Neue Ideen verlangen neue Wege

In Kalifornien haben sich im Frühjahr 2014 drei Forscher zusammen getan und das Unternehmen Muufri gegründet, weil es ihnen ein Herzensbedürfnis war und ist, tier(leid)freie Milch herzustellen. Nicht auf einer Farm, sondern im Labor mittels Hefe. Schon jetzt ist man absolut sicher, dass das Endprodukt von Kuhmilch nicht zu unterscheiden sein wird, weil es genau dieselben Proteine, Fette, Zucker und Mineralien enthalten und genauso schmecken wird wie Kuhmilch.

Wie ist das möglich? Indem man sich dieselben biotechnischen Prinzipien zu Nutze macht wie bei der Herstellung von Bier oder vegetarischem Lab. Die vielfältigen Probleme, die bei der Milchgewinnung in der industriellen Kuhhaltung entstehen, entfallen hierbei vollständig.

Die Lösung, pflanzliche Milch zu produzieren, ist laut Perumal Gandhi, Mitbegründer des Forschungs-und Entwicklungsunternehmens, eine ganz simple und besteht aus 6 Schlüsselproteinen, die für die Struktur und Funktion sorgen und 8 Schlüssel-Fettsäuren, die für den Geschmack und die Cremigkeit zuständig sind.

So könnte sie aussehen, die Verpackung für Muufri (bisher nur eine kreative Grafiker-Idee.....) Foto: Muufri

Und wie geht das genau?

Muufri plant, DNA-Bestandteile vom Rind in Hefe-Zellen einzubringen, diese Kulturen bei kontrollierter Temperatur und der richtigen Konzentration zu züchten und nach ein paar Tagen Milchproteine zu ernten. Laut Gandhi ist dieses Verfahren außerordentlich sicher. Es ist dasselbe, dass man nutzt, um Insulin oder andere Medikamente herzustellen.

Obwohl die Proteine in Muufri's Milch von Hefe stammen, kommen die Fette von Gemüse und werden auf dem molekularen Niveau so angepasst, dass sie der Struktur und dem Geschmack von Milchfetten entsprechen. Mineralien wie Kalzium und Kalium sowie Zucker werden eingekauft und dem Mix zugefügt. Nach dem Feintuning dieser Mischung verbinden sich die Bestandteile ganz natürlich zu Milch. In unterschiedlichen Anteilen würden diese Bestandteile Kuh-, Ziegen- oder auch Büffelmilch ergeben. Alle seien bestens geeignet, um daraus zahllose weitere Produkte herzustellen, wie zum Beispiel Käse oder Desserts.

Muufri möchte der Milch einen neuen Wert geben und sie auch zu einem gesünderen Produkt machen. Wenn man schon auswählen kann, was in das Produkt hinein kommt, dann kann man ebenso gut auswählen, was man raus lässt, so Muufri. Dazu gehört zum Beispiel die Laktose, die von 65 Prozent aller Erwachsenen weltweit nicht vertragen wird oder auch das 'schlechte' Cholesterin.

Da das Produkt mit derselben Präzision hergestellt wird wie Medizin, wird es frei sein von Bakterien. Das bedeutet: Eine wohlschmeckende, gesunde Milch ohne Pasteurisierung und dennoch überaus lange haltbar. Muufri möchte bessere Milchprodukte herstellen, die sich zudem jeder leisten kann.

 

Muufri's Beweggründe

Auf der Unternehmens-Homepage, findet man drei Gründe, warum man tierfreie Milch produzieren will:

* Zum Wohl der Verbraucher

Die heutige Milch stammt zu 95 Prozent aus industrieller Massentierhaltung. Frische Milch aus Großtrieben enthält häufig Bestandteile von Pestizid-Rückständen im Futter, Schwermetalle, Arzneimittelreste und Hormone, aber auch Eiter von entzündeten Eutern. Milch von kranken Kühen kann pathogene Keime enthalten und einige von ihnen sind sogar noch nach der Pasteurisierung in der Milch. Gesetzlich ist das 'innerhalb akzeptabler Grenzen' immer noch zulässig.

* Zum Wohl der Kühe

Kühe aus der Intensiv-Milchwirtschaft müssen viele unangenehme, schmerzliche Erfahrungen machen: von künstlicher Besamung bis zur Abtrennung der Hörner. Kälber werden sehr früh von ihren Müttern getrennt (oftmals schon direkt nach der Geburt) und junge, männlicher Kälber, für die man keine Verwendung mehr hat, kommen nach kurzer Mast zum Schlachter.
Die Ställe werden immer größer und damit auch die Viehdichte. Das bringt zunehmende Gesundheitsprobleme mit sich und erfordert eine höhere medikamentöse Versorgung der Tiere im Gegensatz zu Vieh, das in kleinbäuerlichen Betrieben gehalten wird. Hormon- und Antibiotika-Gaben nehmen ständig zu, da von den Kühen immer höhere Milchleistungen gefordert werden. Nach 2-3 Jahren ist heutzutage eine Kuh, die eigentlich 20 Jahre alt werden kann, ausgemolken, ausgemergelt und reif für die Schlachtung.

* Zum Wohl des Planeten

Rinder produzieren Methan, ein Treibhausgas, das zwanzigmal stärker wirkt als CO2. Nimmt man die Millionen Rinder, die auf der Erde gehalten werden, alle zusammen, macht das ungefähr ein Viertel der gesamten weltweiten Treibhausgas-Emissionen aus. Die Ausscheidung, die alleine eine Kuh produziert, entspricht der von 20-40 Menschen. Pathogene Keime, Reste von Antibiotika und hohe Nitratwerte verschmutzen das Grundwasser, landen letztlich in unserem Trinkwasser und haben einen erheblichen Effekt auf die Biosphäre.
Ein weiterer Negativ-Faktor: Lachgas (N2O). Es gelangt in die Atmosphäre durch Düngung von intensiv genutzten Böden mit Stickstoff (zum Beispiel für Viehfutter). Es ist sogar 295-mal schädlicher als CO2.

Ergänzend sollte auch noch erwähnt werden, dass die Viehhaltung enorme Mengen an Viehfutter (Getreide, Soja) und Wasser erfordert - Lebensmittel, die in ärmeren Regionen der Welt fehlen. Zum Teil werden Rinder heute schon mit preiswerterem, gentechnisch veränderten Getreide/Soja gefüttert, das aus Amerika importiert wird. Ob und wie sich das auf die menschliche Gesundheit auswirkt ist, darüber gibt es bis heute noch keine Langzeitstudien.

Muufri ist absolut nicht gegen die Milchwirtschaft, sondern unterstützt leidenschaftliche Kleinbauern, die sich um zufriedene und artgerecht gehaltene Kühe kümmern und wo der ursprüngliche Bund zwischen Tieren und Menschen gewahrt wird. Man hat weder die Absicht, diese Bauernhöfe noch deren schmackhafte Produkte zu ersetzen oder abzuwerten.
Leider wurde diese Art von Farmen durch industrielle Mega-Landwirtschaft verdrängt. Heutzutage verlangen Effizienz und Optimierung, dass Tiere wie Maschinen behandelt werden. Das wiederum führe zu den anderen, oben genannten Problemen.

Da die Welt-Bevölkerung weiter wächst und auch die Nachfrage nach Milchprodukten – insbesondere in den Entwicklungsländern und städtischen Gebieten – werden mehr und mehr Familienfarmen zu industriellen Milchbetrieben umgerüstet. Das kann nicht gut sein. Was man braucht, ist eine nachhaltige und schmackhafte Alternative – und dafür möchte Muufri sorgen.

Zwei der drei Gründer, Perumal Gandhi (links) und Ryan Pandya

Wer steht hinter Muufri und wer finanziert ihre Forschung?

Derzeit besteht das kleine Team aus Ryan Pandya, Perumal Gandhi und Isha Datar.
Hinter ihnen steht synbio-axir8r, das welterste Unternehmen, das Start-up Firmen auf dem Gebiet von "synthetic biology" fördert. Muufri erhielt von ihm 60.000 Dollar zur Gründung, Zugang zu Laboreinrichtungen an der University College Cork und wertvolle Beratung durch ein Team etablierter Unternehmer.

Muufri, das im Mai 2014 mit Laborversuchen startete, erhielt zudem 2 Millionen Dollar von Horizons Ventures, einer Investmentfirma aus Hong Kong, die von dem Vorhaben der 3 Gründer überzeugt war. Zu dessen Portfolio zählen auch andere revolutionäre Start-Up-Unternehmen mit ähnlichen Visionen wie Impossible, Modern Meadow, Hampton Creek, Siri, Spotify und Facebook.

Muufri hofft, seine Erfindung bis zum Frühjahr 2015 perfektioniert zu haben und Anfang 2017 bereits Produkte ausliefern zu können. Aufgrund der anfänglich geringeren Mengen wird Muufri zunächst in etwa so viel kosten wie pflanzliche Proteingetränke oder wie Kuhmilch. Das wird sich aber im Laufe der Zeit ändern und letztlich soll der Preis bei dem der Kuhmilch liegen.

TV-News über Muufri

Was sich sonst noch auf dem pflanzlichen Markt tut

Muufri weiss, dass es mit tierfreien Produkten weltweit nicht das einzige Team ist und dass es schon in früheren Jahren Versuche gegeben hat, geschmackliche Alternativen zur Kuhmilch herzustellen – ohne Erfolg. Auch starteten inzwischen viele andere Unternehmen mit pflanzlichen Alternativen: Impossible Foods, gegründet von einem ehemaligen Stanford University Professor, forscht mit tierfreiem Fleisch.

Neben vielen Soja-und Weizenprodukten steht auch die Lupinen-Forschung mit immer mehr schmackhaften Protein-Produkten in den Startlöchern. Ende 2014 erhielt das Fraunhofer-Institut für seine Forschungsarbeit sogar den Deutschen Zukunftspreis.

In den USA ging Hampton Creek 2011 mit ''Just Mayo'' an den Markt und erhielt große Medien-Aufmerksamkeit. Unilever registrierte schnell die Konkurrenz und reichte Klage gegen das Unternehmen ein. Es verlangte, dass dieses ihr Produkt nicht mehr Mayonnaise nennen darf, weil gemäß einer alten FDA-Bestimmung Mayonnaise tierisches Eigelb enthält. Zudem sollte es alle falsch deklarierten Produkte aus den Regalen nehmen, Unilever den Betrag bezahen, den man durch Gewinne eingenommen hat und zudem noch den dreifachen Schadenersatz leisten. Diese arrogante Aktion von Unilever kam nicht nur gar nicht gut an, sondern schlug auch ins Gegenteil um: Es brachte Hampton Creek noch mehr Sympathien und Umsätze.


Es ist stark anzunehmen, dass die US-Milchwirtschaft auch in Muufri eine Konkurrenz sehen und es nicht zulassen wird, dass sich das Produkt Milch nennt, da Milch von Kühen stammt. Generell werden in den USA Stimmen lauter, die einen gesetzlichen Verteidigungsfond fordern, da man immer häufiger feststellt, dass gerade solche Innovationen beziehungsweise Start-up Unternehmen mit den Dinosauriern der Nahrungsmittelindustrie kollidieren, die keine Konkurrenz neben sich dulden wollen. Das dürfte in Europa sicher nicht anders sein.

Wenn man will, dass die Menschen von einem nicht nachhaltigen Produkt zu einem nachhaltigen wechseln, so Perumal Gandhi, dann muss es identisch oder sogar noch besser schmecken als das Original. Wenn zudem der Preis stimmt, werden sie es tun!

Die Zukunft wird zeigen, ob sein Optimismus berechtigt ist und ob eine derartig erzeugte "Milch'' auch von den Konsumenten positiv aufgenommen wird.

Weitere Informationen zu Produkt und Unternehmen findet man auf der Firmen-Homepage sowie auf Facebook.

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