweise beim Erbrecht. Der Freibetrag für Ehepaare liegt bei etwas mehr als 300.000 Euro, für schwule oder lesbische Paare liegt der Höchstbetrag bei lediglich 5200 Euro. Auch bei den Themen Adoption, Ehegattensplitting, Unterhaltsleistungen für den Lebenspartner und ergänzende Altersvorsorge müssen homosexuelle Paare weiterhin auf die volle Gleichstellung warten. Gerade in diesem Bereich hätten viele Homosexuelle erwartet, dass prominente schwule oder lesbische Spitzenpolitiker mehr erreichen. Vor allem von Guido Westerwelle, dem schwulen Bundesaußenminister und Vizekanzler, sind viele Homosexuelle zutiefst enttäuscht, weil er seine Stellung nicht nutzt, um sich stärker für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgendern einzusetzen. Niemand erwartet von ihm, dass er rein schwule Klientelpolitik betreibt, aber ein wenig mehr Engagement hatten viele doch erwartet.

Homophobe Haltung der katholischen Kirche

Die Tatsache, dass die katholische Kirche noch nie viel von Homosexuellen gehalten hat, konnte auch durch den neuen Katechismus von 1992, der zwar Homosexualität an sich nicht verteufelte, aber die sexuelle Betätigung als Sünde stigmatisierte, nicht überdeckt werden. Zahlreiche Äußerungen kirchlicher Würdenträger den letzten Jahren haben sehr deutlich gemacht, dass die katholische Kirche nicht willens ist, homosexuelle Menschen in ihrem Anderssein mit letzter Konsequenz zu akzeptieren. Dies schlägt sich vor allem auch in der Personalpolitik der katholischen Kirche nieder. Sobald kirchliche Angestellte sich als homosexuell outen, haben sie mit Repressalien oder gar dem Verlust ihres Arbeitsplatzes zu rechnen, vor allem, wenn sie Priester sind. Hier müssten Homosexuelle sehr viel stärker aufbegehren, als es bisher der Fall ist. Ein positives Beispiel für die Ausdauer im "Kampf" gegen längst überholte kirchliche Meinungen ist einer der Inhaber eines Münchner Hotels. Ihm wurde vor einigen Jahren aufgrund einer Anzeige verboten, mit seinem papstkritischen CSD-Wagen an der Parade teilzunehmen. Trotz eines langwierigen und nicht immer einfachen Rechtsstreits gab er nicht auf und errang vor kurzem einen wegweisenden Sieg vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof.

Die Akzeptanz gegenüber Homosexuellen in Deutschland auf dem Prüfstand

In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben homosexuelle Vereine und Verbände eine hervorragende Öffentlichkeitsarbeit geleistet und hohes Engagement gezeigt, um für die Belange von Schwulen, Lesben und Transgendern in der Gesellschaft zu werben. Diese Präsenz hatte einerseits zur Folge, dass die Community so manchen Erfolg verbuchen konnte (Homo-Ehe, Antidiskriminierungsgesetz, Fortschritte bei der steuerlichen Gleichstellung). Andererseits fühlen sich inzwischen viele Bürger vom medialen Trubel bezüglich homosexueller Themen genervt und reagieren zunehmend gereizt auf entsprechende öffentliche Diskussionen. Hier können die Reaktionen auf das Titelbild des Familienpasses der Landeshauptstadt München ein Beispiel sein. Ein weiteres Zeichen für die abnehmende Toleranz gegenüber Homosexuellen ist wohl die wieder steigende Zahl von schwulen-, lesben- und transgenderfeindlichen Übergriffen in Deutschland. Erschreckende Beispiele waren der Angriff auf einen Bavarian Mister Leather in Köln oder der Überfall auf einen Travestiekünstler aus Berlin, der dabei sogar ein Auge verlor. Gerade wegen dieser schwindenden Akzeptanz wäre es wichtig, sich auch weiterhin für die noch offenen Belange von Schwulen, Lesben und Transgendern einzusetzen, weil sich nur ein Anliegen, für das man sich engagiert, auch realisieren lässt. Der "Rohbau" der Gleichstellung von Homosexuellen in Deutschland mag inzwischen fertig sein, doch die "Baustelle" bleibt.

Laden ...
Fehler!