Mittagshitze. Irgendwo gackert ein Huhn. In der Ferne tuckert ein Traktor über das Feld. Ansonsten herrscht Stille. Am Rand der verschlafenen Dorfstraße, dort, wo das touristische Hinweisschild steht, zweigt ein breiter Weg ab. Zu beiden Seiten säumen ihn Eigenheime, gefolgt von historischen Gebäuden, denen man ihre zweckfremde Nutzung ansieht. Sachkundige erkennen in dieser Mischbebauung das so genannte Vorwerk, also die Wohn-, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude eines Landgutes. Dann verbreitert sich die Zufahrt zu einem gepflasterten Gutshof, dessen Panorama durch das große Herrenhaus dominiert wird. Weitere Gebäude, vielleicht ehemalige Scheunen und Ställe, bilden die Seitenbegrenzung des Hofes.

Szenen wie diese sind (mit leichten Abwandlungen) keineswegs ungewöhnlich in Mecklenburg-Vorpommern. Die Region ist mit dieser kulturhistorischen Gabe überreich gesegnet. Mehrere tausend Gutshäuser, oftmals als Schloss bezeichnet, soll es in dem Bundesland geben. Vermutlich fast jedes Dorf verfügte über eine solche Anlage. Was für Touristen ein idyllischer Gruß vergangener Zeiten sein mag, bringt in der Tat auch erheblich Probleme mit sich.

Neben den Dorfkirchen gehörten zur Identität der jeweiligen Dörfer eben einst auch die Gutshäuser. Sie waren wirtschaftliche und manchmal sogar verwaltungstechnische Zentren. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich das in manchen Orten. Einige Gebäude gingen aus verschiedensten Gründen in das Eigentum der öffentlichen Hand über. Während der Nazizeit wurde ein Teil dieser verstaatlichten Immobilien als Schulungszentren oder anderweitig ideologisch genutzt. Der große Niedergang mecklenburgischer Gutshöfe begann jedoch erst mit der Machtergreifung der Kommunisten ab 1945. Die bisherigen Gutsbesitzer wurden Opfer von Tod oder Vertreibung. Wer es wagte, sich seiner Ermordung durch Flucht zu entziehen, verlor zumindest seinen ganzen Besitz. Die linken Täter übernahmen Land, Produktionsmittel und Gebäude quasi als Gründungskapital der DDR. Diesen (nur vorgeblich sozial motivierten) Raub bezeichnete die linke Herrscherclique als "entschädigungslose Enteignung". Dennoch behauptete 2019 ausgerechnet Mecklenburgs Ministerpräsidentin unverdrossen, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen…

Unter kommunistischer Regie erfuhren die altehrwürdigen Gutshäuser recht unterschiedliche Nachnutzungen. Einige wurden weiterhin landwirtschaftlich genutzt, beispielsweise als LPG-Standort oder als so genanntes Volksgut (man beachte die Parallele zum NS-Vokabular…). Andere Häuser baute man mehr schlecht als recht zu Mietskasernen, Heimen, Kulturhäusern, Schulen oder Kindergärten um. Der Erhalt historischer Architektur entfiel aus reiner Notwendigkeit oft zugunsten einer nutzungsorientierten Bauweise. Zwischenwände wurden eingezogen und Türen verkleinert. Kaum verborgene, hässliche Doppel-T-Träger stützten so manche Konstruktion ab.

Doch unabhängig von ihrem weiteren Verwendungszweck traf die meisten Gutshäuser mitsamt ihren Nebengebäuden das gleiche Los: Sie wurden nach diesen anfänglichen Umbauten gnadenlos heruntergewirtschaftet. Die Erhaltung der historischen Gemäuer wäre nicht nur kostenaufwendig gewesen. Ideologisch war diese Erinnerung an vorsozialistische Lebensweise auch nicht gewollt. Deshalb widerfuhr den Mecklenburger Gutshäusern ein ähnliches Schicksal wie den Altbauten in Dresden, Leipzig oder Ostberlin: Sie verfielen und wurden nur so lange notdürftig halbwegs bewohnbar erhalten, bis Ersatz in Form seelenloser Neubauten geschaffen werden konnte. Als die rote Diktatur endlich zusammenbrach, hinterließ sie daher in Mecklenburg jede Menge Ruinen. Diese strahlten zwar eine morbide Idylle aus, waren ansonsten aber nutzlose Immobilien.

Über drei Jahrzehnte später ist so manches mecklenburgische Gutshaus immer noch in beklagenswertem Zustand. Warum auch sollten sich Investoren dafür interessieren? Denn abgesehen von den zur Sanierung notwendigen Millionen stellt sich die Frage nach dem weiteren Verwendungszweck. Dieser ist angesichts von Denkmalschutzauflagen, geringer Bevölkerungsdichte und vermutlich begrenzter Kaufkraft gar nicht so leicht zu finden.

Einige Gutshäuser dürften daher mittlerweile zum wirtschaftlichen Totalschaden verkommen sein. Bei anderen Gebäuden drängt sich eher der Gedanke einer Alibi-Nutzung auf: Solche Gutshöfe dienen als "Tourismus-Informationspunkte" oder temporäre Kunstgalerien. Manchmal ist dort auch einfach die örtliche Feuerwehr untergebracht…

Dennoch gibt es einige Gutshäuser, die heute wieder in altem Glanz erstrahlen. Aus ihnen wurden beispielsweise Museen, Hotels, Therapieeinrichtungen oder Wellness-Oasen. Ahnungslose Radwanderer oder Touristen können daher nie wissen, was sie erwartet, wenn sie einem Wegweiser mit der Aufschrift "Schloss" oder "Gutshaus" folgen. Aber auch das gehört zum Reiz der mecklenburgischen Idylle.

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