Mehr oder weniger kalkulierte Provokationen

Lars von Trier (*30.4.1956 in Kopenhagen) war schon früh ein Freund der kalkulierten Selbstdarstellung, lief eine Zeitlang in seiner späten Jugend geschminkt in seltsamen Klamotten herum. Und Provokation gehörte bei ihm auch immer dazu. Sein arrogantes Benehmen auf der Filmschule angesichts der seiner Meinung nach konventionellen und dummen Art, Filme zu machen, ist legendär. Dazu kam eine elternhausbedingte Rebellion gegen die die Gesellschaft bestimmende weltverbessernde Linke.

Doch dann manchmal ist vieles überhaupt nicht kalkuliert. Wenn ein englischer Reporter ihn bei der Pressekonferenz in Cannes auffordert, sich für den Horrorfilm "Antichrist" zu rechtfertigen, und er nach einigem Zögern und Verwunderung unvermittelt antwortet, er sei der beste Regisseur der Welt, dann landet diese Aussage in den Zeitungen, nicht aber die dumme Provokation des nervenschwachen Journalisten.

Und bei seinem letzten glorreichen Auftritt in Cannes trat das zutage, was seine erste Ehefrau "eine milde Form des Tourettesyndroms" genannt hat. Da plauderte er 2012 auf einer Pressekonferenz munter drauflos und redet sich in aller Öffentlichkeit, vor der Weltpresse, um Kopf und Kragen, als wäre er unter Freunden und Bekannten, denen er vertrauen könnte.

Die seltsame Pressekonferenz in Cannes 2012
Cannes 2009: Die rüde Frage des Journalisten

Depressionen, Zwangsstörung und Todesangst

Es wurde oft angenommen, Zeitungsmeldungen und Äußerungen über seine psychischen Beschwerden seien Teil der Selbstdarstellung, doch dem ist nicht so. Bekannt ist seine Reisephobie, die ihn manchmal von Cannes ferngehalten hat. Den Erfolg des Melodrams "Breaking the Waves" erlebte er von Dänemark aus am Telefon.

Seit seiner Kindheit wird er gequält von Todesangst. Begleitet wird dies von OCD (die Zwangsstörung "Obsessive Compulsive Disorder"). Manisch untersucht er sich nach Krankheiten und Unregelmäßigkeiten am Körper, um zu kontrollieren, dass er nicht etwa Krebs habe. Das kann dazu führen, dass er blutet.

Und wie schon erwähnt, sagt er immer, was er denkt. Das hat den freundlichen Nebeneffekt, dass Lügen und Heuchelei ihm absolut fremd sind, man aber einiges aushalten können muss in seiner Nähe. Andererseits darf man es ihm auch zurückgeben. Auch bei Dreharbeiten ist er so, aber nur denen gegenüber, die er kennt. Das bezeichnet er als einen "Ritterschlag".

Vor einigen Jahren hatte er auch eine schwere Depression, weswegen er sich im Kopenhagener Reichshospital einweisen ließ, wo er aber nicht lange blieb, denn er sollte sich erst mal eine Woche selbst beschäftigen. Seitdem geht er regelmäßig zu einem Psychiater, der ihn u.a. auch mit beruhigenden Übungen versorgt. Inzwischen steht an seinem Arbeitsplatz, der Produktionsfirma Zentropa, sogar ein Isolationstank, in dem man sich, völlig abgeschirmt von äußeren Sinneseindrücken, in Salzwasser legt.

Kindheit: Die totale Freiheit

Lars von Trier hatte etwas, wovon viele Kinder träumen, was sich aber in Wirklichkeit leicht als Hölle erweisen kann: Er hatte die absolute Freiheit, konnte tun und lassen, was er wollte, aber dafür musste er auch selbst entscheiden, wann er zum Arzt gehen sollte und Ähnliches. Nicht sehr überraschend war dieser Junge mit den irren und wilden Ideen absolut nicht schultauglich.

Die Eltern waren politisch aktiv und die Atombombe war ein beliebtes Thema, das dafür sorgte, dass der kleine Lars unter dem Schutz eines Schreibtisches mit Hilfe so mancher Rituale seine panische Angst überstehen musste. Seine Mutter hielt es nicht für nötig, die Ängste des Kleinen zu beruhigen. Denn schließlich könnte ja unter Umständen nachts die Atombombe auf Dänemark fallen, und schließlich könnte man ja in der Nacht sterben, auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, aber man kann bei so etwas nie sicher sein. Außerdem wurde die Mutter selbst von Ängsten geplagt und verbarrikadierte sich oft in ihrem Zimmer. Nur darüber gesprochen wurde nicht.

Auf dem Totenbett erzählte seine Mutter ihm dann 1989, dass sein Vater nicht sein wirklicher Vater sei. Ein paar Tage später war sie tot. Er schüttelte sie heftig, um festzustellen, ob sie denn auch wirklich tot war. Seine Rache war außerdem symbolisch, aber heftig. Wütend zertrümmerte er beim Aufräumen nach ihrem Tod ihre Porzellansammlung. Außerdem beerdigte er sie gegen ihren Wunsch neben ihrem Mann, anstatt sie zu verbrennen und die Asche bei den Gräbern der Unbekannten zu verstreuen. Er sagt über sie: "Sie war ja 40, als sie mich bekam. Sie sah etwas älter aus, das war wohl, weil sie sich durch die Schichten des Sozialministeriums gebumst hatte."

Sein wirklicher Vater hieß Fritz Hartmann und war der Bürochef sowohl der Mutter als auch des  eingebildeten Vaters gewesen. Die Mutter war wohl auf der Jagd nach künstlerischen Genen gewesen. Rückblickend fällt von Trier auf, dass sie, als er klein war, ständig nach musikalischer Begabung bei ihm forschte. Und immer wieder bekam er zu hören, er sei ein Genie, als könnte man es so heraufbeschwören.

Angst vor der Atombombe

Atomic Bomb Smoke Capped by Mushroom Cloud Rises More Than 60,000 Feet Into Air over Nagasaki (Bild: AllPosters)

Kopenhagen

Downtown Cityscape, Copenhagen, Denmark (Bild: Anders Blomqvist / AllPosters)

Nyhavn at Dusk, Copenhagen, Denmark, Scandinavia, Europe (Bild: Frank Fell / AllPosters)

Familienmensch

Lars von Trier lebt ganz typisch dänisch in einem Haus mit Garten und einem Ausblick auf den Bach und den Wald, wo er schon in seiner Kindheit so viel Zeit verbracht hat. Er arbeitet gerne im Garten, liebt die Natur, geht Angeln, Jagen. Außerdem kocht er gerne stundenlang. Seine Frau Bente sagt, dass er als Gärtner glücklicher geworden wäre als als Regisseur.

Er ist zum zweiten Mal verheiratet, hat zwei Jungen, Zwillinge. Die beiden Töchter aus erster Ehe mit Cæciclia Holbæk werden zu den Besuchswochenenden pünktlich nach dem Terminkalender abgeholt. Diese sagt über ihn, dass er "in Wirklichkeit sehr nett sei". Und selbst sagt er über sich, dass es ihm sehr wichtig sei, ein "guter Mensch" zu sein, wenn auch nicht im religiösen Sinne: "Ich will gerne besser sein zu denen, die mir nah sind. Anwesender und positiver sein gegenüber Bente und den Kindern." Über seine psychischen Störungen wird gesprochen, denn er hat ja bei seiner Mutter erlebt, wie es sich sonst auf eine unbewusste Art und Weise auf ein Kind übertragen kann.

Der Regisseur und seine Filme

Selbst ein Film von Lars von Trier, den man persönlich nicht mag, ist ein interessanter Film. Man mag vor dem einen oder anderen Film die Flucht ergreifen, man muss doch immer anerkennen, dass formal und technisch Neues und Aufregendes entstanden ist. Hier gilt der alte Satz der Nouvelle Vague um Truffaut und Chabrol, dass ein schlechter Film eines guten Regisseurs besser ist als ein schlechter eines guten.

Lars von Trier hat angefangen mit Filmen, die vor allem visuell beeindruckt haben, die aber sonst nicht viele sehen wollten. "Element of Crime" (1984) oder "Europa" (1991) berühren einen nicht auf der emotionalen Ebene, sind vor allem von ästhetischem Interesse.

Kingdom

Dann kam 1994 die Wende mit der Fernsehserie "Kingdom", einer Mischung aus Krankenhaus- und Gruselfilm. Besetzt wurde das Ganze mit einem Haufen populärer dänischer Schauspieler und plötzlich wurde er mit dieser sowohl lustigen als auch gruseligen Serie in ganz Dänemark und später auch weltweit bekannt. Er verabschiedete das Publikum nach jeder Folge persönlich mit einem kleinen Ausblick auf das Folgende. Bei den Dreharbeiten fing er zudem an, der Schauspielerregisseur zu werden, der später Björk oder Charlotte Gainsbourg Preise auf dem Filmfestival in Cannes bescherte. Zum ersten Mal sind die formalen Erneuerungen mit einer spannenden und äußerst unterhaltsamen Handlung verbunden. In Szenen wird auf zeitliche Kontinuität verzichtet, Teile im Verlauf werden einfach herausgeschnitten. Es wird nicht unbedingt gezeigt, dass jemand sich hinsetzt oder einen Flur durchquert. Auch ließ er Szenen mehrfach in verschiedenen Stimmungen spielen. Auch missachtete er fröhlich alle Regeln der durch Kameraperspektive erzeugten Kontinuität. Geht jemand links aus dem Bild, kann er auch rechts wieder hereintreten.

"Kingdom" ist also schon wie eine die klassischen Regeln brechende Vorübung auf das, was dann 1995 im Dogma-Manifest und im darin enthaltenen Keuschheitsgelübde festgelegt wurde. Bei Dogma ging es aber auch um die Befreiung und Erneuerung des Films durch Verbote. Mit "Idioten" (1989) drehte er den einzigen wirklich konsequenten Dogma-Film.

"Kingdom" (Trailer OmeU)

Leidende Frauen

Gerne wird ihm der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit gemacht. 1996 schickte er in "Breaking the Waves" eine Frau in den Himmel und 2000 Sängerin Björk in "Dancer in the Dark" an den Galgen. Beide müssen vorher unsagbar leiden. In "Antichrist" (2009), der vor allem durch zwei Genitalverstümmelungen Aufsehen erregte, wird die Frau als das Böse dargestellt. Dazu muss man sagen, dass es bei Lars von Trier jede Art von Frau gibt. Die feministische Kritik pickt sich allerdings gerne heraus, was ihr gerade passt. Dann kommt noch hinzu, dass diese leidenden Frauen am ehesten ihm selbst entsprechen. Es ist ein bisschen wie bei Bergman, der die Frauenfiguren auch gerne als Alter Ego benutzt hat. Charlotte Gainsbourg hat dies wohl instinktiv gespürt und nahm von Trier und sein krankheitsbedingtes Zittern bei den Dreharbeiten als Vorbild für ihre Darstellung in "Antichrist".

In eine ganz andere Richtung ging er mit "Dogville" (2003) und "Manderlay" (2005), dessen formale Voraussetzungen er im Theater suchte. Filme mit angedeuteten Theaterkulissen, mit Kreidestrichen auf dem Boden. Verfremdung wie bei Brecht und, besonders in "Manderlay", Amerikakritik. Hier kann man sehr schön sehen, dass er durchaus ein Kind dieser Linken ist, gegen deren Inhalte und Wesen er gleichzeitig so gerne rebelliert.

"Breaking the Waves" (Trailer Englisch)
"Dogville" (Trailer Deutsch)

Glücklich beim Weltuntergang

Sein bisher letzter veröffentlichter Film (alle warten auf "Nymphomaniac" (2013)) ist "Melancholia" (2011), der vielleicht auch sein schönster Film ist. "Zu schön" wie er in Interviews gegrummelt hat. Dieser Film handelt von einer psychisch Kranken, die erst entspannt, als klar ist, dass die Welt untergeht, während die anderen deshalb durchdrehen. Ganz am Schluss gibt es eine Szene, wo sie sich mit ihrer Schwester und deren kleinem Sohn unter ein paar aufgestellten Ästen versteckt, alles, um den Kleinen zu beruhigen. Ebenso hat ja der kleine Lars von Trier unter Schreibtisch und Laken versucht, dem befürchteten Atombombenuntergang zu trotzen.

"Melancholia" (Trailer deutsch)
Lars von Trier im Nachspann zu "Kingdom" (OmeU)
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