U-Turm Videoinstallationen mit japanischer Flagge (Japan Media Arts Festival, Dortmund, 2011) (Bild: Vera Kriebel, 9.9.2011)

Mit der Eröffnungsparty ging das Japan Media Arts Festival (JMAF) am Freitag, 9.9.2011, ab 18 Uhr los - ein star-geschwängerter Event mit drei Live-Acts aus drei "Welten", die wie ihre jeweiligen Fans im japanischen Alltag niemals zusammen ein Konzert geben würden: Extra angereist waren japanische Megastars -

  • die niedliche japanische Idol-Pop-Group Momoiro Clover Z,
  • der Musikproduzent und Künstler sasakure.UK mit der virtuellen Idol-Sängerin Hatsune Miku und VJ-Team onom+kmd.
  • VJ Naohiro Ukawa mit "The Final Media Dommune", ein Urgestein der Internet-Subkultur Japans, rundete den Event ab.

 

Ein negatives Highlight jedoch vorweg. Es war die erste Veranstaltung im Dortmunder U mit einem großen und bunt gemischten Publikum. Doch das Dortmunder U war auf den Andrang nicht eingerichtet. Es herrschte im Wesentlichen Business as usual:

Geschlossene Türen, organisatorisches Chaos und View-Flop

Japanischer Cosplayer, Eröffnungsparty, Japan Media Arts Festival 2011, Dortmunder U (Bild: Robert Dymke, 9.9.2011)

Das Museum Ostwall schloss wie jeden Freitag am frühen Abend. Sogar die JMAF-Ausstellung selbst im sechsten Stock machte Punkt 21 Uhr zu, so dass (auch viele japanische) Besucher vor dessen geschlossenen Glastüren standen und vergeblich in die Ausstellungen zu spähen versuchten. Japanische Gäste aus Düsseldorf haben einen guten Eindruck über den Stellenwert erhalten, den in Dortmund die Kultur genießt.

Und die war zumnächst einmal für die meisten alles andere als elitär. Es war der Tag der Popkultur im U mit kreischenden, gestylten J-Pop-Fans (J = Japan) und Cosplayers. (Cosplayer kommt von costume play ("Kostümspiel") - einem ursprünglich japanischen Trend, bei dem Figuren aus Manga, Anime, Videospiel oder Spielfilm in Verhalten und Kleidung imitiert werden).

Doch für viele von ihnen gab es zunächst keine wie auch immer geartete Musik: Das Dortmunder U quoll in den ersten Stunden der Eröffnung des JMAF über - zeitweise ging gar nichts mehr, und es wurden keine Besucher mehr nach oben in die siebte Etage des U, in die so genannte Kathedrale gelassen, wo im Club "View" die musikalischen Live-Acts stattfinden sollten.

Das View mag als Clubdisco geeignet sein - für ein solches Festival-Event ist es das mit seinem winzigen Publikumsbereich nicht. 550 Gäste - mehr durften dort oben nicht zum gleichen Zeitpunkt hinein. Definitiv zu wenig - viele enttäuschte Besucher machten daher schon am frühen Abend unten am Eingang auf dem Absatz kehrt.

Das JMAF hatte - trotz kaum spürbarer überregionaler öffentlicher Berichterstattung - viele Kulturinteressierte angelockt, die J-Culture einmal live in Dortmund erleben wollten. Sie und die eingefleischten Japan-Fans blieben und mussten teilweise bis zu einer dreiviertel Stunde warten, bis sie endlich ins View zu den japanischen Musikstars eingelassen wurden.

Andrang und Warten bei der Eröffnungsparty des Japan Media Arts Festival im Dortmunder U, 9. September 2011 (Bild: Vera Kriebel, 9.9.2011)

Bunte, winzige hüpfende Megastars des J-Pop

Das erste Highlight - und für viele, meist jüngere japanophile Besucher offenbar auch der Grund des Kommens - war Momoiro Clover Z, eine niedliche J-Pop-Girlie-Group, etwa vergleichbar mit den Spicegirls, in Japan ebensolche Megastars. Für viele - den Autor eingeschlossen - allerdings die erwartungsgemäß sowohl außergewöhnliche wie gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Doch das JMAF macht's möglich: selbst Naohiro Ukawa - eigentlich Subkultur-Aktivist und mit seinem Wirken Welten von Momoiro Clover Z entfernt - mischte sich höchstpersönlich unter das Publikum der Girl-Group (siehe Foto unten).

Die deutsche J-Pop-Fangruppe und deutsche Cosplayers sind selbst ebenfalls bemerkenswert: welchen Mangas oder Animes auch immer entnommen - das gab es niedliche, herausgeputzte Schulmädchen mit Rüschenkleidchen und rosa oder neongrüner bezopfter Perücke - "Mädels", die zwischen 16 und 40 Jahre alt sein können. Die ihre Idole um einen dreiviertel Meter überragenden, meist aber verkleideten Jungs schwenken in der ersten Reihe vor der Bühne enthusiastisch ihre Lightsticks.

Ihre Idole sind kleine japanische Mädchen - sehr kleine japanische Mädchen, genauer gesagt. Daher sah man sie vor der Menge der teutonischen Fans schon in der dritten Reihe nur noch mit viel Glück, denn die Organisatoren hatten zudem das Kunststück vollbracht, eine so niedrige Bühne aufzubauen, dass die kleinen japanischen Megastars nur mit Hilfe ihrer akrobatischen Sprüngen auf Schulterhöhe des zumeist hünenhaften, deutschen Publikums kamen.

Momoiro Clover Z bot allerdings nur das Notwendigste - die fünf Mädels hüpften schon nach etwa einer Stunde sang- und klanglos backstage, zur Enttäuschung ihrer Fans sogar ohne einzige Zugabe …

Naohiro Ukawa besucht Momoiro Clover Z, Eröffnungsparty des Japan Media Arts Festival 2011 (Bild: Vera Kriebel, 9.9.2011)

Wenig Miku - viel sasakure.UK- und onom+kmd-Showtime - Groovige Musik zu fetzigen Lichtprojektionen

Sowohl was die Bühnenshow betraf wie auch musikalisch ging es nach Meinung des Autors bergauf mit sasakure.UK, dessen Vocaloid-Star Hatsune Miku, eine virtuelle Sängerin, auf eine gigantischen sechs Meter hohen Leinwand projiziert wurde - allerdings meist nur schemenhaft oder in Ausschnitten.

(Und während der Autor hierüber durchaus erleichtert war, da er nach den niedlichen echten Schulmädchen-Cosplayers nicht auch noch vom virtuellen Pendant erdrückt werden wollte, gab es hierzu definitv (?) andere Meinungen: Celtic Nights auf Twitter: "Jemand muss mich wohl heute fesseln damit ich meine Gäste nicht zu Ihr mitnehme".)

Keine 3D-Projektion von Hatsune Miku - Technische Probleme?

Eine echte Bühnen-Projektion von Hatsune Miku gab es jedoch im Dortmunder U nicht (zumindest nicht, als der Autor vor Ort weilte...). Hatsune Miku kam nicht per 3D-Projektion auf die Bühne, sondern war nur ein wenig in (2D-)Ausschnitten auf der Leinwand präsent. Das Miku-Show-Feeling konnte so natürlich gar nicht aufkommen. Technische Probleme?

Elektro-Pop mit Lichtprojektionen

Die Projektionsleinwand hinter der Bühne gehörte den etwas fantasielosen Lichtprojektionen des VJ-Teams onom+kmd. (VJs, Visual Jockeys, machen eine audiovisuelle Show, ergänzen die Musikperformance eines DJ also um Animationen oder Lichtprojektionen.)

Eingängige, catchige japanische Old School-Spielekonsolen- und Electropop-Sounds - das konnte eigentlich nach all dem - mit Verlaub - Kindergepiepse von Momoiro Clover Z keinen mehr stören.

Obwohl: echte Party-Stimmung kam nicht auf - keiner der Gäste im View tanzte - alle standen mehr oder weniger gebannt, höflich interessiert oder vielleicht sogar gelangweilt vor diesem japanischen Musikspektakel.

Elektro-Pop mit Lichtprojektionen - sasakure.UK, Hatsune Miku ,onom+kmd, Eröffnungsevent JMAF, Dortmunder U, 2011 (Bild: Vera Kriebel, 9.9.2011)

Und Schluss: Dommune und Dortmunder DJ

Den Abschluss der JMAF-Eröffnungsfeier bildeten ein Dortmunder DJ und zuvor die japanische Subkultur, die der Künstler und VJ Naohiro Ukawa mit "The Final Media Dommune" repräsentierte, einem offenen Livestream-Channel, der in Japan mit seiner Mischung aus Sponti-Talk, Club, Disco, audiovisuellen Performances eine Institution ist.

Um 0:00 war Schluss - zumindest mit dem Livestream. Der Verlauf der Eröffnungsparty: Abnehmende Exotik. Und das Fazit: Für Japanophile oder Exiljapaner definitiv ein Highlight, für alle anderen kein inspirierender Quell neuer Erkenntnisse, Erlebnisse und Entdeckungen. Kein Muss.

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