(Bild: Heike Nedo)

Die vorhandenen Dinge mehr schätzen

Egal ob es um eine Hose, Jacke oder den alten Einkaufsbeutel geht, wenn wir wissen, diese sind nicht mehr ersetzbar, lernen wir sie zu schätzen. Alles was uns emotional wichtig ist, wie eben die im Urlaub erstandene Jacke sind für uns nicht ersetzbar. Vieles in unseren Schränken fristet dagegen ein trauriges, ungenutztes Dasein. Diese Dinge würden wieder einen Wert bekommen, für uns oder für Freunde, Tausch- oder Kaufwillige. Wir würden sie einfach anders betrachten. Es könnte ja sein ... ja der Stoff ist gut, die Farben haben mir sofort gefallen. Das gute Stück passt aber nicht (mehr). Kann man das weiter, enger oder kürzer machen? Wenn nicht bleibt es ein Kandidat für den Trödelmarkt. 

Ich glaube im ersten Jahr dieser Katastrophe, das wäre sie für viele von uns, würde man die Auswirkungen auf der Straße an den Menschen nicht erkennen. Nur die Läden würde fehlen. Vielleicht eröffnet eine Schneiderei in den Räumen eines ehemaligen Designershops.

Da Mode etwas ist, dass sich nicht wegdenken lässt (auch nicht in Was-wäre-wenn-Geschichten), würden viele alles was sie haben immer neu kombinieren, es umändern und pflegen, damit die liebsten Stücke lange halten. Ich vermute sogar, auf der Straße würde es noch bunter, kreativer und spannender werden. Wenn ich als Dorfbewohner in Berlin unterwegs bin, schaue ich mir mit Neugierde die Menschen an. In Berlin sieht man alles: vornehm und elegant, zerlumpt und ungepflegt, Menschen ganz in Schwarz oder grell bunt (selbstverständlich auch bei den Männern) und überhaupt jede Art sich zu kleiden, die denkbar ist. Mir gefällt das, obwohl vieles, was ich sehe nichts für mich wäre. Wenn wir aber plötzlich mit dem leben müssten, was in unseren Schränken da ist, würden wir (ich) mutiger werden.

Selber stricken und nähen

In Was-wäre-wenn-Geschichten legt der Geschichtenschreiber die Rahmenbedingungen für alle Protagonisten selbst fest. Ich gehe also davon aus, dass es Stoffe und Wolle unverändert zu kaufen gibt. Es ist nur verboten, diese auf industrielle Art zu verarbeiten. Wer einen neuen Pullover haben will, muss selber stricken oder häkeln. Und die neue Hose muss individuell für den Träger genäht werden. Früher war das normal. Was heißt früher? Nähnadeln aus Eisen fand man bereits bei den Kelten etwa 300 Jahre vor Christi. Zeitgleich folgte die Erfindung des Fingerhutes. Wie populär das Stricken schon im Mittelalter war zeigt uns die Kunst. Die "Strickende Madonna" wurde ein beliebtes Motiv bei Malern, so zu sehen auf dem Buxtehuder Marienaltar (14. Jahrhundert). Wir nähen und stricken also seit Generationen und sollten dies wieder öfter tun. Die Notlage, keine neuen Kleider mehr kaufen zu können, würde automatisch zu einem Boom des Selbstmachens führen. Das wäre nicht nur cool und angesagt, sondern auch notwendig und vor allem ressourcenschonend. 

Wieviel Kleidung brauchen wir?

Diese Frage stellt sich jeder, der auf Reisen geht. Koffer oder Rucksack bestimmen die mögliche Menge. Was darf mit, was nicht? Besonders auf langen Wandertouren oder Pilgerreisen ist weniger mehr, denn jedes Stück will auf dem Rücken getragen sein. Erfahrene Pilger empfehlen für eine mehrwöchige Tour, z.B. auf dem Jakobsweg folgendes: ein Paar Wanderschuhe (an den Füßen), eine Trackinghose, die sich zur kurzen Hose umwandeln lässt, drei T-Shirts (eins davon langärmelig), Regenjacke und Regenhose, drei Unterhosen und zwei Paar Strümpfe. Dazu noch eine wärmende, aber leichte Flecejacke, eine Kopfbedeckung als Sonnenschutz und ein Paar leichte Latschen, um an die Füße einmal Luft zu bekommen. Zum Glück ist dies die Ausstattung für eine Extremsituation. Sie zeigt aber, was außerhalb jeglicher Normen möglich ist, zumindest im Sommer. Im Büroalltag bleibt es ausgeschlossen, sich derart minimalistisch einzukleiden. Ein Banker kann sein geliebtes Pilgershirt höchstens unterm Anzug verstecken. Es sei denn, ihm gehört die Bank und er kann es sich leisten aus der Rolle zu fallen. Normal ist es, dass wir uns den Gepflogenheiten unserer Mitmenschen im Job anpassen. Das führt dazu, dass wir wesentlich mehr brauchen, als notwendig wäre, wenn Kleidung nur als Schutz gegen Kälte und Hitze, Regen oder Sturm schützen sollte. Kleidung ist aber schon seit Jahrhunderten ein Statussymbol für den Träger. Sie soll zeigen wer wir sind oder gerade wer nicht. Je nach Lebenssituation benötigen wir mal mehr und mal weniger. In dieser "Was-wäre-wenn-Fantasie" stelle ich mir trotzdem vor, dass wir Europäer vermutlich (fast) alle, egal wo und wie wir leben, mit der Hälfte unseres Kleiderschrankes auskommen würden. 

(Bild: Heike Nedo)

Positive und negative Nebenwirkungen

Ein solch plötzlicher Einschnitt wie die hier beschriebene "Fantasie-Geschichte" verschlankt mit der Zeit nicht nur unsere Schränke, sondern wirkt weit darüber hinaus. Ökologen werden sofort begeistert sein. Baumwolle verschlingt enorme Mengen an Wasser und gilt als das landwirtschaftliche Produkt, welches mit den meisten Pestiziden angebaut wird. Je länger wir unsere T-Shirts tragen, desto besser für die Umwelt. 

Doch was ist mit den vielen Arbeitsplätzen in der Textilindustrie? Verkäuferinnen in zahlreichen Shops wären arbeitslos. Vielleicht würde manche Näherin, die zuvor sozial abgesichert in einer Fabrik Arbeit hatte, jetzt zu hause für die Familie, Freunde oder andere nähen, sicher auch gegen Zahlung aber ohne soziale Absicherung. Wir tragen billige Kleidung aus China oder anderswo. Dort ernährt die Textilindustrie viele Menschen, oft eher schlecht als recht unter unwürdigen Bedingungen. Und trotzdem kann es sein, dass der Wegfall dieser Arbeit gerade in den ärmsten Ländern die weit größere Katastrophe wäre, als unser erzwungener Konsumverzicht.

Was-wäre-wenn-Geschichten sind ausgedacht und nicht real, jedenfalls nicht diese hier. Es wird auch morgen noch Kleidung im Überfluss in unseren Stätten geben. Trotzdem finde ich es wichtig unseren Konsum zu überdenken. Was wäre wenn das eine oder andere plötzlich nicht mehr ist wie immer. Was ist, wenn wir gezwungen werden uns radikal einzuschränken? Wieviel brauchen wir wirklich?

Ich wünsche mir für die Zukunft weniger Konsum und wieder mehr Bescheidenheit. Jedes Hemd, jedes Paar Schuhe, jedes noch so kleine Sommertop verbraucht Ressourcen unserer Erde. 

Inzwischen gibt es bei Kleidung genug Alternativen für alle, die bewußt auf Nachhaltigkeit achten und wissen wollen, unter welchen Bedingungen produziert wird. 

Was wäre wenn wir alle ein bisschen bewusster und weniger einkaufen? 

Autor seit 8 Jahren
138 Seiten
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