Heinz Sielmanns Anfang an der Niers
Wo sich Sielmanns Naturblick entwickelte, entsteht heute ein Biotop, das sein Vermächtnis im Stadtteil Rheydt weiterführt.Kindheit zwischen Stichlingen und Marienkäfern
Sielmanns Familie war, als der Tierforscher geboren wurde, im Schloss Rheydt untergebracht, direkt an der Niers, wo sie einen kleinen Garten bewirtschafteten. Der kleine Heinz hatte im Vorschulalter keine gleichaltrigen Spielkameraden. Doch die älteren Schulkinder Hans und Maria Eßers kamen oft vorbei und brachten ihm Gläser mit selbst gefangenen Stichlingen oder Schächtelchen voller Marienkäfer, sorgsam auf Blättern gebettet. Diese frühen Begegnungen mit lebenden Tieren öffneten ihm eine Welt, die ihn nie wieder loslassen sollte.
Wie Sielmanns Kindheit in die Literatur fand
In einem Telefoninterview mit der Autorin Monika Hermeling erinnerte sich Sielmann daran, dass der Schriftsteller Max von der Grün diese Kindheitsszenen später literarisch aufgriff. Die Figur Maria in Vorstadtkrokodile trägt den Namen der Sandkastenfreundin – inspiriert von Sielmanns lebendigen Schilderungen aus Rheydt. So fand ein Stück seiner Kindheit nicht nur Eingang in die Naturfilmgeschichte, sondern auch in die deutsche Jugendliteratur.
Ein Moment, in dem Vergangenheit und Gegenwart sich berührten
In diesem Gespräch fiel Sielmann plötzlich ins Rheydter Platt. Er lachte und meinte, er fühle sich "fast wie früher", weil die Stimme der Interviewpartnerin der ihrer Tante Maria gleiche – seiner früheren Sandkastenliebe. Auch diese spielte als Kind an der Niers, genau an jener Stelle, an der viele Jahre später das Hochwasserrückhaltebecken entstand. Diese gemeinsame Vertrautheit mit Fluss, Sprache und Landschaft schuf einen Moment, in dem Vergangenheit und Gegenwart sich berührten.
Gefahr auf der kanalisierten Niers
Als Sielmann älter wurde, begleiteten ihn Klassenkameraden auf Streifzüge entlang des Flusses – dort, wo sich ein Schuljunge namens Max einmal mit einer Kinderbadewanne auf die kanalisierte Niers wagte und dabei in ernste Gefahr geriet. Diese Erlebnisse prägten Sielmanns Blick auf die Natur: faszinierend, lebendig, aber auch verletzlich. Später warnte er eindringlich vor den ökologischen Folgen der Niersbegradigung – und bedauerte, dass seine Mahnungen damals kaum Gehör fanden.
Bild: Freepik
Vom Kindheitsfluss zum Zukunftsprojekt
Genau an diesem Punkt knüpft die Gegenwart an. Jahrzehnte nach seinen Warnungen entsteht in Rheydt ein Projekt, das Sielmanns Anliegen aufgreift und weiterführt: das "Heinz Sielmann Biotop an der Alten Niers". Dort, wo er einst als Kind staunte, spielte und beobachtete, kehrt der Fluss nun an die Oberfläche zurück – und mit ihm ein Stück jener lebendigen Landschaft in Rheydt/ Geneicken, die Sielmann geprägt hat.
Die Alte Niers kehrt ans Licht zurück
Die Renaturierung der Alten Niers in Rheydt knüpft genau an jene Landschaft an, die Sielmann als Kind prägte. Jahrzehnte nach seinen Warnungen vor den Folgen der Begradigung erhält der Fluss nun ein Stück seines natürlichen Charakters zurück. Auf rund zwei Hektar entsteht ein Biotop, das nicht nur Tieren und Pflanzen neuen Lebensraum bietet, sondern auch den Menschen in der Region einen Ort des Erlebens und Lernens eröffnet.
Die Stadt Mönchengladbach, die Heinz Sielmann Stiftung, die NEW‑Gruppe und mags arbeiten gemeinsam daran, den heute noch unterirdisch geführten Flusslauf wieder ans Licht zu holen. Künftig soll sich die Alte Niers oberirdisch durch Auenbereiche und artenreiches Grünland schlängeln – ein Bild, das der Landschaft ähnelt, die Sielmann einst als Kind erkundete. Ab August 2026 wird das neue Flussbett mit Wasser gefüllt, im Herbst und Winter folgt die Gestaltung des Biotops. Die Einweihung ist für das Frühjahr 2027 geplant.
Für die Region bedeutet dieses Projekt weit mehr als eine ökologische Maßnahme. Es ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Natur- und Gewässerschutz dort ansetzen, wo Menschen leben, lernen und sich erinnern. Umweltminister Oliver Krischer betont, wie wichtig lokale Biotopprojekte für Artenvielfalt und Wasserhaushalt sind – und wie sehr Sielmanns Arbeit ihn selbst geprägt hat. Auch Oberbürgermeister Felix Heinrichs sieht im neuen Biotop einen Gewinn für die Stadt: einen Ort der Naherholung, der Umweltbildung und der Rückbesinnung auf die natürliche Dynamik der Niers.
Dass dieses Biotop ausgerechnet in Sielmanns Geburtsstadt entsteht, verleiht dem Projekt eine besondere Symbolkraft. Es ist ein lebendiges Denkmal für einen Mann, der früh erkannte, wie wertvoll lebendige Flusslandschaften sind – und der sein Leben dem Schutz dieser Landschaften widmete.
Bildunterschrift: Setzen den symbolischen ersten Spatenstich für die Renaturierung der Alten Niers in Mönchengladbach-Rheydt (v.l.): Oliver Krischer, Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr.-Ing. E.h. Fritz Brickwedde, Vorsitzender des Stiftungsrates der Heinz Sielmann Stiftung, Felix Heinrichs, Oberbürgermeister von Mönchengladbach, Thomas Bley, Vorstand NEW Niederrhein Energie und Wasser GmbH und Jens Hostenbach, Vorstand MAGS Mönchengladbacher Abfall-, Grün- und Straßenbetriebe AöR.©Stadt MG
Der Kreis schließt sich an der Niers
Mit dem neuen Biotop an der Alten Niers kehrt ein Stück jener Landschaft zurück, die Heinz Sielmann geprägt hat – und die er selbst Zeit seines Lebens schützen wollte. Die Renaturierung ist damit weit mehr als ein technisches oder ökologisches Projekt. Sie ist eine Rückbesinnung auf die Ursprünge eines Mannes, der von Rheydt aus die Welt der Naturfilme eroberte und dessen Blick für Tiere und Landschaften Millionen Menschen berührte. Dass die Niers nun wieder ans Licht geholt wird, dort, wo Sielmann einst seine ersten Naturbeobachtungen machte, verleiht diesem Projekt eine besondere Tiefe.
Diese Verbindung von Vergangenheit und Zukunft wird auch im Frühjahr 2026 sichtbar, wenn auf Schloss Rheydt ein Vortrag über Sielmanns Lebensweg stattfindet. Prof. Michael Sutor stellt dann neue biografische Erkenntnisse vor – an jenem Ort, an dem Sielmann als Kind spielte, staunte und seine Liebe zur Natur entdeckte. Die Region erinnert sich damit nicht nur an einen berühmten Sohn der Stadt, sondern führt sein Anliegen weiter: Natur zu bewahren, zu verstehen und für kommende Generationen erlebbar zu machen.
So wird die Niers, die Sielmanns Naturblick formte, erneut zu einem Ort des Lernens, des Schutzes und der Begegnung. Ein Fluss, der einst ein Kind prägte, wird heute zu einem Zukunftsraum für viele – und zu einem lebendigen Zeichen dafür, dass Naturgeschichte und Gegenwart sich immer wieder berühren.

Menschen wie Heinz Sielmann – oder, auf ganz andere Weise, die biodynamische Forscherin Maria Thun, die ich einst bei einem Vortrag erlebte – zeigen, wie vielfältig die Wege sind, auf denen Naturbeobachtung zu einem Lebenswerk werden kann.
Erst im Rückblick wird mir bewusst, wie vielen Menschen ich begegnen durfte, die – jeder auf seine Weise – Verantwortung für Natur und Landschaft übernommen haben und deren Wege sich mit meinem eigenen berührten.
"Von Rheydt in die Welt"
Am Samstag, 11. April 2026, findet um 13 Uhr auf Schloss Rheydt ein Vortrag zum Lebensweg von Heinz Sielmann statt. Prof. Michael Sutor stellt die Ergebnisse seiner Recherche zur Biographie des Tierfilmers und Naturschützers vor. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten. Eine Anmeldung ist nicht nötig.
Was weniger bekannt ist
Es ist der Naturschützer und Tierfilmer Heinz Sielmann und der Künstler Joseph Boys, die beide ihre ersten positiven Naturerlebnisse an der Niers machten. Heinz Sielman im heutigen Stadtteil von Mönchengladbach, Rheydt und der Künstler Joseph Boys in Kleve.
Wie Heinz Sielmann der Autorin und Journalistin Monika Hermeling erzählte, erwarb er sowie sein Kriegskamerad Boys ihre Liebe zur Natur bei den Beobachtungen und spielen im Vorschulalter, mit älteren Kindern, in der Nähe des Rheydter Schlosses an der Niers. Sielmann warnte später vor den Auswirkungen der Niersbegradigung für die gesamte regionale Ökologie, die Anwohner und die örtlichen Betriebe. Ihm tat es leid, zu wenig Gehör zu finden.
Bildquelle:
Regenwurm Lumbricus terrestris, © Elisab
(Wie können Regenwürmer bei Hochwasser helfen)
