Die Bibel: ein ganz besonderes Buch

Die Bibel besteht aus 66 so genannten Büchern, zusammengefasst in zwei großen Abschnitten, dem Alten und dem Neuen Testament. Manche Bibelausgaben enthalten auch noch Zusatzschriften, genannt Apokryphen, auf die hier aber nicht weiter eingegangen werden soll. Jedes biblische Buch wurde in Kapitel und Verse unterteilt, deren Länge uneinheitlich ist. Die meisten Bibelübersetzungen greifen auf diese Zählweise zurück. Bücher gleichen Namens erhielten zudem noch eine vorangestellte Nummerierung (z. B. Erster Korintherbrief).
Die Heilige Schrift ist kein Roman, kein Nachschlagewerk, keine Spruchsammlung, kein Gedichtband, kein Manifest – und doch beinhaltet sie all diese Kategorien. Noch erstaunlicher scheint, das sie trotz ihrer Vielfalt in sich schlüssig ist, obwohl an ihr viele Autoren über einen Zeitraum von ungefähr 1600 Jahren mitgewirkt haben.
Es zieht sich gewissermaßen ein Roter Faden (die so genannte Heilsgeschichte) durch die Bibel, den es zu entdecken gilt. So verschieden die 66 Bücher der Heiligen Schrift auch sein mögen, sie sind verbunden durch bestimmte Zusammenhänge und Querverweise. Selbst "altgediente" Bibelleser gelangen daher immer wieder zu neuen oder tieferen Erkenntnissen.
Es bedarf also einer besonderen Vorgehensweise, wenn man eine Bibel erstmals zur Hand nimmt. Natürlich lässt sich die Heilige Schrift mit viel Disziplin einfach von vorn bis hinten durchlesen, so wie jedes beliebige Buch auch. Danach wird man aber vermutlich nicht wirklich schlauer sein, höchstens verwirrter und dieses Buch vielleicht nie wieder lesen. Lassen Sie sich also einladen zu einem ersten Schnupperkurs durch die Bibel. Beachten Sie dabei unbedingt eine Grundregel: Wenn Ihnen etwas unverständlich ist, dann belassen Sie es zunächst einfach dabei und lesen weiter. Manche Zusammenhänge erschließen sich nicht sofort. Außerdem ist es sinnvoll, nicht zuviel Text am Stück zu lesen, sondern lieber nach wenigen Seiten das Gelesene auf sich wirken zu lassen.

Wie die Reise durch das Buch der Bücher beginnen sollte

Wo beginnen, wenn nicht am Anfang? In der Regel wird Neulingen im Bibellesen empfohlen, zunächst mit dem zweiten Teil der Bibel, also dem Neuen Testaments zu beginnen. Dort sind als erstes die Taten, Worte und Erlebnisse von Jesus aufgezeichnet. Grundlagen des Christentums und der Sündenproblematik werden angesprochen. Es geht hierbei um das ideale Verhältnis der Menschen untereinander sowie die Beziehung zu Gott.
Die grobe Rahmenhandlung rund um die Weihnachtsgeschichte, die Wundertaten und die Kreuzigung dürfte durch allerhand Filme allgemein bekannt sein. Vordergründig betrachtet, erzählt die Bibel am Beginn des Neuen Testaments diese Geschichten viermal nacheinander. Doch jene vier so genannten Evangelien unterscheiden sich in ihrem Stil ganz erheblich. Matthäus beispielsweise berichtet sehr einfühlsam und ausführlich und legt den Fokus auf den Menschen Jesus Christus. Seine Darstellungen setzen aber eine Grundkenntnis der jüdischen bzw. alttestamentlichen Theologie voraus.
Markus wiederum erzählt sehr flüssig und kurz, sein Bericht ist möglicherweise das älteste der vier Evangelien. Im Gegensatz dazu hält im Johannesevangelium ein alter Mann Rückschau auf die Erlebnisse seiner Jugend. Die ersten Worte des Johannesevangeliums atmen Größe und uralte Weisheit. Kernthema ist nicht die Geschichte an sich, sondern die Heilserfüllung durch Christus als den Sohn Gottes.
Wahrscheinlich am besten für Bibelneulinge geeignet ist deshalb das Lukas-Evangelium. Es erzählt besonders ausführlich und beruft sich auf akribische Recherchen. Der Verfasser ist ein griechischer Arzt, also ein ehemaliger "Heide", und er schreibt auch für Menschen außerhalb des jüdischen Kulturkreises. Diese Tatsache macht seinen Bericht so interessant für heutige Anfänger im Bibellesen. Es bedarf keiner Vorkenntnisse. Lesen Sie daher die Evangelien zueinander ergänzend, beispielsweise in der Reihenfolge Lukas – Matthäus – Markus – Johannes.
Danach empfiehlt sich ein weiteres Werk des Lukas, die Apostelgeschichte. Sie schließt sich unmittelbar an die vier Evangelien an. Beides zusammen ergibt einen ersten Überblick über die christliche Botschaft und ihre Anfänge.

Der zweite Schritt: Die ersten Seiten der Bibel

Lesen Sie nun den ersten Teilabschnitt der Bibel, das sogenannte 1. Buch Mose, manchmal auch als Genesis bezeichnet. Hier wird die Erschaffung der Welt thematisiert, gefolgt vom ersten Sündenfall. An dieser Stelle erfolgt übrigens der früheste Verweis auf das Heilsgeschehen durch Jesus Christus ( 1. Mose 3 Vers 15), welches Sie ja bereits gelesen haben. Die Anfänge der Menschheit bis zur Sintflut werden anschließend grob umrissen. In diesem Bereich, der so genannten Urgeschichte, werden Sie erstmals auf ausführliche Personenregister treffen, welche noch häufiger in der Heiligen Schrift auftauchen. Das sollte Sie nicht verwirren. Diese Listen haben durchaus einen Sinn, der sich aber erst beim tieferen Bibelstudium erschließt. Lesen Sie also ruhig erst einmal darüber hinweg.
Kurz nach der Sintflutgeschichte beginnt die eigentliche Historie des jüdischen Volkes. Die Entstehung des Volkes Gottes aus einer einzigen Großfamilie wird aufgezeigt. Als Leser werden Sie vielleicht erstaunt sein, dass die Bibel hier nichts beschönigt. Die beschriebenen Personen waren durchaus ganz normale, fehlerhafte Menschen. Dieser Umstand spricht dafür, dass die Bibel kein idealisierendes Buch einer konstruierten Religion ist, sondern eben wahrhaftige Ereignisse verzeichnet.

Der dritte Schritt: Weitere geschichtliche Bücher

Der sich nun anschließende Weg unserer Reise durch die Bibel ist relativ einfach. Sie folgen lediglich dem Verlauf der Heiligen Schrift, bis Sie am Ende des Buches Ester angekommen sind, einer sehr volkstümlichen Geschichte, die ein auch heute noch praktiziertes, jüdisches Fest begründet hat.
In diesen insgesamt 16 biblischen Büchern werden Sie interessante Geschichten kennen lernen, angefangen mit dem 2. Buch Mose. Es beginnt ungefähr 400 Jahre (es gibt auch andere Deutungen) nach den Ereignissen am Ende der Genesis. Beschrieben wird, wie das jüdische Volk der ägyptischen Sklaverei entkommt, jahrzehntelang nomadenhaft in Wüstengebieten umherzieht und schließlich in Palästina sesshaft wird. Die beschriebene Formung der jüdischen Nation spielt vor diesem Hintergrund aus Eroberung, Rückschlägen und Anpassung. Das wechselhafte Verhältnis aus Treue zu und Abkehr von Gott wird dargestellt. Es folgen die Etablierung eines Königtums, der Aufstieg zur regionalen Großmacht, die Spaltung dieses Reiches und schließlich der Untergang beider Teilreiche. Die geschichtlichen Bücher der Bibel enden mit zarten Hoffnungen und Neuanfängen nach der Katastrophe der babylonischen Gefangenschaft.
Auch in diesen Texten werden Ihnen wieder zahlreiche Auflistungen begegnen, siehe oben. Besonders die Mose-Bücher enthalten zudem allerhand Opfervorschriften. Auch hier gilt wieder: Lesen Sie es einfach, aber vertiefen Sie sich zunächst (!) nicht allzu sehr in die uns heute fremden Details. Manche Zusammenhänge werden Ihnen erst klarer, wenn im Neuen Testament Bezug darauf genommen wird.
Die Mose-Bücher enthalten aber auch Hinweise für unseren Alltag. Neben den berühmten Zehn Geboten sind das beispielsweise Sozialgesetze oder auch Gesundheitsstipps, deren Wirksamkeit die moderne Medizin durchaus bestätigt.
Diese geschichtlichen Bücher enthalten zum Teil auch die Schilderung grausamer Vorfälle als Folge menschlichen Verhaltens. Auch hier gilt wieder: Die Bibel beschönigt nichts. Sie zeigt das Fehlverhalten und seine Konsequenzen auf und beweist damit, was aus dem eigentlich so geringfügigen Sündefall am Beginn der Menschheitsgeschichte geworden ist.

Schritt vier: Neutestamentliche Briefe

Nach diesem sehr ausführlichen, geschichtlichen Teil der Bibel können Sie sich nun an die insgesamt 21 im Neuen Testament enthaltenen Briefe wagen. Keine Angst: Diese Rundschreiben sind manchmal nur wenige Seiten lang und stammen aus der Zeit der ersten Christen. Bedeutende Urchristen wie Petrus, Johannes, Jakobus und Paulus versuchten auf diese Weise, Kontakt zu der stetig wachsenden Anzahl an Gemeinden zu halten. Natürlich sind die in der Bibel abgedruckten Briefe nur ein geringer Teil, der damaligen Korrespondenz. Manches mag verloren gegangen sein, wie sich aus einigen Textstellen auch ableiten lässt. Zudem war es den frühen Christen wichtig, nur eindeutig authentische Schreiben in die Heilige Schrift aufzunehmen.
Die Briefe des Neuen Testaments enthalten einige persönliche Angaben der Verfasser, aber auch ganz menschliche Probleme, geistliche Ratschläge und theologische Ausführungen. Da Sie bereits die Apostelgeschichte und viele Bücher des Alten Testaments gelesen haben, werden Sie so manches wiederentdecken. Viele Bibeln enthalten im Text zudem kleingedruckte Querverweise auf die Bibelstellen, auf die gerade Bezug genommen wird. Die Neutestamentlichen Briefe vermitteln also neben der geistlichen Erbauung auch die Anwendung bereits gelesener Bibelstellen.
Seien Sie nicht frustriert, wenn Ihnen manches dennoch unverständlich erscheint und Sie den Sinn geistlicher Argumentationen nicht nachvollziehen können. Auch für Menschen, die bereits Jahrzehnte in der Bibel lesen, halten diese Briefe immer wieder neue Erkenntnisse bereit.

Schritt fünf: Prophetische Bücher und Offenbarung

Sie sind im Bibellesen nun so weit fortgeschritten, dass Sie sich an einige der rätselhaftesten, aber auch interessantesten Teile der Heiligen Schrift wagen können: Die Prophetischen Bücher. Werfen Sie nun also einen Blick in die Zukunft oder staunen Sie, welche Vorhersagen sich bereits erfüllt haben. Keine Sorge: Diese Bücher enthalten nicht nur mystische, unverständliche Worte, sondern erzählen auch Geschichte und Geschichten. Erneut gilt dabei: Nutzen Sie ruhig die in Ihrer Bibel abgedruckten Querverweise.
Die meisten der Prophetischen Bücher befinden sich im Alten Testament: Das sind einerseits die vier bedeutenden Prophetischen Bücher Jesaja (mit zahlreichen Vorhersagen zu Christus), Jeremia, Hesekiel und Daniel. Andererseits gibt es noch die so genannten Zwölf Kleinen Propheten. Die Bezeichnung "klein" bezieht sich dabei auf den begrenzten Wirkungsumfang dieser Männer.Der vielleicht bekannteste Kleine Prophet ist Jona mit seinen sehr volkstümlichen Erlebnissen. Jene zwölf Bücher bilden den Abschluss des Alten Testaments. Im Neuen Testament gibt es nur ein Prophetisches Buch, die Offenbarung des Johannes, welche den Schlussteil der Bibel darstellt.
Lesen Sie diese Bücher am besten aufmerksam und ohne Eile. Vieles wird Ihnen zunächst rätselhaft erscheinen. Machen Sie sich ruhig erst einmal selbst Gedanken darüber. Bedenken Sie dabei immer den historischen Kontext, den Sie ja nun bereits durch die geschichtlichen Bücher der Bibel kennen. Nicht alles lässt sich aber in der damaligen Zeit verorten. Falls Sie also ein Geschichtsfreak sind: Viel Spaß beim Zuordnen historischer Ereignisse zu den Prophetien!
Es ist keineswegs so, dass über die Bedeutung biblischer Prophetien in den christlichen Glaubensrichtungen völlige Übereinstimmung herrscht. Ziehen Sie deshalb also ruhig auch einmal ein Bibellexikon zu Rate. Dort werden meist mehrere Lösungsansätze aufgegriffen.

Mal so für zwischendurch: Gedichte, Lebensweisheiten und ein Liebeslied

Die Heilige Schrift enthält nicht nur gewichtige Vorhersagen und Regelwerke. Es gibt auch biblische Bücher voller Poesie und tiefsinniger Gedanken. Diese erbaulichen und entspannenden Texte finden sich durchweg im Alten Testament. Auch sie sind allerdings keine reine Unterhaltungsliteratur, sondern geben Antworten und Halt für konkrete Situationen.

  • Die Psalmen sind eine Sammlung von 150 Liedern und Gedichten, die so unterschiedliche Empfindungen wie Angst, Dank, Not oder das Bedürfnis zum Lobpreis aufgreifen. Diese Texte sind ein großartiges Stück jüdischer Poesie.
  • Die Sprüche hingegen enthalten Lebensweisheiten und Ratschläge, deren Befolgung auch heute noch vorteilhaft ist.
  • Das Buch Prediger philosophiert über den Sinn des Lebens und kommt zunächst zur Erkenntnis, dass eigentlich alles sinnlos ist. Später bezeugt der Verfasser aber, man solle seine Jugend genießen, ehe die die beschwerlichen Tage des Alters kommen. Das Buch fordert dazu auf, den Tag zu nutzen, weist darüber hinaus aber auch darauf hin, dass alles Tun einmal verantwortet werden muss. Letztendlich warnt der Prediger allerdings davor, menschliche Weisheit und endloses Studieren überzubewerten. Stattdessen solle der Leser auf Gott achten und seine Gebote halten.
  • Das Hohelied wiederum stellt poetisch eine Liebesbeziehung dar. Bibelausleger interpretieren sie zwar oft als Sinnbild der Beziehung Gott – Mensch. Doch in einigen Versen geht es erstaunlich irdisch zu! Sprüche, Prediger und Hoheslied werden oft dem weisen König Salomo als Verfasser beziehungsweise Sammler dieser Texte zugeordnet.
  • Das Buch Hiob hingegen beschäftigt sich mit der Frage nach Sinn und Ursprung des Unglücks.

Seien Sie bitte nicht enttäuscht, wenn Ihnen nach dem Studium der gesamten Bibel immer noch vieles unklar ist. Das reine Lesen der Heiligen Schrift wird Sie weder plötzlich "erleuchten", noch ihr Leben quasi über Nacht radikal ändern. Erkenntnisse aus der Bibel und ihre Umsetzung im Alltag sind ein beständiger Prozess. Lesen Sie daher immer wieder in diesem Buch. Die oben beschriebene Reihenfolge ist dabei natürlich nicht mehr zwingend nötig. Schmökern Sie regelmäßig ruhig kreuz und quer durch die Heilige Schrift, machen Sie sich Gedanken darüber, entdecken Sie Zusammenhänge und Querverweise. Der Autor dieses Artikels wünscht Ihnen dabei viel Erfolg!

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