"Superlie Me", oder: Kann man diesen Film ernstnehmen?

Am Anfang war natürlich nicht Michael Moore, denn Dokumentarfilme gibt es, seit bewegte Bilder über die Leinwand flimmern. Aber erst Michael Moore exerzierte vor, wie man eine Doku möglichst gewinnträchtig aufbereiten kann. Mit "Bowling for Columbine" (2002) erlebten Dokumentarfilme eine ungewöhnliche Renaissance und stoßen sogar in Blockbusterhöhen vor. "Fahrenheit 9/11" etwa erzielte alleine an den Kinokassen mehr als 200 Millionen Dollar.

Freilich: Mit der Wahrheit nehmen es vor allem Michael Moores Filme nicht immer allzu genau - beispielsweise gingen die Attentäter von Columbine am Morgen des Massakers keineswegs zum Bowling, was bereits den Filmtitel ad absurdum führt -, ganz zu schweigen von manipulativen Techniken und Unterstellungen. Natürlich sind dessen Filme trotz inhaltlicher Schwächen amüsant oder allenfalls interessant. Für bare Münze sollte sie der geneigte Zuschauer dennoch nicht nehmen.

Gleiches trifft auf den Michael-Moore-Adepten Morgan Spurlock zu. Der US-Amerikaner sorgte mit seinem Film "Supersize Me" nicht nur für volle Kinosäle, sondern gewann zudem mehrere Filmpreise und wurde sogar für den "Oscar" nominiert. Kein Wunder, sieht sich der Filmemacher doch in der Tradition eines modernen Robin Hood, der tapfer wider die bösen Mächte in Form von Fast-Food-Restaurants und Softdrink-Herstellern kämpft. Der Applaus der - man möge den Kalauer verzeihen - "breiten Massen" ist ihm natürlich sicher. Schuld am Übergewicht und daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen tragen nicht die Konsumenten, sondern die Anbieter von Burger, Cola & Co.

Wie ernst kann man eine derartige These nehmen?

Supersize Me: Deutscher Trailer

Morgan Spurlocks merkwürdiger Selbstversuch

Fast Food = Übergewicht, Impotenz und Depression?

Morgan Spurlocks merkwürdiger SelbstversuchDer sportliche, normalgewichtige und lebensfrohe Morgan Spurlock (brillant verkörpert von Morgan Spurlock) begeht folgendes filmisches und persönliches Experiment: Einen Monat lang wird er sich ausschließlich von Fast-Food-Produkten aus McDonald's-Restaurants ernähren und auf Bewegung verzichten. Während dieser Zeit wird er von der Kamera begleitet, die seine körperlichen und seelischen Veränderungen dokumentieren wird. Außerdem wird sich Spurlock regelmäßigen Gesundheitschecks durch Ärzte unterziehen.

Und tatsächlich: Im Laufe dieser 30 Tage McDonald's-Kur legt der Filmemacher dramatisch an Gewicht zu, wird mit gesundheitlichen Problemen konfrontiert und verliert jegliche Lust an Liebesspielen. Aus dem anfangs kerngesunden Probanden wird nach nur einem Monat ein körperliches Wrack, das zudem an Depressionen zu leiden beginnt. Einer der ihn untersuchenden Ärzte merkt sogar an, dass er sich auf dem Weg zu einer Leberzirrhose befinde und rät ihm dringend an, den Versuch abzubrechen.

Die verblüffende Erkenntnis nach zwei Stunden Laufzeit: Der tägliche Konsum übergroßer Portionen an Fast Food und Softdrinks in Kombination mit dem Verzicht auf Bewegung führt zu Fettleibigkeit. Schuld an der Misere tragen natürlich McDonald's, Coke und ähnlich unverantwortlich agierende Megakonzerne.

 

Die Seriosität von "Supersize Me"

Fast Food bis zum Erbrechen

WIe absurd die Kernthese von "Supersize Me" tatsächlich ist, bringt eine Szene zu Beginn des Selbstversuchs drastisch auf den Punkt. Spurlock bestellt am McDonald's-Schalter sein SuperSize-Menü und beginnt sogleich mit dem Verzehr. Die gewaltige Nahrungsmenge bewirkt sichtliches Unwohlsein beim Probanden, der sich prompt erbricht - und kurz darauf (?) sein Experiment fortsetzt. Exemplarische Bilder für Spurlocks Vorgehen, der gegen Ende seines Films nebenher erwähnt, dass sich kein Mensch einen Monat lang ausschließlich von McDonalds-Erzeugnissen ernähre.

Spätestens an dieser Stelle sollte man sein Machwerk kopfschüttelnd quittieren und allenfalls milde über seine kuriosen Ansichten lächeln. Trotzdem gilt "Supersize Me" nach wie vor als einer der schillerndsten und eindringlichsten Filme im "Kampf" gegen die bösen Fast-Food-Erzeuger.

David gegen Goliath

Der Grund hierfür ist simpel: McDonald's und Coca-Cola sind geradezu Synonyme für die angeblich so entsetzliche Globalisierung und werden in so gut wie jeder Diskussion über die ach so schrecklichen Folgen des Kapitalismus in die Waagschale geworfen. Kein Wunder, vereinen diese Konzerne doch sämtliche Vorurteile und Klischees wider Marktwirtschaft und wurden zudem in den USA, dem Mutterschiff des "menschenverachtenden Kapitalismus", gegründet. Jeder aufrechte David im Kampf gegen den übermächtigen Goliath kann sich des Zuspruchs und der Unterstützung seiner Mitmenschen gewiss sein.

Was ist aber von Spurlocks "Erkenntnissen" tatsächlich zu halten?

Einseitige Ernährung

Ähnliche Erkenntnisse hätte Spurlock vermutlich auch gesammelt, hätte er sich einen Monat lang ausschießlich von Tiefkühlware, Döner und Bier ernährt. Allerdings hätte sich in diesem Fall niemand für seinen Film interessiert. Spektakulär wurde sein Machwerk nämlich nicht durch die Ernährung selbst, sondern den Erzeuger dieser Nahrung. Die Würstchenbude ums Eck betrachtet der Durchschnittsbürger als wertvolles Esskulturgut. Ganz im Gegensatz zum Sinnbild des bösen Kapitalismus, McDonald's höchstpersönlich. Sicher: Auch Demonstranten wider die Globalisierung und den Kapitalismus werfen ihre hehren Prinzipien schon mal über Bord und erholen sich von ihren anstrengenden Aktivitäten bei einem McDonald's-Besuch. An den bösen Absichten und Methoden der Fast-Food-Konzerne besteht beim Durchschnittsbürger dennoch kaum ein Zweifel.

Es ist deshalb mit Sicherheit kein Zufall dass gerade McDonald's als Feindbild herhalten musste, um den absurden Selbstversuch zu rechtfertigen. Wäre man an der Wahrheit interessiert, müsste man ähnliche Versuche auch mit anderen einseitigen Nahrungsaufnahmen über einen längeren Zeitraum unternehmen. Die Resultate wären vermutlich sehr ähnlich, aber weniger sexy.

Was Udo Pollmer zur Gewichtszunahme meint

Einerlei. Wie steht es hingegen mit der Behauptung, Spurlock habe in diesen 30 Tagen mehr als elf Kilogramm an Gewicht zugelegt? Spätestens an dieser Stelle sollte man stutzen, bedeutet dies doch nicht weniger als die tägliche Gewichtszunahme von fast 400 (!) Gramm. Eine verblüffende Menge, wie auch der Fachbuchautor und Lebensmittelchemiker Udo Pollmer in seiner Abrechnung mit "Supersize Me" findet und mutmaßt:

 

Für einen Erwachsenen – der im Gegensatz zum Mastvieh nicht mehr wächst – ist es zwar keine Kunst, über die Weihnachtsfeiertage einschließlich Silvester ein oder zwei Kilo zuzulegen. Aber eine kontinuierliche Zunahme von täglich 400 Gramm lässt aufhorchen, umso mehr als geeignete Masthilfen nicht nur jedem Kälbermäster, sondern auch dem Facharzt geläufig sind. Allerdings haben die einschlägigen Anabolika unerfreuliche Nebenwirkungen: Sie belasten die Leber und machen impotent, wie jeder Bodybuilder bestätigen kann.

 

Selbst wenn man Spurlocks weitgehenden Verzicht auf Bewegung ins Kalkül zieht, erscheint eine dermaßen dramatische Gewichtszunahme als kaum vorstellbar.

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Nötigt McDonald's zum Fast-Food-Konsum?

Wehrlose Konsumopfer

Gänzlich in die Lächerlichkeit gleitet "Supersize Me" aber mit einer weiteren Behauptung ab: Werbung zwinge die offenbar völlig unmündigen und hilflosen Konsumenten zum Kauf von Hamburger, Coke & Co. Unbestreitbar betreiben Fast-Food-Ketten massiv Werbung, um zum Kauf ihrer Produkte zu animieren. Weshalb im Umkehrschluss nicht jegliche Werbung als "unmoralisch" angeprangert wird, bleibt ungeklärt. Schließlich flimmern tägliche tausende Werbespots über die Mattscheiben oder dudeln über die Radiosender. Offenbar hat McDonald's jedoch eine perfide Methode gefunden, ihre Werbung dermaßen verführerisch für die Konsumenten zu gestalten, dass diese gar nicht anders können, als sich mit Burger und Fritten vollzustopfen.

Glücklicherweise beschränkt sich diese Methode anscheinend auf McDonald's-Werbung. Nicht auszudenken was geschähe, würden sämtliche Unternehmen auf diese Tricks zurückgreifen können! Der vom Kapitalismus entmündigte Bürger sähe sich plötzlich gezwungen, nicht bloß einen einzigen Fernseher zu kaufen, sondern sämtliche Modelle zu erwerben, auf die er via Werbung stößt!

In ähnlich schurkischer Weise dürfte Coca-Cola agieren, wie "Supersize Me" schonungslos aufdeckt, indem der Film ein wehrloses Opfer von übermäßigem Coke-Konsum präsentiert. Wie hätte der Betroffene auch ahnen können, dass der tägliche Konsum von nur wenigen Litern Coke zu gesundheitlichen Schäden führen kann?

Entmündigt endlich den Bürger!

Vielleicht stellt Spurlocks "Supersize Me" aber auch nur der gelungene Versuch, für die endgültige Entmündigung des Bürgers einzutreten. Denn - so impliziert der Filmemacher - am Besten wäre es doch, würde Papa Staat den Bürger entmündigen, an der Hand nehmen und sicher durch all die schrecklichen Gefahren des Lebens geleiten.

Dabei liefe er freilich offene Türen ein. All die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre bestätigen eindrucksvoll, was wir immer schon geahnt hatten: Der Bürger als solcher ist ein hoffnungsloser Fall und zu Eigenverantwortung oder gar selbstständigem Denken und Handeln gar nicht fähig, weshalb er unter die finanzielle, wie auch geistige Sachwalterschaft seiner Erziehungsberechtigten in staatlichen Behörden gestellt werden sollte. Schließlich ist es undenkbar, dass Papa Staat seine Macht jemals missbrauchen könnte...

Daten & Fakten

Originaltitel: "Supersize Me"

Regie: Morgan Spurlock

Produktionsland und -jahr: USA, 2004

Filmlänge: ca. 100 Minuten

Verleih: CIC Video/Paramount Home Ent

Deutscher Kinostart: 15. Juli 2004

FSK: ab 0 Jahren

Offizielle Website: www.super-size-me.de

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Autor seit 7 Jahren
824 Seiten
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