Deutsche und südkoreanische Welten - Messerscharfe Stillleben und verspielte Marswelt

Pia Kintrup - Stillleben. C.A.R. Essen Zollverein, 1.-3.11.2013 (Bild: Vera Kriebel, 1.11.2013)

Was gibt's zu sehen auf der CAR?

Natürlich ist das wie immer sehr subjektiv.

Ganz prominent im Zentrum der Kesselhalle des red dot design museums Jan Kath, der Teppichdesigner, mit Gähnfaktor bei "contemporary rug art" im Red Dot Design Museum (rug = Teppich). Gähnfaktor, oder vielleicht doch nicht? Kath kombiniert florales Orientdekor mit modernem Minimal Design, zelebriert das Abgetretene, Fehlerhafte, Zerstörte, Löchrige zusammen mit dem Pompösen, Edlen, Luxuriösen.

Der Glanz des Abgenutzten

Und das hat dann doch etwas: große ausladende Teppiche im typischen Orientstil, aus feinster glänzender Seide im opulenten Rot oder Ocker, voller Ornamente und zugleich mit fleckigen, abgeriebenen Stellen, als ob über sie schon Jahrzehnte hinweggegangen seien.

Kerstin von Klein und ihre bronzene Hobbits

Kerstin von Klein: Einfach lassen (Bild: Vera Kriebel, 1.11.2013)

Jan Kaths löchrige Teppichkunst auf der CAR 2013

Jan Kath: Teppichdesign - rug art im Kesselhaus/red dot design museum (Bild: Vera Kriebel, 1.11.2013)

Vom Ruhrgebiet bis ans andere Ende der Phantasie ...

Natürlich dürfen die (ironischen? schwülstigen?) Ruhrgebiets-Opern von Wanja Richter-Koppitz, die Schwarzweiß-Fotografien von Manfred Vollmer und Martin Steffen, die herrlich altmodisch Kraft und Körper und Maloche feiern, oder des derzeit als Kalenderfotograf hoch im Kurs stehenden Frank Hohmann (seine großartig inszenierten, farbenprächtigen Industriekulissen dürften heute ähnlich wie ehedem der röhrende Hirsch das Wohnzimmer zieren wollen) nicht fehlen.

Aber da gibt es auch Nagelbretter aus Kronkorken und dekoratives Gekringel von Jürgen Kellig oder kleine Bronze-Figuren von Kerstin von Klein, Mollusken-Menschen mit dickwülstigen Händen, bei denen man nicht weiß: soll man nun Mitleid mit ihnen haben, sind sie in Not? betteln sie? oder greifen sie nach mir? sind sie eklig oder gar bedrohlich?

Oder die eleganten an Giacometti erinnernden Figuren von Andrea Kraft, mit ihren überschlanken, gelängt athletisch gebogenen Körpern. Oder herrliche Spielereien (alles Halle 5 gegenüber dem red dot design museum). Günstig oder auch nur bezahlbar - das wird hier klar - ist auch kaufbare Kunst abseits der Messen in London oder Köln nicht (mehr): Klein verlangt beispielsweise 1.500 Euro für ihre kleinen Bronzen. Kraft ab 4.000 Euro.

Schwülstig bis verspielt: Kraft, Steffen, Vollmer, Richter-Koppitz, Kellig

Andrea Kraft, C.A.R. Essen Zollverein, 1.-3.11.2013 (Bild: Vera Kriebel, 1.11.2013)

Levis, Seibert, Diehl, Sun-rae Kim, Daekwan Kim

Wie schon in den Vorjahren ist der Neo- und Fotorealismus stark vertreten (z.B. mit Petra Levis recht belanglosen hübschen Bildchen, siehe Bilder unten).

Eine optische Verwirrung aus Acryl und Alu sind die Objekte von Edgar Diehl (Bild unten). Sehenswert auch: Seiberts stählerne Häuserzeilen und Sebastian Wiens Metall-Skulpturen von urtümlicher, urwüchsiger Schönheit.

Südkorea ist wieder groß und breit zu sehen (nicht nur, aber vor allem im red dot design museum, das man mit seinem coolen Interieur gleich mit besichtigen kann, unterhaltsam ist es allemal): zum Beispiel mit den verspielten, poppigen Mondmännchen und Dekoblumen von Sun-rae Kim oder Daekwan Kims nicht minder dekorativen Lichtkästen: Glasmalerei, die kaum mehr als solche erkennbar ist: von hinten beleuchtete, hintereinandergelegte Floatgläser sind bemalt mit keramischen Schmelzfarben.

Im Außengelände vor dem red dot wie schon im Sommer Urban Solar Audio Plant (USAP) von Peter Eisold und Micha Dawid: Aus Lautsprechern, die als ein zusätzliches, aber völlig sinnfreies Goodie über Solarzellen betrieben werden, tönen asynchrone, disharmonische Kompositionen, die Interaktivität suggerieren, tatsächlich aber schlicht zentral gesteuerte elektronisch erzeugte Klanginstallationen sind.

High-tech-Glasmalerei - Urwüchsiges Metall - Augentreppen - Seibert, Wien, Daekwan Kim, Diehl, Levis

Sebastian Wien: Urwüchsiges Metall. C.A.R. Essen Zollverein, 1.-3.11.2013 (Bild: Vera Kriebel, 1.11.2013)

Talente: Großartige Stadtgeschichten - Stillleben wie Tatortfotos

In der Talente-Halle der CAR im November 2013 zwei, die ins Auge stechen (was leider auf den Fotos nicht rüberkommt):

Die Folkwang-Schülerin Pia Kintrup fotografiert Stillleben: Ein offener Schuhkarton auf Wachstuch mit Zitronenmuster. Zerfetzte grüngestielte rote Deko-Beeren (oder Bonbonpapier) auf weißer Plastiktüte und faltigem weißem Stoff. Karge Stillleben wie Tatortfotos, so scharf gestochen, dass sie die Augen schmerzen (Titel der Reihe: "horrror vacui").

Nasim Naji fabuliert dagegen in seinen teilweise übermalten Fotomontagen, erzählt wild und wirr und in vielen Einzelheiten das Leben in der Großstadt.

Infos zur C.A.R. 1.11. – 3.11.201 auf Zollverein in Essen

  • Adresse: contemporary art ruhr (C.A.R.) 2013, 1.-3. November 2013, Welterbe Zollverein XII, Gelsenkirchener Strasse 181, 45309 Essen
  • Ausstellungshallen (clevererweise gibt es diesmal einen Übersichtsplan für die CAR): Zollverein XII, Areal A, Gebäude A 5, A 12, A 7 (red dot design museum, nur 1. Stock), Essen, sowie in den Außenbereichen. Halle 5 und 6 liegen direkt nebeneinander, dem Eingang vom red dot design-Museum gegenüber, links neben Halle 12. Am besten den Zollverein-Plan downloaden.
  • Anfahrt mit dem ÖPNV: Ganz einfach mit der Straßenbahn 107 vom Hauptbahnhof Essen aus (Haltestelle Zollverein) oder mit der S-Bahn S2 bis Bahnhof Zollverein-Nord fahren - da ist man auch in 5 Fuß-Minuten auf dem Zollverein-Gelände (vom Bahnhof aus zeigen einem die riesigen gelben Kanarienvögel den Weg). Anfahrtsplan.
  • Parken am besten auf A2.
  • Öffnungszeiten: Samstag, 2.11.2013, 12 Uhr bis 20 Uhr, Sonntag, 3.11.2013, 11 Uhr bis 19 Uhr.
  • CAR-Eröffnung: Freitag, 1.11., ab 20 Uhr
  • Eintritt: EUR 12,-/ erm. EUR 10,-
  • Katalog: EUR 12,-
CAR-Talente in Halle 12: Nasim Najis Großstadtmärchen, Pia Kintrups stille Tatorte

Pia Kintrup - Tatort mit Beeren (Bild: Vera Kriebel, 1.11.2013)

CAR - Kunst über die Jahre ...

Viele Bekannte der Vorjahre der Essener CAR nehmen auch im November 2013 teil, deswegen hier die Links auf die früheren Artikel zum Thema:

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