Der Mythos

"Ich bin nicht mehr ich... Ich bin ein Mythos." Mit solchen Gedanken schlägt Michael Cimino sich herum, weil eine italienische Regisseurin einen Dokumentarfilm über ihn machen will. Der Titel: "Das Lächeln eines Mythos". Als wäre Cimino ein wandelnder Buddha. Aber er findet es zu Anfang nicht komisch: "Ich lächele nicht oft in diesen Tagen." Dennoch sagt er zu, verspürt aber trotzdem ein gewisses Unbehagen. Also fängt er irgendwann 2001 an, zu schreiben, was 2004 in Frankreich auf knapp 60 Seiten als "Gespräche im Spiegel. Mythische Missgeschicke in Hollywood" ("Conversations en miroir. Mythiques mésaventures à Hollywood") herausgegeben werden wird. Meistens arbeitet er früh morgens daran, wenn er mal wieder schlaflos und nach Alpträumen aufgewacht ist. Oft jagt er nachts mit einem seiner Wagen durch die Straßen und dreht die Musik laut auf. Gerade hatte er bei einer solchen Fahrt einen Unfall. Er musste Medikamente kaufen, die ihm ausgegangen waren. Tylenol.

"Big Jane" auf Italienisch
Interview auf Englisch

Wieso dieses Buch?

Warum er überhaupt zugesagt hat in Bezug auf diesen Dokumentarfilm? Weil er selbst nicht reden muss, sondern andere reden werden. "Ich hoffe, dass alle einen lobenden Bericht abgeben werden und ich wie ein Kerl aus Gold erscheinen werde.... was ich zu sein glaube." Aber er hat auch Angst davor. Der Begriff Mythos könnte sich als nicht zu entfernendes Tattoo erweisen.

Im Laufe der 10 Kapitel kotzt Cimino sich regelrecht aus. "Ich kann nicht glauben, dass ich diese Scheiße schreibe." Trotzdem macht er weiter. Es gibt keine Struktur, vielmehr ein Sammelsurium aus Gegenwart und Vergangenheit, Gedanken und Anekdoten, Ironie und Ernsthaftigkeit, Offenheit und Provokation, Größenwahn und Selbstzerfleischung. Zu einem großen Teil kreist fast alles um zwei Begriffe: Mythos und Berühmtheit. Der lebende Mythos. Der tote Mythos, der ein gutes Geschäft ist. Immer wieder Selbstmorde, von Bekannten, von Berühmtheiten. Unzählige Menschen erwähnt Cimino: Freunde, Produzenten, Schauspieler, Regisseure, Politiker, Sänger. Zu jedem hat er etwas zu sagen oder zu erzählen. Und dabei ist er nicht immer zimperlich.

Ciminos Rolle in Hollywood

Er denkt über seine eigene Rolle nach. Wie ihn die anderen sehen, was Hollywood, was Amerika und die Medien über ihn denken. Er bekommt seine Gegner (Lieblingsfeindin: "Hanoi-Jane" Fonda) nicht aus dem Kopf, die ihm von Film zu Film wechselnde Etiketten aufgeklebt haben. Ein besonders grotesker Sprung war es vom Reaktionär und Faschisten (wegen "Die durch die Hölle gehen") zum linken Marxisten (wegen "Heaven´s gate"). Dabei ist er doch Republikaner. Er versucht eine Positionsbestimmung, ist sich aber selbst nicht sicher. Im Grunde versteht er die Ablehnung nicht. "Warum hassen mich so viele Leute – vor allem Leute, die ich nicht kenne?"

Zeichen von Hollywood (Bild: Mark J. Terrill / AllPosters)

Romane als Autobiographie

Die "Gespräche" interessieren sich nicht für eine sorgfältige, korrekte Analyse. Sie sind durch und durch subjektiv. Es handelt sich um einen momentanen, mentalen Zustandsbericht des Gefühls der Verwirrung, der Einsamkeit und der Leere in der Zeit nach der Fertigstellung eines seiner Romane. In die hat er wesentlich mehr von sich hereingeschrieben. Denn sie "sind viel näher an einer autobiographischen Arbeit, als ich es je sein werde mit dieser Art von 'Gesprächen'." Veröffentlicht hiervon sind "Big Jane" (Gallimard 2001) und "Hundert Ozeane" ("A hundred oceans", Gallimard 2004), der in einem Band mit den "Gesprächen" erschien. Beide sind literarische Roadmovies.

Yosemite Valley (Bild: Robert Glusic / AllPosters)

Avalanche Lake, Glacier National Park, Montana, USA (Bild: Jamie & Judy Wild / AllPosters)

"Big Jane"

Ciminos Stil ist amerikanisch nüchtern und beschreibend. In diesem klaren, präzisen Realismus haben blumige Sprache, Metaphorik oder Symbolik keinen Platz. Vor allem "Big Jane" wäre auch als perfekte Drehbuchvorlage zu nutzen. (2001 sprach Cimino in Venedig von einer möglichen Verfilmung.) Der Handlungsaufbau ist einfach und chronologisch und wird nicht gestört durch formale Experimente. Schönheit und Bedeutung liegen wie von allein in den Dingen und im Geschehen. Der Leser muss sie selbst finden. Auch die amerikanische Natur wird nicht ausführlich beschrieben. Nur wenige Sätze evozieren ihre Poesie.

"Ein wenig später erreichten sie ein Tal von vollkommener Schönheit. Ein mit Eis bedeckter Fluss schlängelte sich durch ein Wäldchen aus Pappeln und Weiden. Sechs oder sieben Pferde suchten Gras in den Schneefurchen." Jemand sagt ehrfürchtig: "Das ist wie ein Gemälde." Wie Gemälde zeigt Cimino die weiten Landschaften in seinen Filmen, aber visuelle Schönheit lässt sich sprachlich nicht mit realistischen Mitteln adäquat wiedergeben.

Außenseiter und Indianer

Vor allem handeln beide Romane von den amerikanischen Außenseitern, die auch Ciminos Filme bevölkern. Die Helden beider Romane sind Weiße der Unterschicht. In "Big Jane" spielen auch Indianer eine tragende Rolle. Cimino identifiziert sich stark mit der indianischen Spiritualität und ihrer Lebens- und Denkweise. (1996 sagt er den "Cahiers du Cinéma", er sei sehr "synchron mit dem amerindianischen Geist".) War es in "Sunchaser" ein Navajo-Halbblut, ist es hier ein junger Dakota Sioux.

Es gibt noch zwei andere Männer, die eine wichtige Rolle spielen: ein Ex-Rodeo-Cowboy von etwa 45 Jahren und ein 19-jähriger Motorradfahrer, der Sänger werden möchte. Seine Texte sind Country-Texte von Lonern und Outlaws, vom Herumziehen und Trinken und von unglücklicher Liebe: home is a country girl, who two-steps in time,/a smile big as Texas, and a voice so sublime,/she sticks in my mind, like a Hank Williams tune,/but I´m a runaround man,´neath a runaround moon…Es ist 1951. Man macht Werbung mit der Aufschrift "DIE EINZIGE BAR IN TEXAS, WO HANK WILLIAMS NICHT GESPIELT HAT”.

1951 ist aber auch die Zeit des Koreakriegs. Ein Kapitel spielt dort. Es erzählt von jungem, schlecht ausgebildetem Kanonenfutter, brutalem Schlachtgetümmel und den Folgen. Cimino nutzt hier seine eigenen Erfahrungen aus seiner Armeezeit in San Antonio in Fort Sam Houston, Brooke Army Medical, Burn Center. Das Geschrei der Verbrennungsopfer, an das er sich in den "Gesprächen"erinnert, findet sich auch in "Big Jane".

A Sioux Medicine Man Offers a Ritual Prayer to the Buffalo (Bild: AllPosters)

Hank Williams and the Drifters at ...

Hank Williams and the Drifters at Journey's End, Camden, Alabama, 1947 (Bild: Dennis Loren / AllPosters)

Eine Suche nach sich selbst

Es ist der Roman einer Suche vor allem nach sich selbst. Big Jane ist zu Anfang des Romans in der zweiten Oktoberwoche 1951 in Rosedale, Long Island, so orientierungslos, dass ihre Hauptbeschäftigung darin besteht, im väterlichen Garten tiefe Löcher auszuheben und wieder zu füllen. Als Strafe für Sünden meint ihr Vater. Sie ist sechs Fuß groß, hat Schuhgröße 45 und sieht aus wie "Miss Universum in der Kategorie Muskel". Im Gegensatz zu den Männern weiß sie nicht recht, wer sie ist, was sie denn tun soll oder kann. Also wandert sie erst einmal in deren Fußstapfen, bis sie ihren eigenen Weg findet. Sie wird viel herumkommen, sich in alle drei Männer verlieben, und Verlust, Tod und große physische Schmerzen ertragen müssen, bis sie ihre Berufung und damit eine eigene Zukunft hat. Am Ende lösen sich die Geister der Vergangenheit im rasanten Schlusskapitel auf.

Nur Golfer (Bild: AllPosters)

"Hundert Ozeane"

Die Hauptfigur von "Hundert Ozeane" weiß, was sie kann, aber nicht, was sie tun soll. C.J., ein junger Mann an die 20, spielt sehr gut Golf. Aber er weiß nicht, ob er es als Profi versuchen soll. Verschiedene Hindernisse stehen dem entgegen. Zum einen seine eigene Unsicherheit und Antriebslosigkeit, dann das nötige Geld, dann seine durch die harten Abschläge verursachten Sehnenschmerzen in der Schulter. Gegen all das hat er anzukämpfen und dabei sind seine neue Freundin, eine Serviererin mit ihrer Tochter, ihm eine große Hilfe. Zu dritt werden sie aufbrechen.

"Big Jane" war ein Unterklassenroman. "Hundert Ozeane" hingegen ist ein Aufsteigerroman, ein Zweiklassenroman. Die Tour geht vom trüben Minenstädtchen Feathers Valley in Arizona zu den Gegenden der Reichen und ihrer Golf Clubs. Dort geht es darum, sich in diese Kreise einzufügen oder aber schmerzhaft die Nichtzugehörigkeit zu spüren. Die Reichen sind freundlich, sie haben ihren eigenen Charme. Ohne böse zu sein, haben sie – wie die reiche, junge Frau des Romans - wenig Gespür für die Gefühle anderer Menschen oder ignorieren sie absichtlich. Reiche sind es gewohnt, dass die Welt ihnen gehört.

Erfüllt von der Schönheit

C.J.´s Aufstieg vollzieht sich daher auch nicht auf der materiellen Ebene. Geld ist vor allem Mittel zum Zweck – Golf spielen. Es geht um die eigene Vervollkommnung, um den menschlichen Versuch, die Perfektion zu erlangen, auch wenn "Perfektion für Gott ist und nicht für uns" (Cimino im Juli 2005 in Paris). Es geht um Selbsterkenntnis, Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung. Durch die Schmerzen wird ein Spiel für C.J. schließlich zu einem "Martyrium", einem Kampf. Und es geht um die Übernahme von Verantwortung, um die Erkenntnis, dass die Welt außerhalb des Golfplatzes doch wichtiger ist.

"Hundert Ozeane" ist wie "Big Jane", trotz der oft düsteren Ereignisse, ein hoffnungsfroher Roman. Das Ende hat zwar einen bitteren Beigeschmack, aber den Protagonisten beschleicht dennoch ein gutes Gefühl. "Es schien unmöglich, aber, ganz plötzlich, hatte er den Eindruck von der Schönheit, die ihn umgab, erfüllt zu sein."

Das wirkt wie die Erfüllung des Gebets des jugendlichen Straftäters in dem Film "Sunchaser": "Möge Schönheit vor mir sein. Möge sie hinter mir sein. Möge sie über meinem Kopf sein. Möge sie unter meinen Füßen sein. Und möge Schönheit vollständig um mich herum sein."

"Sunchaser" (englischer Trailer) - "Möge Schönheit vor mir sein ..."
"Den letzten beißen die Hunde" (Trailer)
"Im Jahr des Drachen" (englischer Trailer)
"24 Stunden in seiner Gewalt" (englischer Trailer)
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