Der Tandemsprung: oft die erste Begegnung mit dem Fallschirmspringen

Immer und immer wieder in den letzten Wochen hatte ich mir diesen Moment vorzustellen versucht, den entscheidenden Augenblick beim Tandemsprung in Gedanken vorweggenommen. Und ich hatte die beruhigende Zuversicht gespürt: "Ich kann das!"

Wir sind zu neunt, inklusive Pilot. Acht sich fremde Menschen kauern auf dem Boden und der schmalen Bank der Pilatus. Platzangst einmal anders: Angst, das Flugzeug könnte platzen. Und noch etwas: eine fast meditative Ruhe über dem Dröhnen der sich himmelwärts mühenden Propeller.

Geschlossene Augen, konzentrierte Gesichter, ab und zu ein Blick auf Höhenmesser an Handgelenken. 1500 Meter. 2000 Meter. 

Dunst über München, dort im Westen. Die Alpengipfel am Südrand des Horizonts, in der Maschine dichte Atmosphäre. Keiner, der seine Empfindung anders als durch innere Sammlung zeigt. Sehr angenehm. 2500 Meter. 3000 Meter.

Ein Blick nach draußen durchs kleine Fenster nicht möglich, die Sonne blendet, und die Gedanken schweifen zurück …

Eine klasse Idee: Sprung aus dem Himmel als Geschenk!

Januar. Eine wahnsinnige Idee einer wohl wahnsinnig gewordenen Verwandtschaft: Zum Geburtstag schenken sie mir einen Tandemsprung. Also den Sprung aus einem Flugzeug, festgebunden an einen Fallschirmspringer. Klar, ich hatte immer behauptet: "Bungee? Niemals – da seh' ich den Boden. Aber Fallschirmspringen? Ich kann' das!" 

Jetzt, neun Monate später und 3500 Meter höher, ist es soweit: Dieter, der Meister, mit dem ich vom Himmel fallen werde, kontrolliert ein letztes mal Gurtbänder an der Hüfte und Karabiner an der Schulter. "Alles klar?" Ich nicke über die Schulter: kein Problem. Ich kann das!

Nie allein in der geräumigen Maschine

Zum Fallschirmspringen und Tandemsprung werden oft geräumige, auf jeden Fall aber absolut sichere Maschinen benutzt (Bild: jörn | pixelio.de)

Mit höchster Konzentration

3900 Meter. Schlagartig endet der Motorenlärm. Steigflug beendet, Absprunghöhe erreicht, Geschwindigkeit reduziert. Linkskurve. Druck auf den Knopf, und die Tür gleitet zurück. Sofort brüllt der Wind in die Maschine. Alle schauen sich an, Abschied mit Augenblicken. 

Der erste richtet sich auf, sieht durch die Luke nach unten, 4000 Meter, plötzlich schmal gewordene Lippen, auch erfahrene Springer müssen sich immer wieder neu konzentrieren – der Sprung hinaus! 

Sprung, Sprung, Sprung … nach einer halben Minute sind alle weg. Außer Dieter. Und mir. Und ich weiß: Ich kann das nicht.

Ein Erlebnis der besonderen Art

Ich denke nicht mehr. Mein Denken ist Spüren, Gefühl. Heller Wahnsinn. Druck auf den Schläfen, Gang zum Schafott.

Dieter und ich rutschen nach vorne, die Bank zwischen den Beinen. Ein Meter zum Abgrund, linkes Bein über die Bank. Mein Arm zuckt nach oben, die Hand sucht Halt. Dieter hinter mir, Löffelchenstellung. Rechter Fuß raus aufs Trittbrett, linker Fuß noch in der Pilatus. Tatsächlich: Jetzt ist alles egal.

Fäuste an die Brust, von hinten packt Dieter meine Schulter. Er neigt mich nach links, rein in die Maschine, ein wenig nach rechts, nochmal rein und … Absprung.

Phase 1: Ausstieg und freier Fall

Haben wir uns einmal überschlagen oder zweimal? Ich sehe die Pilatus drei, vier Meter über mir im Himmel kleben, also müssen wir uns noch einmal drehen, Dieter und ich, ich kann mich heute nicht mehr erinnern. Black-out für Sekundenbruchteile und dann: Rücksturz zur Erde, Commander McLane!

Die Beschleunigung beginnt. Das Gesicht erdwärts, rasen wir kerzengerade durch einen Tunnel. Es ist nicht kalt, nicht laut, nicht sonstwas. Alles ist anders. Nichts, das vergleichbar wäre. Raum existiert nicht, keine Zeit. Was existiert, ist das Fallen im Tunnel Richtung Erde.

Beim Tandemsprung ist der Instructor der Pilot

Ein Klopfen auf meine Schulter, Dieters Signal, die Arme jetzt auszubreiten. Klassische Haltung, durchgedrückte Hüfte, damit der Schwerpunkt weit unten liegt. Zweieinhalbtausend Meter freier Fall. Fünfzig Sekunden Ewigkeit. Nichts anderes ist real. Nur das Stürzen außerhalb von Raum und Zeit.

Phase 2: Gleitflug und Landung

Erneutes Klopfen. "Arme an die Brust", will Dieter mir damit sagen, Phase 2: Öffnen des Schirms. Ein deutlicher, aber nicht schmerzhafter Ruck, und über uns entfaltet sich die ganze beruhigende Pracht des gelben Segels.

Jetzt darf auch der Schüler mal lenken

Ich schnappe nach Luft, will was sagen, aber mir fällt nichts Gescheites ein, zu überwältigend ist das, was hinter mir liegt, zu bezaubernd, was ich im Moment erfahre: 1500 Meter über dem Flugplatz schweben wir lautlos dem Boden entgegen, ab und zu überlässt Dieter mir die Lenkung, und schon jetzt weiß ich, das hier kann nicht mein letzter Sprung gewesen sein!

Die Landung ist ein Klacks, Dieter erledigt das, ich muss nur die Beine nach vorne strecken. Und dann rauscht die Sucht mit Macht heran: Play it again!

Blue skies!

Der Tandemsprung war meine erste Begegnung mit dem Fallschirmspringen. Ich habe noch einen Schnupperkurs absolviert, aber die AFF-Ausbildung auf die lange Bank geschoben. Mir fehlte das Geld, und irgendwann verebbte die Sehn-Sucht. Wie schade. Aber ich weiß: Ich kann das. Und ganz tief drinnen lockt die Gewissheit: Ich will das!

Ein sicherer Sport

"Das Gefährlichste am Fallschirmspringen", sagt man in der Szene, "ist die Fahrt zum Flugplatz." Vorsichtshalber setzte Karin sich ans Steuer und lenkte das Auto langsam vom Parkplatz. Da stand Dieter, und ich bat Karin anzuhalten. Ich wollte mich verabschieden.

"Kein ‚Auf Wiedersehen‘", sagte Dieter. "Wir wünschen uns ‚blue skies‘!" Na denn: Blue skies! Vielleicht sehen wir uns ja mal beim Fallschirmspringen, wenn Sie Ihren ersten Tandemsprung absolvieren.

Autor: Johannes Flörsch

Tandemsprung

Quellennachweis Fotos

© daniel stricker / pixelio.de

© Jörn / pixelio.de

jofl, am 18.01.2013
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