"Hostel 2": Perverser Folterhorror?

Eli Roth und die Gewalt

Wer bei Quentin Tarantino in die Lehre ging, dürfte tendenziell eine Neigung zu freizügiger Gewaltdarstellung in Filmen aufweisen. Bei Eli Roth war dies spätestens mit seinem umstrittenen Blockbuster "Hostel" klar ersichtlich. 2007, ein Jahr nach dem ersten Teil, legte Roth mit "Hostel 2" nach. Und obwohl der Splatterstreifen bei weitem nicht so erfolgreich wie das Original war, fielen die Kritiken durchwegs vernichtend aus.

Gewaltverherrlichend, frauenverachtend und schlichtweg abartig sei der Folterhorror. Dabei wird freilich der zynische Kontext des Filmes übersehen. Beispielsweise ließ sich Eli Roth vom Gefangenenlager Guantanamo zu seinen "Hostel"-Filmen inspirieren. Doch während realer Horror verniedlicht oder euphemistisch verklärt wird – da "fallen" Soldaten in Afghanistan und werden Terroristen "ausgeschaltet", wobei es zu "Kollateralschäden" unter der Bevölkerung kommen kann -, konzentriert sich die Kritik auf die rein fiktiven Darstellungen von Gewalt. Insofern können die "Hostel"-Filme als Spiegel der gesellschaftlichen und politischen Verlogenheit gelten.

Willkommen im Hostel!

Der von Alpträumen geplagte Paxton (Jay Hernández, Protagonist aus "Hostel") kommt mit den Ereignissen in der Slowakei nicht klar und stopft sich mit Medikamenten voll. Seine Freundin zeigt indes wenig Verständnis für seine seelischen Qualen und verbannt ihn aus dem Schlafzimmer. Missmutig begibt sich Paxton in die Küche, wo er wenig später von einer Kettensäge erlöst wird.

Ein paar tausend Meilen weiter östlich bummeln die amerikanischen Kunststudentinnen Beth (Lauren German), Lorna (Heather Matarazzo, "Willkommen im Tollhaus") und Whitney (Bijou Philips, "Almost Famous") in Prag. Während eines Zeichenkurses lernen sie das betörende Aktmodell Axelle (Real-Life-Model Vera Jordanova) kennen. Diese verspricht ihnen die Party ihres Lebens in der Slowakei. Da sie ohnehin nichts Besseres zu tun haben, folgen die drei US-Mädels der Einladung und fahren mit Axelle in die Slowakei, wo sie in einem Hostel einchecken.

Tatsächlich findet in dieser Nacht eine volkstümliche Party statt, bei der die verklemmte Lorna von einem bulligen Einheimischen umgarnt wird. Trotz Beths Warnungen, sich nicht von der Gruppe zu entfernen, lässt sich Lorna zu einer lauschigen Bootsfahrt überreden. Diese endet aber nicht mit einer berauschenden Liebesnacht, sondern mit einem Schlag auf den Kopf. Nachdem sie aus der tiefen Ohnmacht erwacht, findet sich Lorna splitternackt und gefesselte kopfüber von der Decke hängend. Wenig später betritt eine alternde Frau den Raum und greift zu einer Sense, um sich eine Blutdusche zu gönnen. Lornas Proteste gegen diese Zweckentfremdung ihres Körpers bleiben leider ungehört …

 

Ahnungslos, welches Schicksal ihre Freundin ereilte, fahren Beth und Whitney in ein nahe gelegenes Spa. Ein verhängnisvoller Fehler: Die beiden jungen Frauen werden entführt und in ein Foltergefängnis verschleppt, wo sie bereits ungeduldig von den Geschäftsleuten Todd (Richard Burgi) und Stuart (Roger Bart) zur fröhlichen Folterung erwartet werden. Stuart, der Beth zugewiesen bekommt, wird jedoch plötzlich vom schlechten Gewissen geplagt. Besteht für Beth doch noch eine Möglichkeit, das Gefängnis lebend und mit sämtlichen Körperteilen zu verlassen?

Trailer "Hostel 2" (englische Version)

Der Kontext von "Hostel 2"

Guantanamo, oder: Wie viel kostet ein Menschenleben?

Wie bereits eingangs erwähnt wurde Regisseur Eli Roth unter anderem vom Gefangenenlager auf Guantanmo, vermutlich aber auch vom berüchtigten irakischen Gefängnis Abu Ghuraib zu "Hostel" und "Hostel 2" inspiriert. Natürlich könnte man es sich einfach machen und derlei Filme als perverse Visualisierungen eines kranken Geistes betrachten. Allerdings würde man dann den feinen Zynismus und die Gesellschaftskritik dieser Filmreihe komplett ausblenden.

 

Diese beginnt mit der Frage, wie viel ein Menschenleben wert ist. Beileibe keine rein theoretische, sondern eine durchaus pragmatische Frage. Erinnert sei in diesem Zusammenhang etwa an die angebotenen Schadensersatzzahlungen Deutschlands für das Tanklastwagen-Bombardement im afghanischen Kundus 2009. Was läge demnach näher, als noch lebende Menschen für Folterungen zu verschachern? Wenn unter dem Deckmantel der "nationalen Sicherheit" gefoltert wird, warum dann nicht daraus ein profitables Geschäft machen? Via Videokonferenz werden Preise festgelegt und ahnungslose Opfer in spe bei einer Auktion versteigert. Eine lediglich auf die Spitze getriebene Pervertierung von Allmachtsphantasien.

 

"Hostel 2": Lust an Folter und an der Provokation

Nun kann man Eli Roth vieles vorwerfen, eines aber bestimmt nicht: Mangelnde Provokationskunst. In der ungeschnittenen Fassung von "Hostel 2" wird beispielsweise ein Junge mit einem Kopfschuss kaltblütig hingerichtet oder ein abgetrennter Kopf als Fußball missbraucht.

 

Der offensichtlichste Unterschied zu "Hostel" liegt in der Besetzung der Hauptrollen. Statt vergnügungssuchender Studenten sind es diesmal drei junge Frauen, die den skrupellosen Folterknechten in die blutverschmierten Hände fallen. Der ungehemmte Hedonismus der US-Boys ist dem pragmatischen Lebensfrohsinn dreier Landsfrauen gewichen. Gänzlich hilflose Opfer stellen die Frauen jedoch nicht dar. Beth-Darstellerin Lauren German glänzt als selbstbewusste Protagonistin, die sich ihrer Haut und Körperteile mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln erwehrt. Trotz ihrer ungekünstelten Weiblichkeit, die bisweilen an Milla Jovovich erinnert, besteht an Beths lesbischer Neigung kaum ein Zweifel, was zu einer bizarren Beziehung mit Axelle führt, die als Lockvogel agiert und weiß, wie sie die hübsche Amerikanerin bezirzen kann …

 

Renaissance der "Blutgräfin"

Für Fans düsterer Legenden interessant ist jene Szene, in der Lorna als unfreiwillige Blutspenderin für eine Blutdusche missbraucht wird. Die Anspielungen auf die berüchtigte "Blutgräfin" Elisabeth Báthory sind unverkennbar. Báthory wurde im 16. Jahrhundert beschuldigt, dutzende junge Frauen gefoltert und grausam ermordet zu haben, um in deren Blut zu baden. Was an diesen Anschuldigungen dran war, ist heftig umstritten. Denn – und hier schließt sich der Kreis – die Geständnisse der angeblich an den Folterungen beteiligten Bediensteten der "Blutgräfin" waren unter Folter zu Stande gekommen …

 

 

Grimmiger Humor und überraschendes Ende

Wie von Eli Roth gewohnt herrscht auch in "Hostel 2" eine makabre Atmosphäre vor, in der grimmiger Humor nicht zu kurz kommt. Der Showdown endet übrigens mit einem verblüffenden Ende, das wiederum in sich selbst logisch geschlossen ist und Lust auf den in Planung befindlichen "Hostel 3" macht, der allerdings direkt auf DVD erscheinen soll.

 

Fazit: "Hostel 2" ist perfekt inszenierter Folterhorror mit einer herausragenden Hauptdarstellerin (Lauren German), viel makabrem Humor, düsteren Settings und natürlich sattem Splattergehalt. Für Horrorfans ein Muss – zartbesaitete Gemüter sollten um diesen Streifen besser einen sehr weiten Bogen machen.

Fakten zu "Hostel 2"

Originaltitel: "Hostel: Part II"

Regie: Eli Roth

Produktionsland und -jahr: USA, 2007

Filmlänge: ca. 88 Minuten (deutsche Kinofassung) bzw. ca. 91 Minuten (uncut)

Verleih: Sony Pictures Home Entertainment

Deutscher Kinostart: 14.07.2007

Veröffentlichung auf blu-ray: 06.12.2007

Autor seit 8 Jahren
821 Seiten
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