Europas politische Situation um 1800

Wegbereiter für das historische Novum des Doppelkaisertums waren die politische Situation der großen Reiche Europas sowie die verworrenen Beziehungen ihrer Herrscherhäuser untereinander gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

  • Das lupenrein absolutistisch geprägte Frankreich beanspruchte militärisch, kulturell und politisch eine Vorreiterrolle auf dem Kontinent.
  • Deutschland hingegen bestand faktisch nur noch auf dem Papier als "Heiliges Römisches Reich deutscher Nation". In der Realität unterlag das Kaiserreich der Partikulargewalt. Es war in unzählige Kleinstaaten zersplittert, deren Herrscher weitgehend souverän regierten. Die einzig wirklich gewichtige Macht im Reich stellte Preußen dar.
  • Als dritter einflussreicher Faktor agierte das Erzherzogtum Habsburg mit seinen Kernländern Österreich und Ungarn. Gleichzeitig stellen die Habsburger aber seit Jahrhunderten den deutschen Kaiser!

Zwischen diesen Machtblöcken bestand ein fragiles Gleichgewicht. Wechselnde Allianzen mit England, Russland sowie untereinander führten dennoch häufig zu militärischen Auseinandersetzungen. Verschärfend kam hinzu, dass zwischen dem deutschen Adel, den Habsburgern sowie den in Frankreich regierenden Bourbonen aufgrund der Heiratspolitik verwandtschaftliche Beziehungen bestanden.

Franz betritt die politische Bühne

In dieses komplizierte und instabile Geflecht platzten nahezu zeitgleich zwei Ereignisse, deren Zusammentreffen weit reichende Folgen hatte.

  1. 1789 bricht in Frankreich die Große Revolution aus. Das Volk entmachtet den bourbonischen König Ludwig XVI., degradiert ihn zum "Bürger Capet" (abgeleitet von den Kapetingern, der bourbonischen Stammlinie) und inhaftiert ihn später sogar.
  2. In Österreich stirbt 1790 Erzherzog Joseph II., welcher zugleich Kaiser des Deutschen Reiches ist (korrekte Bezeichnung: römischer Kaiser). In beiden Funktionen folgt ihm sein Bruder Leopold II. nach, welcher allerdings bereits 1792 stirbt. Die Herrschaftsansprüche gehen durch Wahl der Kurfürsten nun auf Leopolds Sohn Franz über, welcher fortan den römisch-deutschen Kaisertitel Franz II. trägt. Der 24 ährige Erzherzog und Kaiser ist zu diesem Zeitpunkt bereits mit Maria Teresia, der zweiten seiner insgesamt vier Ehefrauen, verheiratet. Diese Frau wird Franz sämtliche seiner zwölf Nachkommen gebären und entstammt seiner eigenen Verwandtschaft. Darüber hinaus ist Maria Teresia jedoch auch bourbonischer Abstammung, ebenso wie die im Krönungsjahr verstorbene Mutter des Kaisers. Die Habsburger fühlen sich daher verpflichtet, zur Befreiung der französischen Königsfamilie militärisch zu intervenieren. Noch vor der Thronbesteigung von Kaiser Franz brechen so durch eine Kriegserklärung des bedrohten Frankreichs die sogenannten Koalitionskriege aus, welche schließlich auch das übrige Europa grundlegend verändern werden.

Die Zeit des doppelten Kaisertums

Die militärische Bedrohung Frankreichs bewirkt zunächst, dass der französische Ex-König und einige seiner Angehörigen 1793 / 94 als Hochverräter hingerichtet werden. Das ursprüngliche Ziel der Habsburger, die Wiedereinsetzung der französischen Königsfamilie, ist somit gescheitert. Doch die Kriege weiten sich aus. Die Habsburger müssen Gebietsverluste hinnehmen. Der französische General Napoleon expandiert nun militärisch sogar in den gesamten europäischen Raum. Auch das zersplitterte Deutschland hat dem nichts entgegen zu setzen und wird Stück für Stück annektiert.

In dieser Situation trifft Kaiser Franz II. eine Entscheidung, die sich nur aus seinem Standesbewusstsein und einer streng konservativen Weltsicht erklären lässt. Es wirkt beinahe wie ein Schelmenstück: Am 11. August 1804 erklärt sich Franz zum ersten österreichischen Kaiser. Dahinter steht die lächerliche Absicht, mit dem militärisch überlegenen Napoleon zumindest gesellschaftlich auf Augenhöhe zu bleiben, denn der Franzose hatte sich wenige Wochen zuvor ebenfalls zum Kaiser krönen lassen. Offenbar erscheint Franz der deutsche Kaisertitel nicht mehr verlässlich genug, weil das Ende des Deutschen Reiches bereits absehbar ist. Durch einen doppelten Kaisertitel jedoch wähnt der Monarch sich standesgemäß auf der sicheren Seite. Fortan regiert er als Kaiser Franz I. die habsburgischen Ländereien und ist gleichzeitig als Kaiser Franz II. höchster Repräsentant des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation".

Der ehemalige Doppelkaiser und die Nachwelt

Obwohl Franz aufgrund seiner militärischen Niederlagen zunächst keine gute Figur abgibt, bleibt er der Nachwelt schließlich dennoch als bedeutender Herrscher in Erinnerung. Dafür sorgt einerseits die erfolgreiche Beteiligung Österreichs an den Befreiungskriegen, wodurch die Donaumonarchie ihre alte Machtstellung restaurieren kann. Andererseits macht sich Franz aber auch durch eine kritikwürdige Innenpolitik einen Namen. Der eher zurückhaltende Kaiser ist stark abhängig von seinen Ministern, welche die eigentliche Macht ausüben. So sorgt unter anderem Fürst Metternich dafür, dass politische Zensur und Polizeispitzel bald zum normalen Erscheinungsbild Österreichs gehören.

Dennoch wird der schöngeistig interessierte Franz als "Volkskaiser" verehrt. Dafür ist vor allem die vierte Frau des Monarchen verantwortlich: Die streng katholische Karoline Auguste Charlotte engagiert sich sozial sehr stark und sorgt dafür, dass Franz Waisenhäuser, Blindenanstalten und Schulen errichten lässt. Nach dem Tod des Kaisers 1835 propagiert die Witwe zudem das Bild vom "guten Kaiser Franz", welches in Österreich schließlich zum geläufigen Schlagwort wird.

Aus dem Doppelkaiser wird Franz I.

Erst zwei Jahre später ändert sich diese historisch einmalige Konstellation. Am 6. August 1806 dankt Franz als deutscher Kaiser ab und beendet damit vorerst die Geschichte des einheitlichen Deutschlands, welches zu diesem Zeitpunkt sowieso nur noch theoretisch existiert.

Doch auch seine österreichische Kaiserwürde verhindert nicht, dass der nunmehrige Franz I. sich den Realitäten stellen muss. Napoleon ist weiterhin siegreich und fügt den Habsburgern territoriale Verluste zu. Als Friedenszeichen muss Kaiser Franz dem Eroberer 1810 sogar seine Tochter Marie-Louise zur Frau geben (Interessante Ironie der Geschichte: Durch Marie-Louises bourbonische Abstammung steht das 1789 gestürzte Adelsgeschlecht nun erneut an der Spitze Frankreichs ...).

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