Tattoos helfen dem Gedächtnis auf die Sprünge

Versicherungsagent Leonard Shelby (Guy Pearce) ist nicht zu beneiden. Bei einem Einbruch wurde seine über alles geliebte Frau Catherine (Jorja Fox) vergewaltigt und ermordet. Das grauenhafte Verbrechen geschah vor seinen Augen, was ein Trauma auslöste, welches es ihm unmöglich macht, neue Eindrücke im Langzeitgedächtnis abzuspeichern. Leonard ist seither außerstande, sich Informationen länger als zehn Minuten merken zu können. Dieser Zustand macht ihm ein normales Leben unmöglich.

Trotzdem hat er sich ein kühnes Ziel gesetzt: Den Mörder seiner Frau zu finden und umzubringen! Der intelligente und einst beruflich erfolgreiche Mann dokumentiert deshalb sämtliche wichtigen Informationen, die ihn auf die Fährte des Verbrechers lotsen könnten. Dabei bedient er sich unkonventioneller Methoden wie Polaroid-Fotos, auf denen er vermerkt, weshalb er sie aufgenommen hat, und sogar dem Schreiben auf seinen eigenen Körper. Hilfe bei seiner Mördersuche erhält er von Teddy (Joe Pantoliano), der angeblich sein Freund ist, und der hübschen Kellnerin Natalie (Carrie-Ann Moss, bekannt aus "Matrix"). Doch helfen ihm die beiden aus uneigennützigen Motiven heraus oder treiben sie nicht gar ein falsches Spiel mit ihm?

Memento – gedenke deiner nicht existenten Zukunft

Berühmtheit erlangte "Memento" bereits durch seine ungewöhnliche Prämisse: Das Ende des Films markiert den Anfang, da der Thriller in jeweils zehnminütigen Episoden chronologisch rückwärts abläuft. Diese verschachtelte Erzählweise ist nicht einfach ein nettes Gimmick, wie der Plottwist in "The Sixth Sense", sondern verleiht "Memento" ungeheure Tiefe und Spannung.

Denn neben der Frage, wie ein Mensch mit einem solchen Handicap einen Täter fassen soll, beschäftigt den Rezipienten die beängstigende Vorstellung einer Existenz ohne Zukunft. Alle zehn Minuten muss sich Leidensfigur Leonard in einer völlig neuen Welt zurechtfinden. Sein Kompass sind dabei Bilder und Notizen, die ihn wenigstens ansatzweise rasch mit den Gegebenheiten dieser Welt vertraut machen. Doch sobald Leonard einen Einblick in das verwirrende Netzwerk aus neuen Eindrücken und nützlichen Notizen gewinnt, versinkt seine Welt alsbald im Mahlstrom des Vergessens und die Qualen des Erwachens in einer unbekannten Welt beginnen von Neuem.

Erinnerungen sind, was wir aus ihnen machen

Dem meist als starr und unveränderlich präsentierten Konzept von Erinnerungen setzt Christopher Nolan in "Memento" ein realistischeres Bild gegenüber, nämlich jenes einer flexiblen Vergangenheit, die jeder Mensch anders wahrnimmt. Tatsächlich verschwimmen Erinnerungen im Laufe der Zeit in diffuser Unbestimmtheit. Ob sie verklärt oder verdrängt, um Nuancen erweitert oder selektiv unterdrückt werden, spielt dabei keine Rolle.

"Memento" eröffnet einen ganz eigenen Zugang zu diesem fesselnden Thema: Was, wenn Erinnerungen nur noch in Fotos und Notizen bestehen? Und sich selbst diese als unzuverlässig erweisen, wie Protagonist Leonard zumindest kurzfristig feststellen muss? Ohne die Möglichkeit des Erinnerns mutiert die Hauptfigur zur Karikatur eines Menschen, worüber sie sich schmerzhaft im Klaren ist. Nur ein Instinkt verbleibt ihm: Finde und töte den Mörder deiner Frau!

Charismatischer Guy Pearce

Guy Pearce liefert in "Memento" eine äußerst intensive Darstellung des "Mannes ohne Zukunft" Leonard ab. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Erfolgs muss seiner grandiosen Interpretation eines unvorstellbar einsamen Menschen zugeschrieben werden, der trotz allem seine Würde bewahrt. Ihm zur Seite steht die aus "Matrix" bekannte Carrie-Anne Moss als Kellnerin mit Herz. Oder führt sie Leonard etwa doch nur an der Nase herum?

Komplexer, aber nicht komplizierter Thriller "Memento"

Christopher Nolan gelingt ein ungemein schwieriger Spagat zwischen Unterhaltung und Spannung auf der einen, sowie künstlerischem Anspruch und ungewöhnlicher Inszenierung auf der anderen Seite. Denn eingedenk seines in zehnminütige Episoden aufgeteilten und chronologisch rückwärts ablaufenden Gimmicks erschöpft sich der Film nicht in der Zurschaustellung seiner Cleverness. Erst die perfekte Mischung als origineller Prämisse, unkonventioneller Erzählweise, tollen Schauspielern und enormer Spannungskurve von Anfang an, macht aus "Memento" jenes Meisterwerk des Thrillers, als das er zu Recht gilt.

Wie kein zweites Genrewerk beweist "Memento", dass dem Zuschauer das Verstehen komplexer Stoffe zugetraut werden kann, so der Regisseur über das nötige Talent und begnadete Fabulierkunst verfügt. Ein Film wie aus einem Guss, den mit Sicherheit kein Zuschauer jemals vergessen kann.

Nikakoi, am 30.11.2013
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Bildquelle:
http://www.amazon.de (Horrorfilme: Nach wahrer Begebenheit oder frei erfunden?)

Autor seit 4 Jahren
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