Am 12. und 13. November 2011 soll das erste Wochenende der Ruhrkunstmuseen unter dem Motto "Meisterwerke der Ruhrkunstmuseen" stattfinden. Einige Tage davor wurde der modernen Kunst, die den Kern der Ruhrgebiets-Kunstmuseen bildet, unverhoffte Aufmerksamkeit zuteil, weil eine Putzfrau im Museum Ostwall im Dortmunder U das Kunstwerk "Wenn's anfängt durch die Decke zu tropfen" von Martin Kippenberger gesäubert hatte. 

Die Kunst-Direktoren auf der Pressekonferenz im Lehmbruckmuseum

Wettengl (MO), Janssen (Duisburg), Vogt (Ludwigsgalerie), Stecker (Lehmbruck), Golinski (Bochum), Maas (DKM) (Bild: Vera Kriebel, 8.11.2011)

Kunst, nicht Event und Freizeit

Nun möchte man also bei dem Aktionswochenende möglichst viele Leute in die Museen bekommen. Könnte man da nicht die große Aufmerksamkeit, die durch den gesäuberten Kippenberger erzeugt wurde, nutzen?

Das aber wird rigoros verneint von den Museumsdirektoren. Gerade gegen die Freizeitindustrie, den Eventcharakter von Kunst wehre man sich ja, so Lehmbruck-Direktor Raimund Stecker, gerade mit dem Ruhrkunstmuseums-Wochenende. Die Sammlung, das Dauerhafte wolle man dabei in den Vordergrund stellen. Insbesondere Kurt Wettengl vom Dortmunder Museum Ostwall wehrt jeden Gedanken an Kippenberger ab (dass Kippenberger sowieso nicht gerade ein hochgeschätzter Dortmunder war und ist, sei hier nur am Rande erwähnt). Nur der Duisburger Kulturdezernent Karl Janssen räumt vorsichtig ein, man müsse eine "kreative" Vorgehensweise einmal in Betracht ziehen.

Mama hol mich von der Zeche ich kann das Schwarze nicht mehr sehen
Martin Kippenberger: M.h.m.v.d.Z.i.k ...

Martin Kippenberger: M.h.m.v.d.Z.i.k.d.S.n.m.s. (Museum Ostwall, Dortmund) (Bild: Vera Kriebel, 10/2010)

Es geht um Vertrauen und um Humorlosigkeit der Kunstbürokratie

Nun kann man ja durchaus Verständnis dafür haben, dass das Thema Kippenberger nicht gerade offensiv durch die Museumsdirektoren angegangen wird. Immerhin geht es hier um Versicherungen, Geld und vor allem um Vertrauen, das ihnen die Sammler schenken, wenn sie ihnen ihre Kunstwerke als Leihgabe zur Verfügung stellen.

Aber die Humorlosigkeit, mit der die "Putzfrauenaktion" kommentiert wird, ist ja selbst schon komisch, gerade wenn man den Witz der Kippenberger-Kunstwerke (zwei Beispiele anbei) schätzt. Die billige Vermarktung von Kunst möchte man nicht, ist die Musealisierung und Bürokratisierung der Kunst die bessere Alternative?

Martin Kippenberger/Walter Dahn: ...

Martin Kippenberger/Walter Dahn: Die Revolution in Köln muss verschoben werden (Museum Ostwall) (Bild: Vera Kriebel, 10/2010)

Kunst, nicht Skandal und Sensation

Und kann man die Kippenberger-Angelegenheit einfach so übergehen? Sollte man nicht angesichts der öffentlichen Reaktionen einmal aus dem Elfenbeinturm hoch subventionierter Kunst herausschauen und sich wenigstens am Wochenende der Ruhrkunstmuseen spontan und aufgrund des "Skandals" mit dem Publikum und der weiteren menschlichen Museumsumgebung auseinandersetzen?

Kunst am Pranger

Immerhin wurde ja vielfach der Putzfrau Beifall geklatscht, dass das "entartete" Kunstwerk mal gesäubert wurde. Wer mag, sollte sich die verbliebenen Kommentare einmal in DerWesten.de (dem Onlineportal der ruhrgebietsbeherrschenden WAZ) anschauen.

Der Kommentar, der Kippenbergers Objekt als "entartet" bezeichnete, wurde inzwischen gelöscht, das "gesunde Volksempfinden" gibt es aber noch (Kommentar #45), und insgesamt fragt man sich da schon, ob die Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich "nachhaltig" war.

Eine vor Ort befragte Bochumer Studentin der Sprachwissenschaften meint, das könne sie doch auch, was die modernen Künstler da so malen, und dass van Gogh nicht zeichnen konnte, "das wusste damals schon jeder". Ein junges Pärchen kündigt an, "auf jeden Fall ins Dortmunder U gehen zu wollen, um sich den Kippenberger anzuschauen."

Kunst im Elfenbeinturm: Es bleibt, wie es ist

Sollte dies nicht Grund genug sein, das oder die Kunstverständnisse einmal zu thematisieren, wenn nicht zu diskutieren? Sich einmal mit der "nicht ausschließlich kulturaffinen Bevölkerung" des Ruhrgebiets (Duisburger Kulturdezernent Karl Janssen) auseinanderzusetzen? (Die Ruhrkunstmuseen haben sich doch immer so viel auf ihr Kunstvermittlung eingebildet!)

Die Museumsdirektoren sind nicht dieser Meinung, am Ruhrkunstmuseums-Wochenende wird es keine Veranstaltungen zum Thema geben. Man bleibt beim angekündigten Programm, hier - dies machen Wettengl (Museum Ostwall, Dortmund), Stecker (Lehmbruckmuseum Duisburg) und Golinski (Kunstmuseum Bochum) unmissverständlich klar - geht es um Kunst, nicht um Sensation oder Skandal.

Wenn dies tatsächlich das Thema wäre … Der Blick aufs Folkwang-Museum sollte da eines Besseren belehren: Vor 80 Jahren konnte man die Sammlung nicht vor denen behüten, die sie als "entartet" bezeichneten.

Der (nicht nur modernen) Kunst eine Bresche schlagen - das ist das Anliegen der Kunstmuseen im Ruhrgebiet. Inmitten eines profanen, hässlichen Industriealltags - so jedenfalls war es einmal "ganz früher". Heute umgibt sie - schon wieder - die verständnislose bis feindlich gesinnte Revier-Gesellschaft. Und doch antwortet die Kunstbürokratie als Vogel-Strauß.

Postscriptum

Angesichts der Tatsache, dass Prof. Dr. Wettengl die ihm anvertrauten Kunstwerke 2010 auf politischen Druck hin in eine staubige Baustelle verfrachtet hat, wer ist sich da sicher, wer hier mehr Schaden angerichtet hat: "die Putzfrau" oder "der Direktor"?

Autor seit 7 Jahren
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