Zwei Wölfe im Schafspelz - Zwei, die miteinander zu tun haben

Eine etwas altmodisch anmutende ältere Dame, ein distinguierter älterer Herr − die beiden Senioren, die da im Museum DKM warten, könnten auch Duisburger Museumsfreunde sein. Das sind sie nicht, sondern bei der Eröffnung am 26. August 2011 die Hauptpersonen, die geduldig und manchmal etwas verschmitzt den ersten Besuchern ihrer Gemeinschaftsausstellung im Duisburger DKM die eigenen Kunstwerke erläutern.

Timm Ulrichs (* 1940) versteht sich als Totalkünstler (wozu passt, dass er früher sich selbst gerne ausgestellt hat, so dass die Süddeutsche ihm noch 2010 die "Kunst der Egomanie" zuerkennt). Er erregte schon seit den 1960er Jahren die Gemüter mit absurden, provokanten Installationen und Performances, zum Beispiel "Ich kann keine Kunst mehr sehen" oder das wunderschöne Duo von Schaf im Wolfspelz/Wolf im Schafspelz. Bekiffte Spontikunst. Mit viel Witz.

Timm Ulrichs und Christiane Möbus im Museum DKM in Duisburg: "... aus einem Lager"

Timm Ulrichs und Christiane Möbus im Museum DKM in Duisburg (Bild: Vera Kriebel, 25.8.2011)

Christiane Möbus (* 1947) wurde bekannt durch assoziative, ungewöhnliche, oft auch skurrile und bizarre Zusammenstellungen mit erklärungsbedürftigen Titeln, zum Beispiel einer LKW-Zugmaschine mit Schleier, eine Installation namens "Schneewittchen", oder merkwürdige Kunstobjekte mit Tierpräparaten, letztere in der heutigen Zeit an sich schon eine Provokation, weil bei Tierschützern moralisch-ethisch verdächtig. Aber von tiefgründiger Komik.

Beide Künstler wohnen in Hannover und kennen sich seit Jahrzehnten, mehr als ihr halbes Künstlerleben jedenfalls (so genau können sie das gar nicht mehr sagen). Seit über 40 Jahren nutzen sie ein gemeinsames Lager in Hannover, eine große Halle vollgestopft mit Material alter oder zukünftiger Kunstwerke. Wie es da aussieht (nämlich wie bei Lehmanns unterm Sofa) dokumentieren in der Duisburger Ausstellung auch zwei Fotos der Lagerhalle, in denen die Künstler wie Messies in ihrem Chaos hockend und aus diesem heraus in die Kamera schauen.

Im Museum DKM zeigen die beiden aus ihrem Bestand vom 26.8.2011 bis 2.4.2012 einige Arbeiten, die in jeweils besonderer Beziehung zueinander stehen.

Tischinstallationen - Erika und die Türme von San Gimignano

Im Zentrum der Duisburger Ausstellung zwei Tischinstallationen: Einmal ein durch Christiane Möbus umfunktioniertes ehemaliges Theaterrequisit, ein gigantischer schwarzer, runder Holztisch, dessen Tischplatte sich dreht und ein kreisrundes, kupfergerändertes Loch langsam im Kreis führt, über eine bauchige Kupfervase hinweg, in der eine Erika wächst, die dem Kunstwerk seinen Titel gibt: ein beschauliches Friedhofsheidepflänzchen, das sicherlich nicht der Provokation verdächtigt wird, sondern eher der Langeweile (Fotos unten).

Auf der anderen Seite des Saals eine Ansammlung von alten Holztischen, "auf dem Kopf" liegend, die Beine nach oben gereckt (siehe Fotos). Auf der Unterseite der Tischplatten jeweils ein roter Betonstein in Form eines kindlich vereinfachten Häuschens. Auslöser von Timms Tischinstallation ist eine Postkarte von Christiane Möbus, die eine Ansicht von San Gimignano zeigt, ein italienisches Städtchen in der Toskana, bekannt durch die so genannten "Geschlechtertürme" in der mittelalterlichen Altstadt. Zu ihnen soll die Timmsche Tischinstallation (mit den Tischbeinen als stilisierte San Gimignano-Türme) "eine verblüffende Ähnlichkeit" aufweisen, so das DKM-Infoblatt. Das kann nicht jeder Besucher nachvollziehen (mancher erinnert sich dagegen an Walter Opheys Gemälde "San Gimignano" von 1924).

Christiane Möbus: Erika (1997) & Timm Ulrichs: San Gimignano (1983/86), DKM, Duisburg, "... aus einem Lager", 26.8.11-2.4.12

Erika - Holztisch mit Drehteller und Reibrad, Kupfervase, Kupferring, Heidekraut (Bild: Vera Kriebel, 25.8.2011)

Geworfen und zu werfen: Kilometersteine und Ringe vor Geweih

In zwei angrenzenden kleineren Räumen ein Haufen feinsäuberlich bemalter Kilometersteine von Timm Ulrichs und die spielerische Installation "auch für Linkshänder" von Christiane Möbus (siehe Fotos): An der Wand der Schriftzug "auch für Linkshänder" und zwei Antilopen-Geweihe, davor drei Säulen aus aufeinander gelegten Gummiwurfringen. Die könnte man (und - zugegeben - auch als Linkshänder) zielsicher auf die Antilopenhörner lupfen. Schon das wäre ohne Möbus' Erklärung kaum jemandem eingefallen. Noch erklärungsbedürftiger ist die erstaunliche Tatsache, auf die Christiane Möbus hinweist, dass der Zwischenraum zwischen den beiden rechten Ring-Stapeln (mit viel ihrer künstlerischen Phantasie) ein Negativ bilde zur Form des Zwischenraums zwischen den beiden Hörnern darüber. Das verblüfft tatsächlich.

Christiane Möbus - Installationen "...aus einem Lager", Museum DKM, Duisburg, 2011/2012

Christiane Möbus: auch für Linkshänder (1984), Antilopengehörne, Kautschukringe (Bild: Vera Kriebel, 25.8.2011)

Timm Ulrichs: Anhäufung von Kilometersteinen (Über das Verhältnis von Natur zu Kultur) (1969) (Bild: Vera Kriebel, 25.8.2011)

Lagerräumung: Zwei alte Künstler zu Besuch mit braver Kunst

Von Timm Ulrichs gibt es noch das Wortbild "The 4 Seasons" und eine Schwarz-Weiß-Fotoserie mit Baumplomben und Baumprothesen – alte hohle Bäume werden von deutschen Naturschützern und Grünanlagen-Ämtern mit Metallstangen oder Betonplomben stabilisiert und so vor dem Auseinanderfallen und Sterben auf eine sehr eigentümliche, geradezu bizarre Weise bewahrt.

Die umgestalteten (zum Beispiel mit Perlenschnüren oder Laub besetzten) Mäntel-Objekte von Möbus mit Titeln wie "Max und Max" und "Mutter und Tochter" sind erklärungsbedürftig und wirken banal.

Die Besucher schauen sich etwas hilflos um und fragen sich, ob das hier wirklich spannend und die provokante bis witzige aktuelle Kunst mit befremdlichen, abstrusen, bizarren Zusammenstellungen und Perspektiven ist, die sie von den beiden norddeutschen Künstlern erwartet haben. Das ist sie nicht. Es ist eine kleine, traurige Retrospektive. Die Kunstwerke sind mit ihren Künstlern alt geworden.

Christiane Möbus im Museum DKM, Duisburg, 2011 - Mantelobjekte - Arbeiten aus drei Jahrzehnten

Christiane Möbus: (v.l.n.r.) ohne Wind und Worte (1974); Väter (1976/98); mezzogiorno (1980); Max und Max (1995/97) (Bild: Vera Kriebel, 25.8.2011)

Übersicht zur Ausstellung Ulrichs/Möbus im DKM 2011

Ohne weiterführende Informationen ist das Verständnis für die ausgestellten Werke schwierig. Unbedingt empfohlen seien daher Führungen und das - allerdings karge - begleitende Faltblatt des DKM. Ein Booklet, das Mitte September 2011 erscheinen wird, erläutert die Ausstellung und die Exponate.

Jeden ersten Freitag im Monat findet um 16 Uhr eine öffentliche Führung im Museum DKM statt. Die offene Themenführung am 07. Oktober 2011 beschäftigt sich mit Christiane Möbus und Timm Ulrichs (die Führung am Freitag, den 02. September 2011, wird sich mit Ai Weiwei sowie alter und zeitgenössischer Kunst aus China befassen).
Das Museum DKM ist aber in jedem Fall einen Ausflug wert! Und die Ausstellung kann als willkommener Anlass genommen werden, endlich (wieder) einmal ins DKM zu gehen.

Info: "... aus einem Lager", Laufzeit: 26.8.2011 bis 2.4.2012, Museum DKM, Adresse: Güntherstraße 13-15, 47051 Duisburg, Eintrittspreis: 10 bzw. 5 Euro, ungewöhnliche Öffnungszeiten: Montags geöffnet! Fr-Mo 12-18, Di-Do für Gruppen und nach Vereinbarung.


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