Filmkritik

"Kannst du mir folgen?" Immer und immer wieder ist dies der Satz, welcher der Zuschauer von dem Protagonisten Johnny zu hören bekommt. Und sicher ist er nicht nur an den Diskussionspartner im Film gerichtet. Auch der Zuschauer muss mehr als einmal in sich gehen um zu sehen, ob er Johnny wirklich folgen kann.

Mike Leigh, wohl einer der bekanntesten britischen Regisseure der letzten Jahrzehnte, schuf mit "Nackt" ein Meisterwerk der Melancholie und Selbstkasteiung. Fast körperlich kann man das Leid seiner Figuren erfahren und möchte sich so manches Mal vor Scham abwenden.

Der ehemalige Theaterautor Mike Leigh beschwört in seinen Filmen eine greifbare Trostlosigkeit herauf, wie auch in seinen Dramen  "Life is sweet" von 1991 und "Lügen und Geheimnisse" (1996).

"Ich treffe in meinen Filmen keine moralischen Urteile, ich ziehe keine Schlüsse. Ich stelle Fragen, ich beunruhige den Zuschauer, ich mache ihm ein schlechtes Gewissen, lege Bomben, aber ich liefere keine Antworten. Ich weigere mich, Antworten zu geben, denn ich kenne die Antworten nicht."

Die Handlung könnte von manch einem als banal bezeichnet werden, doch tut dies dem Gesamtwerk keinen Abbruch. Der Film lebt von der in ihm erzeugten Stimmung. Leigh ermöglicht es dem Zuschauer als Beobachter in die dunkelsten Ecken der nächtlichen Großstadt einzutauchen und die Kämpfe um Selbstachtung, wie auch die fast grenzenlose Sehnsucht nach Nähe, und sei es nur ein One-Night-Stand, mitzuerleben. Dabei gelingt es ihm mal wieder eine Achterbahn der Gefühle ohne das geringste Urteil oder Sentimentalität zu inszenieren.

Ein weiteres Merkmal für Leighs Produktionen sind die ausgeklügelten Handlungsstränge. In "Nackt" wird der Zuschauer, parallel zu Johnnys Geschichte, mit dem durchgeknallten Yuppie Jeremy konfrontiert. Dieser nistet sich ungefragt bei Louise und Sophie ein und ergötzt sich am Leid der Anderen. Man kann in als Gegenpart zu dem existentiell Gebeutelten Johnny sehen, wobei die beiden Figuren durchaus auch einige Eigenschaften, wie die Unfähigkeit Gefühle zuzulassen, miteinander gemein haben.

Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1993 erhielt der Film die Auszeichnung für den besten Darsteller, David Thewlis, und den Besten Regisseur. Hinzu kommen Nominierungen für einen BAFTA Award und den Independent Spirit Award, sowie u.a. 1994 eine Auszeichnung beim Toronto International Filmfestival.

Eine rabenschwarze Darstellung sozialer Missstände, mit bedrückenden, ausdrucksstarken  Bildern und aufwühlenden Charakteren.

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