Lawrence of Panem

Die USA, wie wir sie kennen, existieren nicht mehr. Nordamerika besteht aus zwölf Distrikten, die im diktatorisch geführten Superstaat Panem aufgehen. Jedes Jahr müssen die einzelnen Distrikte je ein Mädchen und einen Jungen als Tribute zu den Hungerspielen entsenden. Diese werden durch Losentscheid ausgewählt. Im 12. Distrikt ereilt die zwölfjährige Primrose Everdeen (Willow Shields) das Schicksal, doch ihre ältere Schwester Katniss (Jennifer Lawrence) meldet sich freiwillig an ihrer Stelle und wird gemeinsam mit Peeta Mellark (Josh Hutcherson) zu den Hungerspielen geschickt.

Die beiden werden vom zynischen Haymitch Abernathy (Woody Harrelson) vorbereitet und trainiert, der ihnen rät, Sympathien bei den Zusehern des im ganzen Land live übertragenen Spektakels zu sammeln. Während ihrer TV-Präsentation gesteht Peeta, in Katniss verliebt zu sein, was diese wütend macht, Abernathy jedoch als klug ansieht, um als "tragisches Pärchen" zu punkten. Schließlich kann nur einer der Teilnehmer die abgeschirmte Arena lebend verlassen …

Die USA nach einem Wahlsieg von Mitt Romney ...

Der Film "Die Tribute von Panem - The Hunger Games"

Zuerst kam "Star Wars"

George Lucas exerzierte mit seiner "Star Wars"-Reihe mustergültig vor, wie eine einzige Filmserie Milliarden abwerfen kann. Nach weiteren erfolgreichen Serien wie "Indiana Jones" oder der "Terminator"-Saga, gelang Hollywood mit "Harry Potter" der ganz große Clou: Anstatt mühsam eigene Stoffe zu kreieren, die das Risiko eines Flops in sich bergen, bedient sich die Filmindustrie seither bei Buchbestsellern, die gleichermaßen Hype durch die bereits vorhandene Fanbasis versprechen, wie auch mehrere Blockbuster in Serie garantieren. Das Konzept ging abgesehen von "Der Goldene Kompass" auf. Nach "Harry Potter" und der "Twilight"-Serie, steht mit den "Hunger Games" die nächste Blockbuster-Serie auf dem Kinoprogramm.

 

Einer der erfolgreichsten Filme 2012

Der Film "Die Tribute von Panem - The Hunger Games" spielte weltweit 700 Millionen Dollar ein und war damit einer der erfolgreichsten Filme 2012. Insbesondere Jugendliche lieben die Romane sowie den ersten Teil der Filmreihe. Dabei behandelt der Stoff ein ungewöhnlich düsteres Szenario und hebt sich bereits in diesem Punkt angenehm von der Fönwellen-Ästhetik der "Twilight"-Serie ab. Seltsame Unstimmigkeiten schleichen sich aber schon in den ersten Filmminuten ein: Zunächst wähnt sich der Zuschauer dank modischer Wackelkamera bei einer Live-Übertragung aus einer Amish-Kommune. Im späteren Verlauf des Filmes flimmert aber plötzlich ein hypermoderner Beamer in der Holzbude der Evergreens.

Und obwohl die Bewohner des Distrikts bitterarm und Lebensmittel rar sind, wirken sie allesamt bestens genährt und erstaunlich schick gewandet und stets wie aus dem Ei gepellt. Dazu passen die durchwegs attraktiven Figuren, wobei Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence erfreulicherweise nicht dem gängigen Schönheitsbild (blond, ausladender Vorbau, dünn wie eine Fahnenstange, ernährt sich von in Wasser getränkten Styroporflocken) entspricht und über Charisma verfügt (im Gegensatz etwa zu Kristen Stewart, die in jedem Film wie an die Leinwand geklatscht wirkt).

 

Retro-Look von "Die Tribute von Panem - The Hunger Games"

Ja, ich weiß, wie ich aussehe! Aber die Steuern haben mir die Haare vom Kopf gefressen...Ungewöhnlich viel Zeit nimmt sich der Film "Die Tribute von Panem - The Hunger Games" für den dramaturgischen Aufbau. Viele andere Regisseure wären wohl der Versuchung erlegen, nach kurzem Einstieg möglichst rasch mit dem Höhepunkt zu beginnen, den Hungerspielen. Gary Ross ("Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein") führt den Zuschauer hingegen bedächtig in die Welt Panems ein, wo Präsident Donald Sutherland Rosen züchtet und Woody Harrelson in einer völlig ungewohnten Rolle als schrulliger Exzentriker zu bewundern ist. Ach ja: Wie in einem Marx'schen Fiebertraum ist die Welt in Arm und Reich, Gut und Böse geteilt. Vermutlich ist dies in Hinblick auf das Zielpublikum geschuldet, das man mit komplexer Gesellschaftskritik nicht überfordern wollte, wenngleich der pompöse Retro-Look wohl auf den berüchtigten Manchesterkapitalismus hindeuten soll. Visuell hätte sich natürlich zünftiger Steampunk angeboten, das Rennen machten aber die gewohnt glatten CGI-Architekten.

 

Ein Film für Kinderhasser

Die Hungerspiele selbst – und, nein, es handelt sich nicht um die äthiopischen Meisterschaften – sind eine zwiespältige Angelegenheit. Kinderhasser, die von einem Blockbuster träumten, in dem Kindern und Jugendlichen von geräuschvollen Soundeffekten stilvoll unterlegt das Genick gebrochen wird, finden im Film "Die Tribute von Panem - The Hunger Games" ihre heimliche Erfüllung. Gerade die Treibjagd auf Protagonistin Katniss ist äußerst spannend und effektiv inszeniert, wobei sich die junge Frau als echte Rambohne erweist, stilecht mit Pfeil, Bogen und binnen weniger Stunden verheilter Fleischwunde.

Harmlos? Unter jedem Kegel steckt ein Zwerg...Mit fortlaufender Filmlänge werfen die Spiele jedoch immer mehr Fragen auf: Weshalb entsenden manche Distrikte Kinder zu den Hungerspielen, die aussehen, als hätten sie erst vor wenigen Wochen das Laufen erlernt? Und weshalb rotten sich einige Teilnehmer zu Gruppen zusammen, wenn doch ohnehin nur einer von ihnen gewinnen kann? Unnötig erscheint in diesem Zusammenhang das einzige lupenreine Fantasy-Element, das auf konventionelle Weise elegant umschifft hätte werden können. Ärgerlich manipulativ ist das Auftauchen eines kleinen Mädchens, deren sich die herzensgute Katniss natürlich sofort annimmt. Der Zuschauer kann sich an seinem kleinen Finger abzählen, ob jenes Mädchen die Hungerspiele überleben wird oder als emotionales Heulkissen missbraucht wird.

 

Gute Unterhaltung mit den "Hunger Games"

Schade eigentlich, denn derlei offensichtliche Gefühlssteuerungen hätte der Film "Die Tribute von Panem - The Hunger Games" gar nicht nötig. Ebenso wenig wie den vorhersehbaren Showdown, der kaum ein Klischee auslässt und in einem seltsam abrupten Schluss endet, den man auch mit der Texteinblendung "Teil 2 folgt nächstes Jahr" hätte abschließen können.

Für den vielbeschworenen "Running Man" sind die Hungerspiele zu harmlos, für "1984" zu oberflächlich. Den ganz großen Wurf konnte der Rezipient in diesem Blockbuster nicht erkennen. Die Ansätze zu einem fiesen, system- und gesellschaftskritischen Meisterwerk waren erkennbar, wurden aber wohl mit Rücksicht auf die Zielgruppe nicht weiter verfolgt. Gerade gegen Ende hin drückt der Streifen immer mehr auf die Tränendrüse und zieht noch schnell eine Liebesgeschichte aus dem Hut, bis es twilighted.

Trotz der zweieinhalb Stunden Laufzeit bleiben zu viele grundsätzliche Fragen ungeklärt, die möglicherweise in der Romanvorlage von Suzanne Collins geklärt und ausführlich behandelt werden. Eingedenk zahlreicher Kritikpunkte bietet der Film "Die Tribute von Panem - The Hunger Games" gute Unterhaltung und – mittlerweile muss dies hervorgehoben werden – schafft dies, ohne die hoffentlich bei einem Teil des Publikums vorhandene Intelligenz zu beleidigen. Gerade angesichts des wie üblich nervigen Hypes vermochte der Film den Rezipienten dennoch angenehm zu überraschen. Möge Donald Sutherland in seiner rauschebärtigen Altersweisheit noch viele, viele Rosen schneiden!

Originaltitel: The Hunger Games

Regie: Gary Ross

Produktionsland und -jahr: USA, 2012

Filmlänge: ca. 142 Minuten

Verleih: STUDIOCANAL

Deutscher Kinostart: 23.3.2012

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Autor seit 7 Jahren
839 Seiten
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