Meisterwerk oder kranke Perversion?

Freilich: Im Sinne der Pioniere stehen derlei Machwerk nicht, ist doch beispielsweise Eli Roths "Hostel" eine zwar zynische, aber gerade deshalb nachdenklich stimmende Abrechnung mit völlig entfesseltem Hedonismus der "Alles ist möglich!"-Kategorie.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Pascal Laugiers "Martyrs", der selbst im traditionell der Horrorkunst gegenüber freizügig gesinnten Frankreich für heftige Debatten sorgte. Allerdings erschöpft sich sein 2008 produzierter Streifen nicht in der bloßen Darstellung fürchterlichster Folter, sondern birgt psychologische Finessen in sich, die einer näheren Betrachtung lohnen.

Handlung

Rätselhafte Entführung

Irgendwo im Frankreich der 1970er-Jahre: Ein Mädchen läuft nackt, dreckstarrend und blutverschmiert auf der Straße herum. Die Polizei bekommt nur wenig aus dem völlig verstörten Kind heraus. Doch bereits das Wenige ist mehr, als die abgebrühten Beamten ertragen können: Offenbar wurde Lucie (Mylène Jampanoï), so der Name des Mädchens, monatelang in einem Verlies gefangengehalten und auf grausamste Weise gefoltert. Das Motiv der nie gefassten Entführer und Peiniger bleibt rätselhaft: Weder wurde Lösegeld gefordert, noch das Mädchen jemals sexuell missbraucht. Die zum Führen eines halbwegs normalen Lebens komplett unfähige Lucie wird in ein Heim überwiesen, wo sie einzig und allein in Anna (Morjana Alaoui) eine Freundin und Vertrauensperson findet.

Ohne Mitleid

Einige Jahre später. In einem hübschen Haus am Rande der Stadt sitzt eine Familie zu Tisch, frühstückt und albert herum. Als es an der Tür klingelt, öffnet der Familienvater (Robert Toupin) die Tür - und wird von einer jungen Frau kaltblütig erschossen! Trotz des Schocks versuchen die restlichen Familienmitglieder vor der Unbekannten zu fliehen. Doch alles Flehen um Mitleid nützt nichts, und kurz darauf sind vier Menschenleben ausgelöscht.

Bei der Mörderin handelt es sich um Lucie, die Anna anruft und schildert, was sie getan hat. Sofort bricht Anna zum Ort des Geschehens auf und muss erkennen, dass Lucie keiner Wahnvorstellung erlegen ist: Tatsächlich hat sie eine ganze Familie ermordet. Als Begründung gibt Lucie an, es habe sich um ihre einstigen Folterknechte gehandelt. Anna bezweifelt diese Darstellung, hilft aber Lucie dabei, die Leichen zu beseitigen.

Dabei ist es nicht die Polizei, vor der Lucie Angst hat. Vielmehr ist ihr seit jenen schrecklichen Tagen ihrer Kindheit eine grauenhaft entstellte Kreatur auf den Fersen, die ihr unablässig Schmerzen körperlicher und seelischer Natur zufügt. Und diese befindet sich im Haus, offenbar wild entschlossen, Lucie ein letztes Mal zu stellen und zu töten...

Handlung

Kritik

Martyrs: Jenseits des Schmerzes!

EIne Warnung vorab: Regisseur und Drehbuchautor Pascal Laugier kennt bei seinem Horrorfilm "Martyrs" weder Tabus, noch ist er zu augenzwinkernden Abschwächungen des Gezeigten bereit. "Martyrs" schickt die Protagonisten, wie auch die Zuschauer auf eine Reise jenseits des Schmerzes. Kein Wunder also, dass sein Horrorfilm ganze Staubwolken aufwirbelte und Kritiken erntete, die sich an den "Perversionen" seiner Bilder stießen.

Gewiss: Selbst abgebrühten Genrefreunden könnte bei den Folterszenen das Popcorn im Hals steckenbleiben. Dermaßen plakativ wurde das fiktive Zufügen von Schmerz noch selten auf Film gebannt. Dazu gesellen sich Tabubrüche jeglicher Art, die das Werk zu einer cineastischen Komposition aus Blut, Schmerz und endloser Pein gestalten.

Kompromissloser Horror

Vor allem die kompromisslose Darstellung von Gewalt und Horror rief also Kritik hervor. Dabei blieb jedoch die Frage ausgespart, ob die Gewaltexzesse für das Verständnis des Filmes nötig sind. Die Antwort darauf kann nur eindeutig "Ja" lauten. Tatsächlich ist kein Szenario denkbar, wie "Martyrs" verfilmt hätte werden können, ohne das intellektuell provozierende Hauptmotiv zu verwässern oder völlig in den Hintergrund zu drängen. Ähnlich erfolglos könnte man auch versuchen, eine Sportlerbiographie ohne jegliche Sportszenen zu verfilmen.

Aus dem Dunkel des Horrors heraus formt sich jedoch eine Gestalt namens "Motiv". Wie in kaum einem anderen Genrefilm zuvor entpuppt sich dieses als nachvollziehbar und in sich logisch ergründbar. Freilich: Der Weg zur Erkenntnis ist ein unerfreulicher und bisweilen schwer zu ertragender, da es in "Martyrs" keine ironische Gebrochenheit gibt, die das Gesehene leichter verdauen lässt.

Natürlich sollen und dürfen die überraschenden Plotwendungen und vor allem die geradezu erschütternde "Pointe" nicht verraten werden. Deshalb nur so viel: Auch in diesem Punkt erweist sich Pascal Laugiers Film als packende Tour de Force.

Tragische Heroine Mylène Jampanoï

Nicht nur an Horror, auch an Dramatik mangelt es "Martyrs" in keiner Phase der Laufzeit. Die glaubhafte Vermittlung der hoffnungslosen Situation seiner Protagonistin verkörpert Mylène Jampanoï mit buchstäblich ganzem Körpereinsatz. Ihr zu Seite agiert Morjana Alaoui als deren einzige Freundin Anna in gleichfalls bestechender Manier.

Fazit

Meisterwerk "Martyrs"

Auf seine ganz eigene Weise entzieht sich "Martyrs" dem Genre-Einerlei. Ja, es wird geblutet, ja, Horrorszenen sind vorhanden, ja, mitunter krümmt sich der Magen des Zuschauers unter visuellen Faustschlägen.

Aber dem körperlichen Unwohlbefinden folgen intellektuelle Nachbeben. "Martyrs" ist kein konventioneller Horrorfilm mit Splattereinlagen, sondern eine anspruchsvolle und kompromisslose Abrechnung mit der Bestie Mensch.

Wer über einen starken Magen und den Willen zu geistigen Herausforderungen verfügt, kommt an diesem Meisterwerk aus Frankreich nicht herum!

Daten & Fakten

Originaltitel: "Martyrs"

Regie: Pascal Laugier

Produktionsland und -jahr: Frankreich, 2008

Filmlänge: ca. 95 Minuten

Verleih: Universal Studio Canal Video

Deutscher Kinostart: -

FSK: SPIO/JK

Autor seit 6 Jahren
837 Seiten
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