"Centurion" im Schatten von "Gladiator"

Wenn es sie nicht tatsächlich gegeben hätte, müsste man sie erfinden: Die Römer! Seit Anbeginn des Kinos faszinieren Filme über das Römische Imperium die Zuschauermassen und avancieren in den meisten Fällen zum Hit. Wer weiß: Hätte Oliver Stone seinen "Alexander" einen Abstecher nach Rom einlegen lassen, vielleicht wäre sein Film dann nicht einer der größten Flops der Filmgeschichte geworden. Ganz zu schweigen von Ridley Scott, dessen letzten beiden Historienepen "Königreich der Himmel" und "Robin Hood" die enorm hohen Produktionskosten nicht einspielen konnten.

Apropos: Der mittlerweile selbst zum Ritter geschlagene Starregisseur konnte seinen bislang größten Hit mit "Gladiator" verbuchen. Neil Marshall dürfte der Film so gut gefallen haben, dass er mit "Centurion" direkt an dessen Erfolg und Popularität anschließen wollte. Ein redliches Ansinnen, dem jedoch die nötige Konsequenz fehlte, wie nachfolgende Rezension aufzeigt.

Römische Geschichte wieder schwer in Mode!

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Handlung von "Centurion"

Wir schreiben das Jahr 117. Rom herrscht mit eiserner Faust über weite Teile der damals bekannten Welt. Doch neben den germanischen Stämmen sind es die vor allem die schottischen Highlander, die sich der Okkupation hartnäckig widersetzen. Unter der Führung des charismatischen Gorlacon (Ulrich Thomsen) verbreiten die von den Römern als "Pikten" bezeichneten Völker des nördlichen Britanniens Angst und Schrecken unter den siegesgewohnten Soldaten des Imperiums.

Julius Agricola (Paul Freeman), seines Zeichens Gouverneur Britanniens, platzt der Kragen. Er beauftragt den untadeligen General Titus Flavius Virilius (Dominic West) mit der Zerschlagung des schottischen Widerstands. Die scheinbar verbündete Piktin Etain (Olga Kurylenko) soll der neunten römischen Legion den Weg durch die rauen Weiten des Hochlands weisen. Tatsächlich aber lockt sie diese in eine Falle, die unbarmherzig zuschnappt: Fast die gesamte Legion wird vernichtet. Nur sieben Männer überleben das grausame Gemetzel, unter ihnen Zenturio Quintus Dias (Michael Fassbender).

Anstatt sich zum nächsten römischen Lager durchzuschlagen hecken die Soldaten einen tolldreisten Plan aus: Sie wollen den in der Schlacht gefangengenommenen Titus Flavius Virilius befreien. Leider geht das Unternehmen schief und fortan ist den Flüchtenden die unnahbare Etain mit ihren furchtlosen Kriegern auf den Fersen. Ihre Rachsucht für das, was die Römer ihr einst antaten, verleiht ihr schier übermenschliche Fähigkeiten und Kräfte …

Flop „Centurion“

Mit dem Genre-Meisterwerk "The Descent" hatte der Engländer Neil Marshall bewiesen, welches Potenzial in ihm steckt. "Centurion" ist leider ein Schritt in die falsche Richtung.

Zu offensichtlich und verkrampft versuchte er sich an "Gladiator" dranzuhängen. Ein Versuch, der zwangsläufig scheitern muss. Zum einen stand Ridley Scott zehn Jahre zuvor ein Mehrfaches an Budget zur Verfügung, als es Marshall vergönnt war. Und zum anderen durfte Scott mit Schauspielkalibern wie Russel Crowe, Joaquin Phoenix oder Oliver Reed (in seiner letzten Rolle) arbeiten, während in "Centurion" Michael Fassbender noch als bekanntester Darsteller des Casts durchgeht.

In fast jeder Szene bewegt sich der in den Kinos gefloppte "Centurion" auf Fernsehfilm-Niveau. Markant ist in dieser Hinsicht die große Schlacht der Neunten Legion gegen die hinterhältigen Pikten. Was in "Gladiator" tatsächlich wie eine gewaltige kriegerische Auseinandersetzung dargestellt wird, verkümmert in "Centurion" eher zu einem Scharmützel. Die Macht und Stärke einer römischen Legion wird dadurch nicht ersichtlich.

 

Historienepos? Drama? Komödie?

Neben den begrenzten finanziellen Mitteln ist es vor allem die äußerst lasche und inkonsequente Inszenierung, die den Film ins Mittelmaß einordnet. Als würde der Streifen unter Stimmungsschwankungen leiden, wird der Zuschauer ständig hin- und hergerissen: Mal ernsthaftes Epos, dann wieder heitere Komödie zur Zeit der lustigen Römer; mal Drama, mal Seifenoper; mal Blutfontänen und abgehackte Köpfe, dann aber wiederum seltsame Zurückhaltung. Zu viele Handlungsfäden werden aufgeworfen, ohne sie bis zum Ende zu verfolgen und sinnvoll zu verknoten.

 

Ein Jammer, angesichts der Möglichkeiten, die sich geboten hätten. Allerdings scheint sich Marshall selbst nicht sicher gewesen zu sein, welche Geschichte er eigentlich erzählen möchte. Immer wieder schweift er vom zentralen Plotpunkt, der Rache einer gequälten Seele, unnötig ab und schlägt unmotiviert einen Haken nach dem nächsten. Im letzten Drittel wird sogar noch eine Liebesgeschichte eingefügt, die völlig an den Haaren herbeigezerrt und nachträglich eingefügt wirkt. Wollte man damit etwa die weiblichen Zuschauer locken? Falls ja: Mission gescheitert!

Bond-Girl Olga Kurylenko ganz groß

Für den einzigen ganz großen Lichtblick sorgt ausgerechnet das ukrainische Fotomodel Olga Kurylenko, das als Bond-Girl in "Ein Quantum Trost" Bekanntheit erlangte. Ihre Darstellung der stummen, da zungenlosen "Wölfin" Etain ist schlichtweg beeindruckend. Wie sie sich den zudringlichen oder feindlich gestimmten Männern erwehrt, ist durchaus einen näheren Blick wert. Ihr nimmt man die Rolle der unnahbaren, schönen Kriegerin ab. Auch ihre Rachemotive sind nachvollziehbar, wenngleich sie die Gräueltaten natürlich nicht rechtfertigen.

Anstatt nun diese starke und selbstbewusste Frau ins Zentrum des Filmes zu stellen, dreht sich "Centurion" unentschlossen im Kreis und mündet in einem schmalzigen und vorhersehbaren Ende, das eines klarmacht: Mit solchen Soldaten musste das Imperium zwangsläufig kollabieren …

Fazit - Ernüchterndes Endergebnis

"Centurion" hätte ein ganz großer Genrefilm werden können, hätte Neil Marshall nicht allzu offensichtlich auf den "Gladiator"-Erfolg abgezielt und konsequent den Rache-Plot verfolgt. Das Endergebnis nach knapp 100 Minuten fällt deshalb ernüchternd aus: Bei "Centurion" handelt es sich um einen jener Filme, die man als Genrefan der Vollständigkeit halber guckt und sich bereits Stunden später nicht mehr an die spannungsarm inszenierte Handlung erinnern kann.

Mehr Olga Kurylenko, weniger Michael Fassbender, Fokussierung auf das zentrale Thema und weg mit der fürchterlichen "Love Story" - schon hätte "Centurion" einiges an Klasse hinzugewonnen. Immerhin erfahren historisch Interessierte, was nach Auffassung Neil Marshalls mit der legendären Neunten Legion wirklich geschah: Gegen die "Bravehearts" war schon damals kein Kraut gewachsen...

Daten & Fakten

Originaltitel: "Centurion"

Regie: Neil Marshall

Produktionsland und -jahr: GB 2010

Filmlänge: ca. 97 Minuten

Verleih: Constantin Film Verleih

Deutscher Kinostart: -

FSK: ab 18 Jahren

Offizielle Website:www.centurionmovie.com/
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Autor seit 8 Jahren
821 Seiten
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