Glaube und Hoffnung spielen in Bezug auf Krankheiten und deren Heilung in unserer aufgeklärten Zeit mit ihrem medizinischen Fortschritt keine Rolle mehr? Wir verlassen uns nur auf unseren Verstand, auf unser Wissen und auf das, was wir von Spezialisten zu hören bekommen? Weit gefehlt!

Der Glaube daran, dass eine bestimmte Situation eintritt, lenkt unser Gehirn in bestimmte Bahnen und sorgt für Ergebnisse, die uns heute als Placebo bzw. Nocebo-Effekt bekannt sind.

Der Placebo-Effekt - ... wenn der Glaube gesund macht...

Als Placebo bezeichnet man im engeren Sinne ein Medikament, welches keinen Wirkstoff enthält. Im weiteren Sinne gehören auch Scheinaktivitäten dazu, die keinerlei heilende Konsequenzen haben, zum Beispiel Scheinoperationen und Scheinbehandlungen.

In der christlichen Überlieferung kennt man Placebo (lat. ich werde gefallen) als etwas Unechtes, etwas Scheinheiliges, ein So-tun-als-ob. Der in der Medizin verwendete Placebo-Begriff bezeichnet unechte Medikamente. Entweder handelt es sich um reine Zuckerpillen ohne jegliche Wirkung oder um Medikamente, welche zumindest die Nebenwirkungen des echten Medikamentes hervorrufen. Beiden ist aber gemeinsam, dass der eigentliche Wirkstoff fehlt.

Ein Patient, der lediglich Zuckerpillen anstelle des echten Medikaments bekommen hat, dürfte eigentlich keinerlei Reaktionen auf die Pille zeigen. Häufig ist aber sehr wohl eine psychische oder physische Reaktion zu erkennen. Hier spielt die Erwartungshaltung des Patienten hinein. Er erwartet von einem bestimmten Medikament eine bestimmte Wirkung und hat sich über die Wirkung bestimmter Behandlungsmöglichkeiten eine eigene Meinung gebildet. Daraus entsteht eine Erwartungshaltung a lá: "ich habe ein Schmerzmittel bekommen, also werden die Schmerzen verschwinden". Die Erwartungshaltung wird tendenziell größer sein, wenn der Behandelnde bzw. der Arzt für den Patienten eine vertrauenswürdige Person darstellt oder auch, wenn der Patient über das Medikamt beispielsweise schon weiß, dass es bei anderen prima angeschlagen hat. Weitere Einflussfaktoren auf die Beurteilung von Placebos können beispielsweise auch die Darreichungsform (Kapseln werden als wirkungsvoller wahrgenommen als Tabletten) oder die Farbe der Pillen sein.

Der Nocebo-Effekt - ...der negative Placebo-Effekt...

Die negative Seite des Placebo-Effekts ist der Nocebo-Effekt. Die Erwartungshaltung in Bezug auf die heilende Wirkung eines bestimmten Medikamts funktioniert auch in die andere Richtung. Ist dem Patienten beispielsweise durch den Arzt, Apotheker oder Beipackzettel eine ganze Reihe an Nebenwirkungen bekannt, so wird er tendenziell häufiger diese Nebenwirkungen an sich feststellen als ohne diese Information. Oft äußern sich die dadurch wahrgenommenen Nebenwirkungen in schwer fassbaren und subjektiven Beschwerden wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Übelkeit.

Der Nocebo-Effekt kann aber auch durch Einbildung tatsächlich krank machen. Es gibt Fälle, in denen Patienten aufgrund einer Diagnose erkrankt und gestorben sind, obwohl sich die Diagnose im Nachhinein als falsch erwiesen hatte. Aufgrund der Informationen, die sie bekommen hatten, trat eine bestimmte Erwartungshaltung ein und wirkte wie eine sich selbst erfüllende Prophezeihung. So ist beispielsweise die Geschichte von Derek Adams recht bekannt. Er nahm als Proband an einer Studie teil, in welcher Antidepressiva getestet wurden. Aufgrund privater Probleme wollte er sich mit den Medikamenten das Leben nehmen. Als er die Medikamente in großer Anzahl geschluckt hatte, zeigte er auch die Anzeichen einer Medikamentenvergiftung und drohte zu sterben. Die Untersuchung ergab, dass Adams zur Kontrollgruppe dieser Testreihe gehört hatte und lediglich Placebo bekommen hatte. Als er darüber Kenntnis hatte, besserte sich sein Zustand wieder. Die Placebo hatten gewirkt, weil er an die Wirkung glaubte.

Placebo und Nocebo in der Praxis - Helfer in der Forschung

Um die Wirksamkeit eines Medikamtentes zu prüfen, ist in der Forschung der Einsatz einer Kontrollgruppe üblich. Würde man einer einzigen Gruppe das Testmedikament verabreichen, so würde sich in der Studie nicht nachweisen lassen, wie hoch der Anteil an der Wirkung des Medikaments durch das Medikament selber zustande kommt beziehungsweise inwieweit die Erwartungshaltung der Teilnehmer hineinspielt. Aus diesem Grund wird die Gruppe unterteilt. Ein Teil bekommt das Mediament, der andere Teil das Placebo ohne Wirkstoff. Aus der Differenz dieser beiden Auswertungen lässt sich die tatsächliche Wirksamkeit des Medikaments viel genauer bestimmen, denn man geht davon aus, dass beide Teile der Gruppe mit durchschnittlich derselben Erwartungshaltung an dem Experiment teilnehmen (schließlich erhalten sie die gleichen Informationen).

Wenn die Wahrheit krank macht

Unsicherheit kann ein krankheitsauslösender Faktor sein. Wenn man von der Norm eines gesunden Menschen abweicht und nicht genau diagnostizieren kann, worin diese Abweichung besteht, so setzt das die Sorgen in Gang. Die ärztliche Aussage "schwer zu sagen, wir müssen das beobachten" öffnet Tür und Tor für eine krankmachende Gedankenspirale. Auch eine Diagnose nach dem Motto "durch Ihre Erbanlagen sind Sie für die Krankheit XY besonders anfällig und werden mit 75-prozentiger Wahrscheinlichkeit daran erkranken" hat eine ähnliche Auswirkung. Zwar mag durch die besagten Anlagen tatsächlich eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestehen, aber die Erwartungshaltung verstärkt dies noch um ein Zusätzliches. Andererseits wird dadurch auch die Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Körper gesteigert, was sich wiederum positiv auf eine Früherkennung auswirkt. Schwierig wird es bei Krankheiten, für die es kein Gegenmittel. Die Aussage "Sie werden sehr wahrscheinlich innerhalb der nächsten 10 Jahre an Alzheimer erkranken" ist weder dem allgemeinen Wohlbefinden noch dem Gesundheitszustand zuträglich.

 

Sophie1975, am 18.05.2012
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