Europas Linke und die fast gänzlich mit klassisch linken Positionen durchzogene Medienlandschaft des Kontinents, tun sich mit den USA seit jeher schwer. Während auf dem alten Kontinent abweichende Weltsichten oder ungenehme Meinungsäußerungen automatisch mit dem Prädikat "rechtspopulistisch" (falls sich die Verfehlung gerade noch im Rahmen hält) oder gleich mit dem Holzhammer "rechts" versehen werden, mögen die US-Amerikaner einfach nicht nach europäischen Pfeifen, pardon: Nach den Pfeifen europäischer Politiker und Meinungsmacher tanzen.

Als 2004 George W. Bush gegen den Demokraten John Kerry um die US-Präsidentschaft antrat, war für die europäischen Medien klar, wer gewinnen sollte, ja musste. Immer wieder wurden online oder auf der Straße Umfragen gemacht, wer denn der nächste US-Präsident sein solle. Ein ums andere Mal errang John Kerry in diesen Umfragen Wahltriumphe in einem Ausmaß, das selbst Walter Ulbricht Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte. Freilich: Diese Umfragen fanden dummerweise in Deutschland und nicht in den USA statt. Dort gewann prompt der Republikaner George Bush die Wahl und versorgte immerhin das deutsche Kabarett, aber auch reichlich Fernsehkollegen mit Material für ihre zeitlos originellen US-Bashings vom schießwütigen, alles Fremde hassenden Cowboy.

Doch vier Jahre später folgte das Wunder: Mit Barack Obama wurde erstmals seit Bill Clinton, der nicht nur gerne das Saxophon in den Mund nahm, ein Demokrat US-Präsident. Und er war auch noch schwarz, pardon: Afro-Amerikaner! Endlich hatten die doofen Amis den richtigen Kandidaten gewählt. Bei so manchen Obama-Fans klang die Begeisterung im Laufe der Jahre ein wenig ab. Doch seiner Wiederwahl 2012 sollte dies keinen Abbruch tun. Nicht etwa deshalb, weil er die absurd hohen Erwartungen an ihn nicht annähernd erfüllte. Sollte vielmehr deshalb, weil kein Republikaner die Wahlen gewinnen darf.

In der Rezeption europäischen Mainstreams in Politik und Medien stehen nämlich nur demokratische Abgeordnete für das Gute und Menschliche. Republikaner hingegen seien allesamt christliche Fanatiker, Waffennarren, Schwulenhasser, Armenhasser, Rassisten. Oh, und man lasse sich bloß nicht davon blenden, wenn ein Republikaner unübersehbar dunkelhäutig ist, wie Herman Cain. Alles nur lächerliche Ablenkungsmanöver, wie es Rassisten bevorzugt veranstalten. Denn trotz ihrer unendlichen Dummheit verfügen sie doch über so etwas wie Bauernschläue.

Ärgerlich wird es, wenn ein republikanischer Präsidentschaftskandidat nicht so ganz dem liebgewonnenen Hassbild entspricht. Die Rede ist natürlich von Dr. Ron Paul. Doktor? Jawohl, dieser Mann hat seinen Doktortitel nicht durch Schummelei erlangt, sondern war jahrzehntelang als Arzt tätig. Ärgerlicherweise entsprach er auch hierbei nicht dem Bild, das man sich von einem Republikaner macht. Also etwa, dass er nur sehr reichen Menschen beistand und Schwarze oder Mexikaner mit gezückter Schrotflinte verjagte (gefolgt von der Drohung, sie mit seinen KKK-Freunden zu besuchen, falls sie ihm noch einmal über den Weg liefen). Tatsächlich ist bekannt, dass er auch weniger betuchten Patienten beistand. Ein Wahlspot der Ron-Paul-Kampagne ist auf einem entsprechenden Fall aufgebaut. Beinahe könnte einem dieser Ron Paul sympathisch werden! Ja, wenn er bei den Demokraten wäre, das wäre etwas ganz anderes!

Denn wir dürfen uns von seinen nachweislich guten Taten nicht blenden lassen: Er ist ein ganz übler Rassist! Den Beweis hierfür liefert unter anderem ein hervorragend recherchierter Artikel der "Welt Online" über Ron Paul.

Den passenden Einstieg zum Grundton des Artikels liefert das Foto: Vorne Ron Paul mit drohend erhobenem Zeigefinger - "Du bist der Nächste auf meiner Liste, Halunke! Harr!" -, im Hintergrund ein Regal mit Kettensägen, was seine politischen Ansichten treffend charakterisiert: Den Staat beschneiden! Muss man noch mehr über diese verabscheuenswürdige Type sagen oder genügt das Foto als Beweis seiner Schändlichkeit? Nun, offenbar muss man ein bisschen was über ihn schreiben. Schließlich handelt es sich nicht um die "Bild".

Sein Weltbild fasst bereits die Überschrift gut zusammen:

Freiheitskämpfer, Rassist, Schwulenhasser, Antisemit

Das würde ja sogar bei manchen mitteleuropäischen Parteien für Unruhe sorgen! Wobei man keinen mir bekannten zeitgenössischen Politiker in Deutschland der Freiheitskämpferei verdächtigen könnte.

Ronald Ernest Paul ist laut dem "New Republic"-Material nicht nur der quichottesk-libertäre Kämpfer gegen Amerikas Kriege und Staatswillkür, wie ihn seine friedensbewegten studentischen Fans lieben, sondern ein Rassist übelster Sorte, Verschwörungstheoretiker mit antisemitischem Verfolgungswahn und Schwulenhasser, wie ihn Amerikas rechte Milizen verehren.

Die Beweislage hierfür ist erdrückend:

In seinem "Ron Paul Investment Letter", der ihn in den 80er- und 90er-Jahren stets als verantwortlicher Redakteur und meist als Herausgeber nennt, finden sich genug haarsträubende Ausfälle gegen Amerikas Minderheiten, um Paul für immer aus dem seriösen politischen Diskurs in Amerika zu verbannen.

Diese Ausfälle, die zumindest sein Haupthaar lichteten, sind dermaßen haarsträubend, dass sie gar nicht erst wiederholt werden sollen. Ron Pauls Version der Affäre ist jene, dass er die betreffenden Textpassagen nicht selbst schrieb und ihm der Verfasser unbekannt sei. Ah, aber:

Dass ihn die Unkenntnis und Gleichgültigkeit, wer in seinem Namen solche Hetze betrieben hat, kaum weniger disqualifizieren könnte wie die Autorenschaft, will er nicht einsehen.

Ja, so etwas disqualifiziert einen Kandidaten! Wer als aktiver US-Präsident in fremden Ländern Kinder in die Luft sprengen lässt, eine durch und durch menschenverachtende Drogenpolitik betreibt, Billionen Dollar an noch gar nicht erzielten Steuereinnahmen verpulvert, der ist hochseriös. Aber ein paar dumme, wahrscheinlich nicht einmal selbst geschriebene Zeilen in einem Newsletter aus den 1980er-Jahren, das ist unverzeihlich!

Es ist insbesondere deshalb unverzeihlich, weil man praktisch keine andersweitige Angriffsfläche gegen Ron Paul hat, auch wenn es in dem objektiven und sachlichen Artikel heißt:

Von Paul gibt es keine Videoaufnahmen, wie er gegen seinen Lieblingsfeind Martin Luther King ("Weltklasse-Ehebrecher, der kleine Mädchen und Jungen verführte"), gegen Aids-Kranke, mächtige Juden wie "Rockefeller und Kissinger", die hinter ihm her seien, und Israels Geheimdienst Mossad als Täter des Bombenanschlags auf das World Trade Center 1993 hetzt. Gäbe es solche Aufnahmen, wäre Paul längst erledigt.

Gewiss: Man könnte nun die Frage einwerfen, auf welchen Beweisen derlei Behauptungen fußen. Aber wir wollen nicht kleinlich sein und die Beweisführung als abgeschlossen erachten. Alles klar: Ron Paul ist ein widerlicher Rassist, Antisemit und, Gott behüte uns, was auch immer sonst noch.

Woher stammt nun diese sowohl in Europa, als auch den USA selbst praktisch einhellige Ablehnung der Medien gegenüber Ron Paul? Warum werden Kandidaten mit tatsächlich aberwitzigen intellektuellen Mängeln mitunter erstaunlich sanft angefasst, während ein prinzipientreuer Verteidiger der US-Verfassung, der den Bürgern möglichst große Freiheiten einräumen möchte, bei jeder Gelegenheit mit Schlamm beworfen wird?

Die Antwort liegt in der Fragestellung selbst. Politik und die mit ihnen untrennbar verbundenen Mainstreammedien lieben nichts mehr, als den Staat auszubauen. Ein Ron Paul stellt eine existenzielle Bedrohung dessen dar und muss deshalb unter allen Umständen verhindert werden. In hiesigen Breiten könnte dies freilich nicht geschehen. Hier gilt unverrückbar das Mantra des starken Staates, der immer weiter ausgebaut werden müsse - natürlich nur im Sinne des Volkes, nicht etwa aus Eigennutz oder im Interesse der fleißig Lobby-Arbeit leistenden Wirtschaft und anderen Interessensverbänden. Denn Freiheitskämpfer sind nun einmal suspekte Individuen - ausgenommen natürlich den edlen Che Guevara, dessen stolze Büste einen Wiener Park ziert. Der ließ zwar Arbeitslager zwecks "Umerziehung" unter anderem von Schwulen errichten, wo es - bestimmt nur westliche Propaganda! - zu unschönen Vorfällen gekommen sein soll. Aber Che war halt ein fescher linker Revolutionär und kein biederer Arzt aus Texas. Deshalb wollen wir dies dem kleinen Racker, der so ganz nebenher, auch keine einfache Aufgabe, die kubanische Wirtschaft nachhaltig ruinierte, nachsehen und uns darauf berufen, dass derlei marginale menschliche Schwächen ihn nur umso sympathischer machen.

Autor seit 7 Jahren
823 Seiten
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