Aus Schaden wird man klug

Der Grund, warum es vielen Menschen so schwer fällt, etwas zu riskieren, ist die Angst vor Fehlern und Misserfolg. Doch schon unsere Vorfahren wussten: Aus Schaden wird man klug. Einen Fehler zu machen oder eine Niederlage einzustecken – ja, selbst Schaden angerichtet zu haben - ist in den meisten Fällen gar nicht so schlimm. Im Gegenteil: Ohne Fehler könnten wir nicht lernen und uns nicht weiterentwickeln.

Warum wir das nicht gerne hören? - Fehler zu machen und Scheitern zu riskieren, das kostet Mut.

Viele erfolgreiche Persönlichkeiten geben an, dass sie ihrer Bereitschaft, Fehler zu machen und Misserfolge einzustecken, den größten Teil ihres Erfolgs verdanken.

Ein berühmtes und oft zitiertes Beispiel ist Thomas Edison, der in der Tat aus Schaden klug wurde: Erst nach tausenden misslungenen Versuchen gelang es ihm endlich, die Glühbirne zu entwickeln. Doch immerhin, so erklärte Edison, habe er auf diese Weise schon tausend Wege gefunden, wie das mit der Glühbirne eben nicht funktioniert!

Wie Karin Lindinger in "Lass los … und gewinne!" erklärt: Erst durch das Weglassen aller "halbguten" Lösungen finden sich am Ende die richtigen Lösungen.

Der Misserfolg ist die Mutter des Erfolgs

Der Misserfolg ist die Mutter des Erfolgs, heißt es in Japan.

Und das ist eigentlich ganz logisch: Fehler und Misserfolge sind nichts anderes als Feedback. Sie weisen uns darauf hin, was nicht funktioniert oder wie es besser funktionieren könnte.

Fehler und Misserfolge sind Experimente: Welcher Weg bringt uns wohl an das von uns angepeilte Ziel? Wenn A nicht funktioniert und B nicht, was ist dann mit C oder D? (Ein humorvoller Spruch erinnert uns daran: Das Alphabet hat glücklicherweise außer A und B noch 24 weitere Buchstaben!)

Fehler, die in Sackgassen enden, helfen uns oft dabei, neue Wege zu entdecken: Ist uns ein Weg versperrt, dann kann uns der Umweg, den wir deshalb nehmen müssen, auf ganz neue und vielleicht sogar weitaus bessere Möglichkeiten aufmerksam machen.

Fehler bringen wertvolle Erkenntnisse, sie sind - so Karin Lindinger - "innovativer als Erfolge".

Fehler zeigen auf, was uns noch fehlt, um dorthin zu kommen, wo wir gerne sein möchten.

Sogar grobe Fehler haben auch eine gute Seite: Gerade diese Fehler macht man meist kein zweites Mal – hier hat man wirklich etwas gelernt!

Thomas Hohensee schreibt in Der innere Freund: Sich selbst lieben lernen: "Große Fehler zu akzeptieren, das ist eine Übung für Fortgeschrittene. Doch: Menschen sind fehlbar und machen auch schwere Fehler." Und er ermutigt: "Würdigen Sie alles, was Sie richtig machen. Jeden Tag machen Sie fast alles richtig."

Nach Dr. Maxwell Maltz, Autor des amerikanischen Klassikers Psycho-Cybernetics, sind Fehler nichts weiter als Möglichkeiten zur "Kurskorrektur". Dr. Maltz schreibt, dass wir alle einen "eingebauten Erfolgsmechanismus" haben, der uns wie ein Kompass auf dem richtigen Kurs hält. Kleine Abweichungen vom Kurs sind dabei vollkommen natürlich und auch notwendig, um in die angestrebte Richtung navigieren zu können.

Irren ist menschlich

Ja, es ist vollkommen natürlich, dass nicht immer alles glatt läuft. Seneca formulierte es vor langer Zeit mit den inzwischen berühmt gewordenen Worten: Irren ist menschlich.

Doch nicht nur wir Menschen irren: Auch in der Tier- und Pflanzenwelt werden "Fehler" gemacht und Anpassungen vorgenommen. Der große Unterschied ist, dass es hier keine subjektiven Bewertungen gibt, wie wir Menschen sie vornehmen.

Ein Tier fühlt sich nicht als "Versager", wenn es ein Ziel nicht auf Anhieb erreicht hat oder gibt nach dem ersten Versuch gleich wieder auf. Die Natur kennt kein "richtig" oder "falsch", "gut" oder "schlecht". Warum also legen wir Menschen diese Maßstäbe an uns, an andere und an unsere Lebensumstände an?

Traumatherapeutin Luise Reddemann stellt in ihrem Buch Eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt die Frage: "Wer entscheidet, ob etwas ein Fehler oder eine Fähigkeit ist?"

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

Viele Menschen leiden unter Ängsten und Anspannungen, weil sie krampfhaft versuchen, perfekt zu sein. Dadurch entsteht ein großer Leistungsdruck, der gerade sensible Seelen sehr belasten kann.

Das oben angeführte Zitat stammt aus der Feder des römischen Epikers Ovid stammt und fordert uns auf, nachsichtiger mit uns selbst – und anderen – zu sein. "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen" bedeutet, dass jeder von uns in der Tat "klein anfängt". Das ganze Leben ist ein einziger Lernprozess, der uns immer wieder vor neue (und oft spannende!) Aufgaben stellt. Perfektion ist dabei unerreichbar. Und das ist auch gut so, denn Perfektion ist nichts anderes als Stillstand.

Für manchen ist das Wort Lernen spätestens seit der Schulzeit ein eher negativ besetzter Begriff, denn in unserer Kultur bedeutet Lernen auch Leistungsdruck, Wettkampf und Versagen.

Lernen ist jedoch ein sehr weiter Begriff, der sich nicht nur auf das Erlernen neuer Fähigkeiten oder auf die Weiterbildung bezieht. Lernen ist tägliche Weiterentwicklung - egal, ob man lernt, anderen besser zuzuhören, ein persönliches Problem zu lösen, Gemüse anzupflanzen, ein weniger aggressiver Autofahrer zu sein, sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen oder ein neues Projekt durchzuziehen.

Als wir Kleinkinder waren, wurde noch akzeptiert, dass wir eine Menge lernen müssen und das nur in kleinen Schritten gelingen kann. Seltsamerweise hören viele Menschen ab einem gewissen Alter auf, nachsichtig mit sich selbst zu sein. Warum eigentlich? Denn es wird immer wieder Situationen geben, ob wir nun fünf Jahre alt sind oder fünfzig, in denen wir wie ein kleines Kind unsere "ersten Schritte" machen.

Auch (sogar im Besonderen) für Erwachsene ist es manchmal schwierig, Neues zu erlernen. Deshalb sollten wir geduldig mit uns selbst sein, Lernprozesse mit einer Portion Gelassenheit angehen und uns mit kleinen Schritten, einen Fuß vor den anderen gesetzt, einfach auf den Weg machen.

Es werden mehr Menschen durch Übung tüchtig als durch Naturanlage – so formulierte es Demokrit einst. Und die moderne Psychologie bestätigt diese Erkenntnis: Nicht so sehr auf Talent oder Intelligenz kommt es an. Durch Fleiß, Übung, Ausdauer und Erfahrung kann man sogar Intelligenzschwächen ausgleichen.

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