Zuletzt kam eine Freundin von mir mit einem ziemlich mürrischen Gesichtsausdruck vom Friseur. Als ich sie dann fragte, was denn los sei und ihr versicherte, dass die Frisur doch gut aussieht (sah sie wirklich. Ich schwöre!), sagte sie: "Kann ja sein, aber so wollte ich sie nicht haben." 

"Okay … und wie wolltest du sie haben?", fragte ich.

"Ja, hier etwas kürzer, insgesamt ein bisschen stufiger, und überhaupt: auch nicht ganz so viele Strähnchen." 

"Hast du der Friseurin denn auch genau gesagt, was du willst?" "Natürlich habe ich ihr das gesagt!"

"Hast du ihr wirklich ganz genau beschrieben, wie du es haben möchtest?" (Ich weiß, warum ich das gefragt habe. Ich kenne meine Freundin). 

"Was soll das denn jetzt heißen? Ich habe ihr gesagt, dass ich helle Strähnchen haben will und die Haare insgesamt wieder durchgestuft werden sollen. Die wird ja wohl ein bisschen mitdenken können. Wozu hat die den Beruf schließlich gelernt?"...

Aha, da war es!

Das Gespräch ging noch etwas weiter, wurde auch noch ein wenig heftiger, aber ich denke, Sie wissen, worauf ich hinaus will. 

>>> Die muss doch wissen, was ich meine!

Woher? Es wurde ihr doch nicht gesagt!

Jetzt ist das ja noch ein harmloses Beispiel.

Schlimmer wird es, wenn solche Sachen in einem anderen Umfeld passieren, wie beispielsweise im Job oder in der Partnerschaft.

Wie viele Beziehungen sind schon daran gescheitert, weil einer von beiden der Meinung war, dass der andere ja schließlich wissen muss, was in ihm vorgeht oder was er eigentlich sagen wollte. 

Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie merken, Ihr Partner (Ihre Freundin, Ihr Kunde, Ihr Chef) ist total sauer auf Sie, Sie wissen aber nicht, warum. Erst nach einigem Fragen bekommen Sie (wenn überhaupt) zur Antwort: " Ich dachte, du wüsstest, dass ich viel lieber …! Doof, oder?

Tatsächlich neigen manche Menschen extrem häufig dazu, irgendwelches "Wissen" vorauszusetzen. Das führt nicht selten dazu, dass diese Personen sich oft vollkommen unverstanden fühlen.

Was also tun?

>> Als Erstes ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich die Frage zu stellen: Liegt es vielleicht an mir, dass derjenige so reagiert? 

  • Habe ich mich vielleicht wirklich nicht richtig ausgedrückt? 
  • Habe ich möglicherweise nicht deutlich oder präzise genug gesagt, was genau ich will? 

 >> Fragen Sie sich, ob, und wenn ja, warum Sie ein Problem damit haben, sich konkret auszudrücken. 

  • Haben Sie womöglich generell Angst davor, Entscheidungen zu treffen?
  • Möchten Sie vielleicht niemanden verletzen?
  • Wie wichtig sind Ihnen überhaupt Ihre eigenen Bedürfnisse? (Ihre eigenen Bedürfnisse sollten Ihnen überaus wichtig sein. Nur stellen viele Menschen diese eben zu oft hinten an).
  • Sind es vielleicht nur bestimmte Situationen, in denen Sie sich nicht konkret ausdrücken (können)?
  • Machen Sie sich zu viele Sorgen darüber, was andere über Sie denken?

 >> Üben Sie erstmal im Kleinen.

  • Wenn Sie beispielsweise beim Bäcker ein Teilchen kaufen möchten, dann sagen Sie nicht einfach: " Ich hätte gerne eine Rosinenschnecke (ein Puddingteilchen, einen Berliner, etc.)", sondern zeigen Sie ganz genau auf das spezielle Teilchen, das Sie gerne hätten. Auch wenn sich diese Übung erst einmal lächerlich anhört. Glauben Sie mir, es sind die kleinen Schritte, die Sie später zum großen Ziel führen werden. 
  • Um konkret sagen zu können, was man will, muss man natürlich auch genau wissen, was man will. Setzen Sie sich also intensiv mit Ihren Wünschen und Bedürfnissen auseinander. 
  • Streichen Sie auf jeden Fall den Satz: "Das ist mir egal" aus Ihrem Wortschatz. Nichts, aber auch absolut gar nichts, was Ihr Leben betrifft, sollte Ihnen egal sein!

Der Friseurbesuch ist zum Üben übrigens auch wunderbar geeignet ;-)

monros, am 22.07.2013
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