Wie die westlichen Alliierten schuldig wurden

Im Frühjahr 1945 waren die Westmächte mit einer steigenden Anzahl deutscher Gefangener konfrontiert. Wie überall in Europa, entstanden auch am Rhein große Gefangenenlager. Diese überwiegend auf linksrheinischem Gebiet befindlichen Lager wurden durch amerikanische Streitkräfte errichtet. In der Geschichtsschreibung hat sich dafür die (niemals offizielle) Bezeichnung Rheinwiesenlager eingebürgert. Die Vorgehensweise war denkbar simpel. Geeignetes Gelände wurde einfach mittels Stacheldraht in große Areale unterteilt. Um alles andere hatten sich die in Erdhöhlen lebenden Gefangenen selbst zu kümmern. Das waren nicht nur bei Kampfhandlungen gefangene Soldaten, sondern auch Zivilisten. Einige von ihnen stammten sogar aus den ursprünglich amerikanisch und nun sowjetisch besetzten Gebieten Ostdeutschlands. Die Zustände in den Lagern sollen unmenschlich gewesen sein. Neben Krankheiten, dem allgegenwärtigen Hunger und der mangelnden Hygiene hätten beispielsweise "Schießübungen" und Bulldozerfahrten quer durch die Gefangenen für hohe Sterberaten gesorgt. Hilfsorganisationen wie das Internationale Rote Kreuz, der YMCA oder Initiativen der Quäkerbewegung wären systematisch ferngehalten worden. Der ideologisch-juristische Unterbau dafür geht angeblich auf den militärischen Oberbefehlshaber und späteren US-Präsidenten Eisenhower zurück. Im Umfeld dieses deutschstämmigen Amerikaners soll folgende Idee entstanden sein: Da ein Großteil der Internierten nicht direkt bei Kampfhandlungen festgesetzt wurde, bezeichnete man sie kurzerhand als Disarmed Enemy Forces (DEF), also entwaffnete, feindliche Streitkräfte. Die Genfer Konvention über die Menschenrechte von Kriegsgefangenen bräuchte demnach keine Anwendung zu finden. Die heute vielfach kritisierten Lager von Guantanamo basieren übrigens auf einer ähnlichen Argumentation...

Erst im weiteren Verlauf des Jahres 1945 ging die Verantwortung für einige Lager auf Briten und Franzosen über, wobei die faktische Einflussnahme wohl weiterhin in amerikanischer Hand gelegen haben dürfte. Dennoch besserten sich dadurch an manchen Standorten die Verhältnisse. Die meisten Rheinwiesenlager existierten nur einige Monate. Lediglich das Lager Bretzenheim bei Bad Kreuznach wurde erst 1948 aufgelöst. Wer jene Lager überlebte, hatte dies nicht nur glücklichen Zufällen oder einer robusten Gesundheit zu verdanken. Unter Briten, Franzosen, Kanadiern und US-Amerikanern gab es immer wieder Menschen mit Mut und Gewissen. Gegen den Trend versuchten sie offenbar, das Elend zu bekämpfen.

Opferzahlen und andere Unklarheiten

Genaue Angaben über die tatsächlichen Opfer dieser Lager sind kaum möglich. Zu unübersichtlich und wenig nachvollziehbar ist die Quellenlage. Nach konservativen Schätzungen lag die Gesamtzahl der Insassen aller Rheinwiesenlager bei einer Million Menschen und reduzierte sich innerhalb weniger Wochen auf 17000 Gefangene. Die Zahl der Todesopfer wird auf ungefähr 10000 beziffert. Letzteres und die unmenschlichen Zustände in den Lagern sollen durch organisatorische Überforderung der US-Armee zustande gekommen sein. Doch bereits diese offizielle Lesart birgt eine Ungereimtheit in sich. Einerseits waren die US-Militärs trotz zerstörter Infrastruktur in der Lage, eine Million Menschen an den Rhein zu transportieren. Ein organisatorischer Kraftakt also. Andererseits soll es den gleichen Verantwortlichen unmöglich gewesen sein, Lebensmittel, Medikamente, Sanitäranlagen und Zelte bereitzustellen?

Die Antithesen des James Bacque

1989 machte sich ein gewisser James Bacque daran, das Vorgehen der Alliierten in den Jahren 1945/46 anzuprangern. Auch das Kapitel der Rheinwiesenlager wurde in diesem Zusammenhang neu aufgerollt. Bemerkenswert daran ist, dass dieser Mann kein deutsch-nationaler Revanchist ist, sondern aus Kanada stammt. Der Historiker stellt in seinem Buch "Der geplante Tod" die These auf, dass die fürchterlichen Zustände in den Lagern beabsichtigt und Rachegelüsten geschuldet waren. Demnach hätte es genügend Verpflegung und Zelte gegeben. Außerdem soll die Besorgnis vor einem neuen wirtschaftlichen und militärischen Erstarken Deutschlands eine Rolle gespielt haben. Letzteres erscheint im Kontext des so genannten Morgenthau-Plans (Deutschland sollte eine reine Agrargesellschaft werden) zumindest denkbar.

Das durch umfangreiches Zahlen- und Datenmaterial schwerfällig zu lesende Buch legt nahe, dass in den Rheinwiesenlagern auch Frauen und Kinder dem Tod entgegen siechten. Die geschätzte Zahl der Todesopfer streift die Millionengrenze. Der Autor versucht dabei, die auffällige Differenz zu den offiziellen Opferzahlen durch statistische und rechnerische Tricks der Amerikaner zu erklären. Er verweist zudem auf die ungleich bessere Situation der Gefangenen in britischen Lagern und wirft die Frage auf: Wenn die USA nicht in der Lage waren, so viele Gefangene zu ernähren, warum wurden diese dann nicht einfach frei gelassen?

Natürlich erzeugten diese Thesen kein geringes Echo. Sie tun dies bis heute – über das gesamte politische Spektrum hinweg. Deutsch-nationale "Patrioten" sehen sich in ihren Ansichten bestätigt. Offensichtlich aus der linken Ecke wiederum stammt die Behauptung, dass dieses Buch rechtsextreme Hintergründe aufweise. Wie auch immer: Das akribische Quellenverzeichnis umfasst immerhin rund ein Drittel der etwa 300 Buchseiten. Wie diese Quellen interpretiert werden müssen, bleibt Ansichtssache.

Siegerjustiz, Kriegsverbrechen oder gerechte Notwendigkeit?

Ob die Zustände in den Rheinwiesenlagern nun geplant, fahrlässig geduldet oder dem alliierten Unvermögen geschuldet waren, erscheint zweitrangig. Fakt ist: Diese Dinge sind geschehen. Kriege waren noch nie gerecht und erzeugen stets auf beiden Seiten Täter. Trotz dieser Binsenweisheit scheint es noch immer nicht politisch korrekt zu sein, alliierte (Nach-) Kriegsverbrechen in Deutschland beim Namen zu nennen. Vieles wird beschönigt oder schamvoll verschwiegen. Die altbekannte Nazi-Keule fällt schnell auf jeden herab, der behauptet, dass es auch deutsche Opfer und alliierte Täter gab.

Jahrzehntelang galten gerade die US-Besatzungstruppen (zu Recht) als Befreier und Schutzmacht gegen den kommunistischen Staatenblock. Diese Militärs nun als Verbrecher hinzustellen, erscheint vielen Menschen angesichts der vorangegangenen Nazi-Gräuel fragwürdig. So mancher beruhigt sich daher mit der oberflächlichen Betrachtungsweise, die Rheinwiesenlager seien die gerechte Strafe für SS-Männer und andere Kriegsverbrecher gewesen. Das jedoch ist Wasser auf den Mühlen rechtsextremer Wirrköpfe, die nur zu gern alliierte Untaten gegen jene der Nazi-Diktatur aufrechnen. Das schamvolle Verschweigen der damaligen Zustände bewirkt daher paradoxerweise neue Ressentiments gegen andere Nationen. Nur kooperative Offenlegung und Erforschung der tatsächlichen Verhältnisse entziehen rechten Extremisten und linken "Qualitätsmedien" den Nährboden. Die Opfer haben ein Anrecht darauf.

Quellenauszug:

Brockhaus Wissenscenter

Spiegel Special 1/2006

James Bacque: Der geplante Tod, Ullstein-Verlag, 2012

Tendenzielle Website zu den Rheinwiesenlagern

Infoseite zum Lager Bretzenheim

spiegel.de

welt.de

Deutschlandradio.de

Rheinwiesenlager.de

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