Der Erste Prager Fenstersturz

Unter dem Begriff "Erster Prager Fenstersturz" wird ein Ereignis definiert, welches heute außerhalb des tschechischen Sprachraums weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Am 30. Juli 1419 stürmten aufgebrachte Anhänger der Hussiten das Neustädter Rathaus in Prag. Mehrere Ratsherren und ein Richter wurden aus dem Fenster geworfen. Ein Aufstand brach aus. Beim böhmischen König Wenzel soll die Nachricht darüber einen tödlichen Schlaganfall ausgelöst haben. In der Folge riefen weltliche und geistliche Herrscher zum Kreuzzug gegen die "Ketzer" auf. Daraus entwickelte sich ein militärischer Konflikt, welcher rund 15 Jahre andauerte: Die Hussitenkriege.

Über die genauen Details des Vorfalls existieren bis heute recht unterschiedliche Versionen. Klar ist lediglich, dass die Hinrichtungen des Reformators Jan Hus (1415) und seines Freundes Hieronymus (1416) den Zorn ihrer Anhänger entfachten. In Prag, der ehemaligen Wirkungsstätte von Hus und Hieronymus, kam es mehrere Jahre lang zu demonstrativen Prozessionen, auf welche die Stadtväter mit Ausweisungen und Verhaftungen reagierten. Zudem wurden die Hussiten aus allen öffentlichen Ämtern verdrängt. Am 30. Juli 1419 forderte eine aufgebrachte Menschenmenge schließlich die Freilassung einiger inhaftierter Glaubensgenossen.

Ab diesem Punkt werden die Umstände eher undeutlich. Angeblich wurde von einem Rathausfenster aus ein Stein auf die Demonstranten geworfen. Die Menge stürmte daraufhin das Gebäude und stürzte mehrere Personen aus dem Fenster. Die Zahl der hinausgeworfenen Menschen wird durch Lexika, Touristenführer und anderen Quellen recht unterschiedlich angegeben. Während einige Berichte von vier bis sieben Opfern sprechen, benennen andere Darstellungen 13 oder sogar 19 städtische Honoratioren. Fakt ist allerdings: Im Gegensatz zum Zweiten Prager Fenstersturz überlebte keiner der Betroffenen das Attentat, denn unter dem Fenster hatte die empörte Menge Spieße aufgestellt...

Als Anführer der Aufständischen galt ein Priester namens Jan Zelivsky, auch bekannt als Johann von Seelau. Er wurde im März 1422 für seine Tat hingerichtet, nachdem er aufgrund brutaler Machtbestrebungen selbst bei vielen Hussiten den Rückhalt verloren hatte. Als weiterer Anführer des Aufstands wird der nicht minder grausame Jan Ziska benannt, das legendäre Militärgenie der nachfolgenden Hussitenkriege.

Gab es einen dritten Prager Fenstersturz?

Fensterstürze haben (nicht nur) in der tschechischen Geschichte eine gewisse Tradition. Ursprünglich soll es sich bei der sogenannten Defenestration um eine eher symbolische Geste des Hinauswerfens gehandelt haben. Später jedoch wurden daraus tatsächliche Handlungen im Sinne politischer Lynchjustiz. Es verwundert somit nicht, dass ein politisch brisanter Vorfall aus dem 20. Jahrhundert inoffiziell häufig als Dritter Prager Fenstersturz bezeichnet wird: Am 10. März 1948 fand man den tschechoslowakischen Außenminister Jan Masaryk tödlich verletzt auf. Er war aus dem Fenster seines Büros gestürzt...

Die Untersuchungen ergaben, dass der Minister Selbstmord begangen habe. Zwei Wochen zuvor hatten jedoch die sowjetisch gesteuerten Kommunisten unter Klement Gottwald einen erfolgreichen Putsch durchführen können. Als altgedienter Diplomat und Politiker gehörte Masaryk natürlich nicht der kommunistischen Partei an. Daher vermutete man recht schnell, dass der Minister in Wahrheit ein Opfer der kommunistischen Geheimpolizei wurde. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nahm man 1993 den Fall erneut auf und ermittelte rund zehn Jahre lang. Im Ergebnis wurde Indizien festgestellt, die einen Suizid Jan Masaryks unwahrscheinlich erscheinen lassen. Jedoch konnte verständlicherweise auch die Mordthese nicht in vollem Umfang erhärtet werden. Weil somit ein konsequenter Vergleich mit den Ereignissen von 1419 und 1618 nicht möglich ist, gilt der Tod von Jan Masaryk in der seriösen Geschichtsschreibung eben nicht als "Dritter Prager Fenstersturz".

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