Enkeltrickser: Ruf – mich – an!

Vor ein paar Jahren ging es los. Telefonanrufe zu Glückspielen oder Zeitungsabos gab es ja bereits länger. Sie nervten, wurden aber auch rasch langweilig. Dann etwas Neues: Eine Dame lud mich zu einer Bäderausstellung ein, bei der es hauptsächlich um Ein- und Ausstiegshilfen für Badewannen sowie Badewannenlifts ging. Dabei sprach sie mit der freundlichen und gemächlichen Stimme einer Märchenerzählerin, extra langsam, um mich bloß nicht zu überfordern. Trotzdem lehnte ich ab und blieb nach dem Anruf etwas irritiert zurück. Nicht lange, und ich erhielt eine neue Einladung: die Teilnahme an einer Befragung zu Inkontinenz und der Verwendung von Windeln. Ich musste wieder passen, was die Anruferin schade fand. Weiter ging es mit diversen Pillen, Tipps zu herzgesunder Ernährung, Notrufsystemen, Sterbegeldversicherungen und verwandten Angelegenheiten. Umfragen im Familien- und Freundeskreis ergaben, dass niemand sonst in meinem Alter solche Anrufe erhielt. Jemand meinte, es müsse wohl an meinem Vornamen liegen: Lieselotte. Wer so heißt, ist meistens hochbetagt. Da filtern sich diese Firmen vermutlich erfolgverheißende Personen auf diese Weise aus Telefonverzeichnissen heraus. Nur in meinem Fall liegen sie daneben. Meine Eltern gaben mir einen Namen, der schon bei meiner Geburt altmodisch war und es bis heute geblieben ist. Bis zum Bedarf an – hoffentlich nur wenigen – der oben genannten Produkte bleibt mir noch etwas Zeit. 

Ich nahm es mit Humor und meinte eines Tages: "Nun habe ich wohl fast alles durch. Es fehlt nur noch der Enkeltrick in meiner Sammlung." 

Beinahe schon sehnte ich einen derartigen Anruf herbei. Über die Vorgehensweise war ich aus den Medien gut informiert. Sollte mich mal so ein ***** anrufen, würde ich ihn aufs Glatteis locken und der Polizei übergeben, das hatte ich mir fest vorgenommen. Es rief bloß nie einer an. Jahrelang nicht.

 

Mittwoch: Ein Test?

Gegen Mittag klingelte eines Mittwochs das Telefon – unterdrückte Rufnummer. Ich nahm ab und eine mir unbekannte Frauenstimme sagte: "Grüß dich Lieselotte! Wie geht es dir?" Ich fragte, wer denn da sei. Die Anruferin blieb eine Weile wortlos und legte dann auf. Der Anruf wirkte gleich merkwürdig auf mich, denn wer mich duzt, nennt mich normalerweise bei einem meiner Spitznamen. Dazu wirkte der Klang der Stimme auf mich kühl und berechnend, direkt unsympathisch. Wenig später kam mir der Gedanke, dass es sich bei diesem Anruf um einen versuchten Enkeltrick gehandelt haben könnte. In den mir bekannten Berichten hatten zwar ausnahmslos Männer angerufen. Aber warum sollten nicht auch Frauen dabei mitmachen? Auch heißt diese Masche zwar Enkeltrick, weil sich die Anrufer überwiegend als Enkel ausgeben. Gelegentlich werden aber auch andere Bezugspersonen vorgetäuscht, sodass die Anrede mit Vornamen vorstellbar ist. Wahrscheinlich hatte meine Stimme zu jung geklungen, zum Beispiel nicht brüchig genug, und die Anruferin hatte den Versuch daraufhin abgebrochen. Ja, das konnte gut sein. Verwählt hatte sie sich offensichtlich nicht, denn sie sprach mich doch mit meinem Vornamen an. Ich war ein wenig enttäuscht. Oder hatte ich in diesen seltsamen Anruf einfach zuviel hineinfantasiert?

 

Donnerstag: Der Tag X! Es ist soweit!

 

Als am folgenden Tag um 16 Uhr herum mein Telefon klingelte, wieder mit unterdrückter Rufnummer, meldete sich eine mir unbekannte jüngere Männerstimme: "Hallo! Sag mal, was machst du gerade?" Ich – ahnungsvoll: "Wer spricht denn da?" Er: "Rate mal!" Also doch! Ich war wie elektrisiert. Es kam zu folgendem Dialog – aus dem Gedächtnis wiedergegeben, immer noch gedanklich sehr präsent:

 "Moment. Lass mich überlegen. Die Stimme kenne ich doch irgendwoher … Warte mal … Sag mal … Du bist doch der Olli!" (Der Name kam mir gerade so als gebräuchliche jugendliche Namensabkürzung in den Sinn.) 

"Genau. Ich bin's. Olli. Was machst du denn gerade?"  

"Du hast dich aber lange nicht mehr gemeldet. Du bist ja außerdem ganz schön neugierig..." 

"Ja, also, ich dachte mir, ich komm dich mal besuchen!" Dies sagte er in einem Tonfall, als müsse es für mich doch eine Wahnsinnsfreude sein, Besuch zu bekommen. 

Ich darauf: "Du kommst doch nach so langer Zeit nicht einfach so vorbei. Ich kenne dich doch. Du hast doch wieder irgendetwas angestellt, oder?" 

Er – herumdrucksend: "Ja, also – ähm – ja, da ist ein Problem." Pause. 

Ich: "Aha. Was ist es denn diesmal?" 

"Ja, also, weißt du … Also – ich habe da ein Geschäft abgeschlossen. Kannst du mir bis morgen 15.500 Euro leihen? Ich brauche den Betrag ganz dringend bis morgen, sonst bekomme ich Probleme." 

Ich erst mal: "Junge, Junge, du machst Sachen. Na gut, ich will mal nicht so sein. Aber damit eins klar ist: Das ist das letzte Mal, dass ich dir aus der Patsche helfe. Du musst allmählich erwachsen werden." 

Er: "Ja, ganz bestimmt. Bitte, dieses eine Mal noch. Wann kannst du mir das Geld geben?" 

"Ich überweise dir das Geld, dann hast du es bis morgen." 

"Überweisen??? Nee, das geht nicht. Ich brauche das Geld heute!" kam es hibbelig aus dem Hörer. 

"Dann muss ich erst zur Bank." 

"Was, hast du das Geld nicht zu Hause?" 

"Na, hör mal, so viel bewahre ich doch nicht in meiner Wohnung auf! Was denkst du denn!" 

Er – nun lauernd: "Sag mal, wieviel Geld hast du denn so überhaupt?" 

Ich: "Na, das verrate ich dir auch gerade." 

"Olli" baute nun einen enormen Druck im Gespräch auf, ohne dass ich sagen kann, wie genau er das machte. Er war jetzt weniger nett, fordernder und ungeduldiger. Obwohl ich wusste, dass er nicht einen Cent von mir erhalten würde und sein wahres Anliegen mir bekannt war, merkte ich, wie seine Ungeduld und dieser Druck auf mich wirkten. "Olli" war wirklich sehr geschickt, sehr routiniert. Weil er nun also etwas dreister wurde, sagte ich zu ihm: 

"Also weißt du, dafür, dass ich dir einen Gefallen tun soll, bist du aber ganz schön kiebig." 

"Olli" lenkte sofort ein: "Nee, ich bin bloß nervös. Sorry. Wann hast du das Geld?" 

"Morgen." 

"Ich brauche es noch heute. Am besten gleich!" 

"Du weißt doch, dass ich vorher zur Bank muss. Heute Nachmittag ist mir das alles zu viel. Morgen Vormittag!" 

"Morgen ist für mich zu spät. Ich brauche das Geld unbedingt noch heute." 

In mir baute sich allmählich Wut auf. Ich sah die alten Menschen vor mir, wie sie von solchen Kriminellen überrumpelt und hereingelegt wurden. Gleichzeitig wurde mir klar, dass sich mein Anrufer nicht auf morgen vertrösten ließ. Würde die Polizei jetzt so rasch zu einer vorgesehenen Festnahme vorbeikommen können? Eigentlich müsste ja der Notruf 110 zu jedem Zeitpunkt funktionieren. Aber wenn dieses Mal ausgerechnet alle Einsatzfahrzeuge verplant waren? Ich wusste: Es würde nicht so wie ausgedacht klappen. Der Dialog war nun auserzählt, ich inzwischen immer wütender und kaum noch in der Lage, mich zu beherrschen. 

Ich hörte mich nun sagen: "Jetzt hör mal gut zu, du erbärmliches Würstchen! Du denkst, du hast hier 'ne alte Omi an der Strippe. Aber da täuschst du dich. Ich weiß von Anfang an, mit was für einem Subjekt ich es hier zu tun habe. Pfui Deibel!" 

"Olli" hatte es jetzt tatsächlich kurz die Sprache verschlagen. Wahrscheinlich dachte er etwas wie: "Sch****! Mit der habe ich jetzt meine Zeit für nix verplempert. F***!" Er muss sich dazu seiner Sache sehr sicher gewesen sein und war nun natürlich hochfrustriert. Dann bekam er sich wieder in die Gewalt: "Hä hä hääää! Du weißt ja gar nicht, wer ich bin und von wo ich anrufe!" 

Ich darauf einfach: "Was meinst du wohl, warum ich dich so lange hingehalten habe? Du bist in der Fangschaltung." Stimmte zwar nicht, aber was soll's. 

"Olli" legte auf.

 

Polizei

Im Anschluss rief ich sofort bei der Polizei an und wurde mit dem für dieses Delikt zuständigen Herrn Bepunkt (Name geändert) verbunden. Er nahm die Anzeige des Enkeltrickversuchs gleich telefonisch auf und bestätigte, dass die Ganoven derzeit meinen und den angrenzenden Stadtteil heimsuchen. Dabei würden sie im Telefonbuch Personen mit Vornamen heraussuchen, die auf jemanden im Seniorenalter schließen lassen. Herr Bepunkt erkundigte sich nach einem eventuellen Dialekt, Akzent, Sprachfehler oder Stimmbesonderheit des Anrufers, was ich jedoch alles verneinen musste. Auch sonst war mir nichts aufgefallen, was eine Suche erleichtern könnte. 

Ich fragte, ob sich dieses kriminelle Geschäft nicht langsam totläuft, da ja ständig darüber berichtet und davor gewarnt wird und es sich doch langsam herumgesprochen haben müsste. Herr Bepunkt erklärte, der Enkeltrick sei nach wie vor sehr erfolgreich. Er fand es bedauerlich, dass die Festnahme nicht funktioniert hat. Ich könne mich darauf verlassen, dass dafür auch kurzfristig Polizisten zur Stelle sein würden. Diese würden sich dann in meiner Wohnung verstecken, um den angelockten Geldabholer zu verhaften. Nächstes Mal bin ich also klüger: Selbstverständlich werde ich dann das Geld im Sparstrumpf oder in der Kaffeedose haben und in einer Stunde darf mein Enkel oder Neffe bei mir klingeln. Im Grunde gibt es da nur ein Problem: Wie schon erwähnt, ist mein Vorname alt, ich selbst noch nicht so richtig. Hinzu kommt, dass ich ohnehin jünger aussehe. Wie kann ich da in Kürze das Bild einer alten Dame abgeben, ohne verkleidet zu wirken? Am besten bin ich dann gerade am Kaffeekochen: Kaffeeduft, Tür ist offen und ich rufe, dass er schon mal hereinkommen soll. Die Polizei ist ja eh schon da.

 

Enkeltrick – so läuft er ab:

Ich war einerseits sauer, dass es mir nicht gelungen war, den Typen dingfest zu machen. Andererseits fand ich es faszinierend, wie eng das Gespräch den Darstellungen gefolgt war, wie sie in den Medien berichtet werden. Das Strickmuster ist stets sehr ähnlich. 

Es beginnt mit einem Anruf, bei dem die oder der Angerufene raten muss, wer wohl dran sei. Oder der Anrufer gibt sich gleich als Enkel aus, daher der Begriff "Enkeltrick". Nach ein paar Höflichkeitsfloskeln kommt der Anrufer rasch zur Sache und schildert sein Problem, für dessen Lösung stets ein größerer Geldbetrag hilfreich ist. Mal hat er angeblich einen Verkehrsunfall verursacht, eine juristische Dummheit begangen oder – wie bei mir – hat er etwas gekauft oder sich an einem Projekt beteiligt, wofür er schneller als erwartet eine größere Summe aufbringen muss. Zögert der Angerufene mit einer Zusage oder macht er Ersatzvorschläge, jammert der Anrufer, es drohe ihm Untersuchungshaft oder eine andere Unannehmlichkeit. Stets braucht er auch immer schnell das Geld. 

Viel zu viele Angerufene schöpfen keinen Verdacht. Gerade wenn sie nur sporadischen Kontakt zu ihren Enkeln haben, fällt ihnen oft nichts auf. Im Gegenteil – sie freuen sich noch, mal wieder was von Julian, Max oder Luka zu hören, selbst wenn diese sich gerade mit einem Problem melden. Schließlich willigen genug Senioren ein, dem vermeintlichen Enkel das Geld auszuhändigen. Dabei handelt es sich meistens um Beträge zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Sie verabreden einen Zeitpunkt für die Übergabe. Noch während des ersten Gesprächs oder in einem weiteren Anruf kommt die Mitteilung, dass der Enkel selbst verhindert sei, das Geld in Empfang zu nehmen. Statt seiner wird ein guter Freund vorbeikommen, der vollstes Vertrauen genießt. Somit schafft der Anrufer das persönliche Auftreten des angeblichen Enkels aus der Welt, womit der Schwindel auffliegen würde. 

Der Enkeltrick funktioniert so erfolgreich, dass er längst großräumig bandenmäßig organisiert ist. Der das Gespräch führende "Enkel" sitzt häufig im Ausland. Vor Ort schwärmen "seine guten Freunde oder Freundinnen" als stellvertretende Geldabholer aus. Einmal ausgehändigtes Geld ist fast immer verloren.

 

Vorbeugungsmaßnahmen

Ein guter familiärer Kontakt und die Pflege eines Freundeskreises sorgen für ein belebtes Umfeld. Beides hilft, mit anderen im Gespräch zu bleiben und über Aktuelles informiert zu bleiben. Natürlich bietet das keinen absoluten Schutz vor Betrügern. Aber so dürfte der eigentlich durchaus wohlbekannte Enkeltrick auch Senioren leichter bekannt werden. Es werden allzu oft gerade vereinsamte alte Menschen zum Opfer von Trickdiebstählen – aus Informationsmangel oder weil sie sich in ihrem Alleinsein einfach zu sehr über den vermeintlichen Anruf ihres Enkels gefreut haben. Außerdem fallen Angehörigen bei regelmäßigem Kontakt auch Wesensveränderungen wie zum Beispiel eine beginnende Demenz früher auf. Nachlassendes Urteilsvermögen dieser Personen dürfte bei derartigen Betrügereien eine erhebliche Rolle spielen. 

Wer einen angeblichen Enkelanruf mit einer wie oben geschilderten Gesprächseröffnung erhält und kein Interesse an Verbrecherjagd hat, legt am besten sofort wortlos auf. 

 

Größere Bargeldbestände sollten ohnehin nicht im Haushalt aufbewahrt werden. Gefordert ist auch mehr Aufmerksamkeit bei Banken- und Sparkassenpersonal. Wenn ein alter Mensch sich entgegen seinem sonstigen Verhalten plötzlich einen erheblich höheren Geldbetrag in bar auszahlen lassen möchte, sollte ihn das Personal nach dem Verwendungszweck fragen. Lieber eine pikierte Antwort riskieren als ergaunerte und auf Nimmerwiedersehen verschwundene Ersparnisse. Tatsächlich konnten in der Vergangenheit bei solchen Situationen aufklärende Gespräche Schlimmes verhüten. 

 

Pixabay Geld

Ist es tatsächlich zur Geldübergabe gekommen und erst im Nachhinein als Trickdiebstahl erkannt worden, sollte nicht aus Scham auf den Gang zur Polizei verzichtet werden. Vorwürfe der Familie bringen nichts außer weiterem Kummer. Es ist passiert. Wahrscheinlich ist das Geld futsch. Leider. Aber es ist wichtig, die Polizei darüber zu informieren und Anzeige zu erstatten. So können andere gewarnt werden. Dazu gibt es die zwar winzige – aber doch vorhandene – Chance, das Geld zurückholen zu können. Nur so gelingt es hoffentlich eines Tages, diesen besonders miesen Typen ihre feigen und hinterhältigen Tricks gründlich zu verderben!

 

 

 

Alle Artikel-Bilder: Pixabay

Alle abgebildeten Personen: Symbolbilder = ohne realen kriminellen Bezug 

 

Textdompteuse, am 12.05.2013
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