Im Anmarsch: Der Börsencrash

Was ist ein Börsencrash eigentlich und welche Auswirkungen hat er auf die Realwirtschaft?

Ich stelle einmal die Prämisse voran, dass wir den Börsencrash weitaus weniger zu fürchten brauchen als einen echten Kollaps des Währungs- und Wirtschaftssystems. Der Börsencrash ist nichts anderes als eine (meist schlagartige) Bereinigung, er korrigiert eine Überbewertung von Aktien (oder anderen börslich handelbaren Titeln), die im Ergebnis von Euphorie entstanden ist. Dem Crash geht also regelmäßig eine Rallye voraus, und das signifikanteste Merkmal besteht im Ausmaß des Stimmungsumschwungs: Die Teilnehmer wechseln vom Optimismus in Ernüchterung, man kann auch sagen, die Illusion wird von der Realität eingeholt. Der Stimmungsumschwung führt den Markt nicht etwa auf ein realistisches ("faires") Bewertungsniveau zurück, sondern erzeugt das andere Extrem: Hoffnungslosigkeit, die in Panik gipfeln kann. Aktien oder andere Instrumente werden in der Folge, noch verstärkt durch die dem Crash innewohnende Kettenreaktion, extrem billig.

Kann man einen bevorstehenden Börsencrash zeitlich diagnostizieren?

Viele Börsenanalytiker versuchen sich daran - und scheitern regelmäßig, weil die Börse eben keine exakte Wissenschaft ist, sondern hier das spielerische Element klar überwiegt. Der Zufall, der einen nichtigen Anlass zum Auslöser eines Bebens machen kann. Man kann die Abläufe der Vergangenheit jedoch periodisieren und Durchschnitts-Laufzeiten berechnen. Ich gehe davon aus, dass die derzeitige Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten, seit ca. zweieinhalb Jahren im Gange, noch etwa ein Jahr andauern wird, dann jedoch ein massiver Einbruch fällig ist.

Einige populäre Irrtümer

Börsencrashs sind immer eine Stunde der Offenbarung. Die Bankenkrise in den USA hatte latent schon lange geschwelt, lange vor dem Ausbruch standen die faulen (uneinbringlichen) Kredite als Forderungen höchster Bonität in den Büchern. Erst der Crash machte den tatsächlichen (gigantischen) Abschreibungsbedarf im ganzen Ausmaß sichtbar. 

Daraus ergibt sich eine wichtige Schlussfolgerung: Börsenbeben sind nie die Ursache eines realen Zusammenbruchs. Sie veranschaulichen oder reflektieren  nur (allerdings recht schmerzhaft) die schon bestehende notleidende Realität. 

Fälschlicherweise wird der Börsencrash auch mit einer dramatischen Wertvernichtung gleichgesetzt. Das tritt aber allenfalls in der Buchführung ein. In Wirklichkeit sind die Verluste des einen immer die Gewinne eines anderen. Die Wirkung eines Börsencrash besteht  - insofern eine spätere Erholung einsetzt -  eigentlich nur in der Umverteilung.

Auf das wirtschaftliche Leben haben Börsencrashs nur eine begrenzte Wirkung. Das hat sich auch beim letzten Einbruch vor drei Jahren bestätigt. Die Geschäfte der börsennotierten Firmen laufen weiter, auch wenn sich die Aktionärsstruktur ändert oder das Management ausgewechselt wird. Eine Wirkung auf das reale Wirtschaftsleben entfaltet das Börsenbeben im Grunde nur über die Psychologie, etwa wenn mediale Verunsicherung zu massenhafter Kauf-Zurückhaltung führt.

Natürlich wirken sich Börsencrashs auf die Vermögenssituation derjenigen aus, die investiert sind. Das betrifft nicht nur Spekulanten. Wo sich Renten- und Vorsorgesysteme ganz oder überwiegend aus Aktienbesitz (oder Anleihen) finanzieren, kann der Einbruch empfindliche Auswirkungen haben, beispielsweise in den USA oder Großbritannien, aber via Riester & Rürup auch in zunehmendem Maße in Deutschland. Ein Massenphänomen.Die renditezehrenden Folgen können existenzvernichtende Ausmaße annehmen, denn oftmals machen die angeschlagenen Investmentfonds die spätere Markterholung nicht mehr mit, sondern bleiben zerstört am Boden liegen, Dafür wurde der einprägsame Begriff Depotleichen geprägt.

Das Problem liegt weniger im Crash, sondern in der vorherigen Rallye (Hausse)

Ökonomische Zerstörungen finden weniger im Moment des Absturzes statt, sondern auf dem vorgehenden Höhenflug. Wir kennen Kursanstiege in astronomische Höhen noch aus der Zeit des Neuen Marktes, als Sinnbild der "Fahnenstange" gilt  das Kursmuster der Deutschen Telekom. Wie konnte es dazu kommen? Die "Gier" der Anleger wird oftmals als Ursache irrationaler Überbewertung ausgemacht, doch das greift zu kurz. In der aktuellen Börsenwirklichkeit werden die Kurse nach den Vorgaben der Fonds und der hinter ihnen stehenden Großbanken gepusht. Hinter dem netten Wort "Kurspflege" stehen oft unappetitliche Maßnahmen der Kosteneinsparung, was sich mit schmerzhafter Verschlankung, Personalabbau, Outsourcing, Betriebsstillegung übersetzen lässt. Noch nie war so viel Bewegung in der Wirtschaft wie in den letzten Jahren - und es ist ein Irrglaube, das alles hätte nur mit Effektivität und Ausschöpfung von Leistungspotential zu tun. Die charakteristische Dominante ist die (oft sinnlose) Zerstörung wirtschaftlicher Substanz, vor allem von human capital.

 

 

Proteste gegen die Nokia-Betriebsschließung in Nordrhein-Westfalen
Arbeitnehmer-Protest gegen ...

Arbeitnehmer-Protest gegen Betriebsschließung (Bild: netzeitung)

Nicht den Börsencrash haben wir zu fürchten, sondern den realen Kollaps

Der bedrohliche Zustand der Staatsfinanzen (und in der Folge der Währungen) ist das offenkundig akute Problem. Was geschieht, wenn ein Staat, wenn mehrere Staaten zahlungsunfähig werden, wenn sie als Schuldner ausfallen?

Der Staat ist allerorten der mit Abstand wichtigste Teilnehmer am Wirtschaftsleben. Er ist der größte Investor und Eigentümer, Dauerschuldner der Rentner, Beamten, Subventions- und Lohnersatzleistungs-Empfänger, er verbürgt sich auch für die Leistungsfähigkeit der Kranken- und Pflegekassen, er hat die Daseinsvorsorge zu gewährleisten, hält die Infrastrukturen in Betrieb. Der Ausfall des Staates würde den Zusammenbruchs des Wirtschaftslebens, spürbar für alle, unvermeidlich nach sich ziehen. Das massiv entwertete oder gänzlich wertlose Geld wäre im besten Falle noch Binnen-Zahlungsmittel, ein Gutschein- oder Rationierungssystem träte an die Stelle des Marktes, um wenigstens die Grundversorgung aufrecht zu erhalten.

Den Ausfall der Währung kennen wir in Deutschland an zwei Beispielen: Die Hyperinflation in den zwanziger Jahren, die Rationierungswirtschaft nach 1945. In diesen Zeiten des Währungsausfalls hatte sich sehr rasch ein Tauschsystem etabliert. Gut dran war, wer gute Beziehungen zur Landwirtschaft hatte. Wohlhabende Städter entgingen so dem Hunger, Bauern gelangten auf diese Weise extrem günstig zu einer neuen Möblierung. Nach 1945 gab es eine Ersatzwährung - die Zigarette, mit der ein reger Handel betrieben wurde. Im Übrigen funktionierte nicht nur die Nahrungsversorgung als Verteilungssystem, es gab auch eine Wohnraum-Zwangsbewirtschaftung mit Belegungspflicht. Wäre es vorstellbar, dass  diese Zustände wiederkehren?

Ich befürchte, es könnte noch viel schlimmer kommen. Die Zusammenbrüche damals waren isoliert, auf Deutschland beschränkt. Heute müssten wir mit einer größeren Dimension rechnen. Und zweitens: Die Menschen damals konnten ohne Komfort überleben, ohne Elektrizität und Warmwasser, in kalten Räumen, sie liefen lange Strecken per Fuß und kurierten ihre Krankheiten selbst aus. Wie weit sind wir heute von dieser robusten Anspruchslosigkeit entfernt!

Exkurs: Was könnte dieses Szenario für Europa bedeuten? Nicht nur das Ende des Euro, sondern wohl auch das Ende der Europäischen Union, deren Mitglieder schon jetzt auseinander streben. Der Pferdefuß zeigt sich immer ungenierter: Die Vorteile der europäischen Integration - offene Märkte, offene Grenzen - werden nach und nach zurückgenommen, die möglichen Nachteile - jüngstes Beispiel: eine neuartige Europa-Steuer - immer monströser sichtbar. Über einer wuchernden Bürokratie haben sich diktatorisch wirkende Machtmechanismen etabliert, eine "Über-Regierung", die den Einzelstaaten kaum noch Gestaltungsmöglichkeiten lässt. 

In Handschellen abgeführt: Dominique Strauss-Kahn

Strauss-Kahn (Bild: AFP)

Der Ausweg: Eine Reform des Weltwährungssystems

Es wird darüber kontrovers diskutiert. Die Differenzen zwischen den Macht- und Interessengruppen um die geeigneten Strategien sind jedoch unüberbrückbar. Der erbitterte Kampf ist in vollem Gange.

Die Affäre Strauss-Kahn

Es gibt zu viele Ungereimtheiten in diesem Fall. Nicht der Vorwurf an sich, sondern die Donnerwirkung der spektakulär inszenierten Verhaftung des IWF-Chefs hat ihn irreparabel beschädigt. Aus heutiger (und wohl schon aus ereignisnaher) Sicht stellt sich die Festnahme als völlig unangemessen dar. Inhaftiert, vor den Medien bloßgestellt und wenige Tage später wieder auf freiem Fuß - doch seine Spitzenposition hat er unwiderbringlich verloren. Er war einer der fünf mächtigsten Männer der Welt - und er galt als durchsetzungsstark und kompetent. Wem stand er im Weg?

Dominique Strauss-Kahn, der als französischer Präsidentschaftskandidat antreten wollte, hatte jedenfalls einen natürlichen Gegner von Gewicht: Nicolas Sarkozy, daneben auch einige "Parteifreunde" in Frankreich. Eine ideale Konstellation, um Verschwörungstheorien und Mutmaßungen in eine falsche Richtung abzulenken. Die Geschichte ist aus einem Stoff, der für allerhöchste Intrigen geeignet ist, wahrscheinlich von einer Brisanz, die dem Kennedy-Mord vergleichbar ist.

Die größte Währungsreform aller Zeiten

Sie liefe auf einen Generalkonkurs hinaus, damit auf eine gigantische Entschuldung. (Das passiert im Kleinformat schon jetzt. Über die Abwertung von Währungen wird die reale Schuldenlast reduziert.) Ein solcher Generalkonkurs müsste jedoch global konzertiert geschehen, alle müssen einverstanden sein, sonst funktioniert es nicht. Darin liegt der Haken. Es gibt keinen gemeinsamen Nenner. Die Interessen sind zu gegensätzlich.

Konkurs führt zu Entschuldung und Entschuldung führt im Ergebnis zu einer Umverteilung. Neben Gewinnern gibt es auch Verlierer, nämlich die Gläubiger. Sie werden faktisch enteignet. China als größte Gläubigernation der Welt hat die Früchte seines immensen Wirtschaftswachstums in Forderungen gegen westliche Industrieländer eingespeist. Keineswegs uneigennützig, neben dem monetären Gewinn können getrost auch Weltherrschafts-Ambitionen vermutet werden. Mit der Entschuldungswirkung der Stunde Null würde das Reich der Mitte zum Hauptverlierer.  Eine Zwangsvollstreckung - in die Konkursmasse, also Grundbesitz, Wirtschaftssubstanz, Goldvorräte, Rohstoffe und Infrastrukturen der Schuldnernationen - ließe sich allenfalls militärisch durchsetzen. So brutal muss man das auf den Punkt bringen. Doch dazu ist China (jedenfalls im Moment) noch nicht stark genug. Das weiß man natürlich auch in Peking, und man trifft längst Vorsorge. Um wenigstens einen Teil der Ansprüche zu retten, steigen die Chinesen fast wahllos in all das ein, was zum Verkauf steht: Flughäfen, Werften, Firmenbeteiligungen, Verkehrswege, Wasserquellen, Bergwerke, Telefonnetze.

 

 

Weshalb es nicht dazu kommt

Eine globale Reform des Weltwährungssystems - Generalbereinigung und Neuanfang über einen Generalkonkurs - wäre die einzig bestehende Möglichkeit, den unlösbaren Problemstau zu entschärfen.

Bei der Entschuldung der Staaten würde es nicht bleiben. Ein neues Weltwährungssystem erfordert zwingend auch ein neues Weltwirtschaftssystem. Dass die bestehende Situation so eingetreten ist, hat ja systemische Ursachen, die im unkontrollierten Prozess von Kapitalverwertung und -konzentration liegen. Eine neue Weltwirtschaftsordnung müsste (Hoffnungsfaktor!) sich vor allem an menschlichen Bedürfnissen orientieren. Das erfordert, die Privatisierung des Planeten rückgängig zu machen, die globalen Ressourcen wieder dem Gemeinwohl zugänglich zu machen. Denken Sie das nicht zu Ende, es wird nicht so weit kommen.

Wenn die einzige Möglichkeit der Problem-Entschärfung ausscheidet. bleibt nur die einzige Option übrig, die wir schon zur Genüge kennen: Problemverschleppung. Solange es geht, möglichst bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Das Flicken an den Symptomen, das Verschieben und Vertagen, das Verdrängen und Verbergen und über allem: Das weitere Verschlimmern der Situation.

Das Trugbild wird reproduziert, die Fiktion wird aufrecht erhalten. Das kann noch einige Jahre so weiter gehen. Was heißt das konkret?

Die USA werden ihre Höchstverschuldungsgrenze anheben, erst "ausnahmsweise" und vorsichtig, dann erneut. Die Griechen werden es lernen, ihre Bilanzen professioneller zu fälschen, und in Deutschland wird der Bürger ("einmalige Kraftanstrengung" heißt das wohl) noch gründlicher zur Ader gelassen. Das allmähliche Ausbluten des Landes, seine unaufhaltsame Verarmung und die Folgen -  und den statistisch unterstützten Selbstbetrug  - möchte ich im nächsten Beitrag beleuchten. 

Autor seit 5 Jahren
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