Es begann im Bonner "Kraftfahrer-Schlafraum"

Werbung mit solch rabiater Methode brachte den Erfolg: Die 1951, nur zwei Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, begründete "Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag e. V." zählte 20 Jahre später, 1972, bereits 800 Mitglieder in einer bunten Mischung aus Abgeordneten und Bundestagangestellten; heute sind es 1.400: Sie betreiben alle gängigen Sportarten. Es ist eine parlamentarisch-weltweite Einmaligkeit. Alles begann sinnigerweise im "Kraftfahrer-Schlafraum" des anfangs der 50er Jahre noch sehr provisorischen Bundestags am Rhein, mit gymnastischen Übungen, zum Beispiel mit dem Hulahup-Reifen zum Frühsport unter der Leitung von Masseur Weck. Alte Fotos dokumentieren schweißtreibende Tätigkeiten dieser Art, ausgeführt von den CDU-Abgeordneten Admiral a.D. Hellmuth Heye und Dr. Werner Reith mitsamt dem Sozialdemokraten Peter Jacobs.

Adenauers Boccia-Spiel blieb außen vor

Bereits sechs Monate nach dem "Gründungsakt" im Schatten des Bundesadlers standen bei einem Monatsbeitrag von 50 Pfennig schon 160 Mitglieder in den Fachgruppen Fußball, Handball, Faustball, Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Boxen (!) und Gymnastik, Kegeln und Schach sowie Schießen und Turnen auf dem Papier. Der mehrfachen Intervention des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, auch das Boccia-Spiel ins Angebot aufzunehmen, versagte der Vorstand allerdings unerbittlich die Zustimmung.

SPD-Abgeordneter gewann achtmal das Sportabzeichen

Da in den Anfängen der Republik Orden und Ehrenzeichen angesichts böser deutscher Vergangenheit Mangelware waren, gab es stattdessen mithilfe der Sportgemeinschaft bald einen Run auf den Gewinn des Sportabzeichens, wobei es sich angesichts des Altersdurchschnitts der Kandidaten meist um das goldene handelte. Die ersten drei Minister mit dieser Auszeichnung waren Professor Theodor Oberländer, Bruno Heck – und der ehemalige bayerische Jugendmeister im Straßenradrennen: Franz Josef Strauß. Beachtlich war auch die Kontinuität des wohl größten Sportfans in der Bonner Zeit des Parlaments: Adolf Müller-Emmert (SPD), leidenschaftlicher Fußballer und Tenniscrack, errang bis 1971 achtmal das Goldene Sportabzeichen.

Annemarie Griesinger– rühmliche Ausnahme

In den Gründerjahren war das weibliche Element innerhalb der Sportgemeinschaft rar. Nicht mehr als 30 bis 35 Frauen absolvierten pro Legislaturperiode ihr sportliches Soll. Eine rühmliche Ausnahme war die volksnahe baden-württembergische CDU-Abgeordnete Annemarie Griesinger. Als sie das Goldene Sportabzeichen gewann, kam sogar Adenauer zur Ehrung. In der anderen großen Fraktion konnte sich nur Annemarie Renger hervortun. Nicht nur, dass die ersten Bundestagsanträge der SPD-Fraktion zur Sportförderung ihre Unterschrift trugen – sie stieß die Vier-Kilo-Kugel beim Leichtathletik-Meeting auch auf beachtliche 6,10 Meter.

Politische Fragen am Spielfeldrand gelöst

http://spd-mackenbach.de/images/muelleremmert.jpgHeute haben sich die Sportangebote erweitert. Selbst Motorradfahren ist hinzu gekommen. Doch der jetzige Vorsitzende, der ehemalige Spitzenturner Eberhard Gienger, weiß, dass es jetzt noch immer so ist, wie es bei den Gründervätern war: Beim Sport geht manches einfacher. Will sagen, die eine oder andere heikle politische Frage wird dann am Spielfeldrand, neben der Weitsprunggrube oder unter der Dusche nach dem Motto besprochen: "Mensch, wie ziehen wir das morgen grade?" Nämlich im Ausschuss, im Plenum oder in der Fraktion. Die Sportgemeinschaft des Deutschen Bundestags birgt auch überfraktionelle positiv-politische Steuerungsmechanismen..

Die Anfänge sind unter dem Titel "So trimmt sich Bonn" dokumentiert - in einem reich bebilderten Buch aus der Feder des Sportjournalisten Ernst Dieter Schmickler, 1971, Olympischer Sport-Verlag (vergriffen).

Das Foto zeigt den früheren Bundestagsabgeordneten Adolf Müller-Emmert (SPD).

 

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