Wie wurde Castel del Monte erbaut?

Vielleicht hat dieser kluge und gebildete Mensch sogar die Skizze mit der Grundidee des künftigen Baus selbst gefertigt; Baupläne bzw. maßstäblich verkleinerte Planzeichnungen fanden in jener Zeit Eingang in die Architektur, durchgesetzt aber hat sich diese Errungenschaft erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts, mehr als 50 Jahre nach der Fertigstellung von Castel del Monte.

Castel del Monte: Überragend in des Wortes doppelter Bedeutung
Unerreichte Symmetrie – eindrucksvol ...

Unerreichte Symmetrie – eindrucksvolles Bauwerk (Bild: Johannes Flörsch)

Der Grundriss von Castel del Monte: Anlass zu Spekulation, Mystizismus und Erforschung der Fakten

Ähnlich wie bei den Pyramiden von Gizeh ist in den Grundriss von Castel del Monte viel hinein gelesen worden:

Es sei, sagen die einen, ein Werk, basierend auf astronomischen Daten; es trage astrologische Schlüssel, sagen die anderen. Mit viel Mühe wurden Zusammenhänge konstruiert, die aber (noch?) nicht als gesichert gelten können.

Bauwerke der Größenordnung wie Castel del Monte spiegelten immer auch einen religiösen Hintergrund, selbst wenn sie profanen Zwecken dienten. Beim Castel del Monte ist das in der Anordnung seiner Achsen wiederzufinden: Die Hauptausrichtung läuft in der Ost-West-Achse, das Portal liegt im Osten (wie der Altarraum einer jeden Kirche im Christentum).

Nicht exakt in der Nord-Süd-Ausrichtung: Beim Castel del Monte weichen die Hauptachsen ab

Die Bauherren der damaligen Zeit konnten die exakte Ausrichtung der Nord-Süd-Achse leicht bestimmen; der Nordstern bot die Orientierung.

Im Anschluss legte ein einfacher rechter Winkel die Ost-West-Achse fest. Allerdings sind beide Achsen um 8° im Uhrzeigersinn aus ihrer exakten Richtung verdreht – eine astronomische Begründung hierfür ließ sich bisher noch nicht ableiten.

Modernste Technik hat bei den jüngsten Vermessungen (Schirmer-Gruppe) die Lage des Castels auf den Millimeter genau ergeben: 41°05'04” nördliche Breite, 16°16'18” östliche Länge.

Be diesen Vermessungen fand man heraus, dass der Mittelpunkt des Bauwerks von Friedrich II. auf dem höchsten Punkt des weiträumigen Felsplateaus liegt, auf 594 Meter. Von hier aus haben die Baumeister mit einfachsten Mitteln die faszinierende Gestalt von Castel del Monte hochgezogen.

Der Bau von Castel del Monte lief "wie am Schnürchen"

Lange und heftige Diskussionen sind in den Wissenschaften um die Architektur geführt worden, die unter Friedrich II. vorherrschte.

Der Stauferkönig lebte viele Jahre in Sizilien, kam später nach Deutschland und besaß somit zumindest zwei Kulturräume als geistigen Hintergrund. Seine Fahrten ins Heilige Land und die Begegnung mit der für ihn fremdartigen Welt des Orients werden ihn zumindest nicht unbeeinflusst gelassen haben.

Astronomische Genauigkeit: auf der Mitte des Hügels (Bild: Johannes Flörsch)

Die Fachleute "entdecken” also okzidentale Einflüsse und sprechen von gotischer Kunst. Was sie dabei vergessen: Friedrich war die Welt der Gotik, wie sie in Frankreich ihre Blüte fand, unbekannt. Der eigentümliche, grandiose Reiz des Bauwerks zieht seine Kraft einzig und allein aus zwei Tatsachen, wie sie in der Natur ebenfalls prominent vertreten sind: die Steigerung und die Spirale.

Messfiguren als Grundlage des Baus von Castel del Monte

Nachdem der Mittelpunkt des Bauwerks festgelegt und, wie mit Fug und Recht vermutet werden darf, feierlich begangen worden war, wurden die Hauptachsen vermessen. Eine Vierteilung entstand. Die Baumeister des Mittelalters konnten, nur mit Lineal und Zirkel ausgestattet, eine rein operative Geometrie anwenden. Mit den einfachsten Mitteln konstruierten sie sogenannte Messfiguren. Eine der universellsten Messfiguren ist das Quadrat. Wir finden es im Grundriss von Castel del Monte wieder, allerdings in der Steigerung als Achteck!

Innenansichten Castel del Monte

Auch Könige brauchten ein „stilles Örtchen“ (Bild: Johannes Flörsch)

Hat man erst einmal die Messfigur Quadrat entworfen, ist es ein leichtes, ein Oktogon, ein regelmäßiges Achteck daraus abzuleiten. Nach den Messungen der Schirmer-Gruppe beträgt die größte Außenbreite von Castel del Monte 52,51 m in Ost-West-Richtung und 52,61 m in Nord-Süd-Richtung. Die im Königreich Sizilien gültige Maßeinheit jener Zeit war der palmo napolitano (pn). Ein pn entsprach 26,3 cm (nach Berechnungen durch Haselhoff).

Blick von oben: Die Lage von Castel del Monte

Ziehen Sie in der Legende der Google-Karte das Figuren-Symbol in die Karte – dann gelangen Sie auf eine Art "Sightseeing-Tour" rund ums Castel del Monte.

Das Achteck von Castel del Monte: simpel in der Planung, großartig in der Wirkung!

Die Breite von Castel del Monte geteilt durch pn ergibt den ganzzahligen Wert von 200 (das Primärmaß). Das aber bedeutet: Die Messfigur von Castel del Monte beträgt 200 palmi – das Achteck von castel del Monte ist einem Quadrat dieser Seitenlänge einbeschrieben. Wie Rolf Legler in seinem Buch schreibt, haben zusätzliche Messungen der Schirmer-Gruppe weitere ganzzahlige Vielfache des palmi napolitano ergeben.

Außer der Seitenlänge der Messfigur des umschriebenen Quadrats mussten noch zwei weitere Primärmaße festgelegt werden: Die Abstände vom Mittelpunkt zu der Hof- und der Außenwand. Der Bauplaner (der "Architekt”) von Castel del Monte hatte sich für eine Drittelung der Strecke Mittelpunkt — Außenwand (also Messfigur) entschieden. Diese Entfernung beträgt 200:2 = 100 palmi. Bei einer Stückelung wäre man Gefahr gelaufen, kompliziert weiter zu verarbeitende dezimale Größenangaben verwenden zu müssen. Wohl deshalb legte der Planer die Werte 1x34 und 2x33 palmi fest.

Drei Grundwerte für den Bau waren gesetzt! Das Verschnüren der Baustelle auf der Richtfläche und somit der Bau eines der faszinierendsten Bauten der abendländischen Geschichte in Apulien konnten beginnen … (Link zum Grundriss von Castel del Monte)

Abendstimmung über Castel del Monte
Langsam senkt sich die Nacht über ...

Langsam senkt sich die Nacht über Apulien und das grandiose Bauwerk (Bild: Johannes Flörsch)

Literaturangaben

 

 

 

 

"Das Geheimnis von Castel del Monte", Rolf Legler; München 2007; 292 Seiten

"Castel del Monte"; Wulf Schirmer; Heidelberger Akademie der Wissenschaften; Verlag Philipp von Zabern; ca. 140 Seiten; 40 Tafeln; 7 Beilagen

Die Reise nach Apulien fand statt mit freundlicher Unterstützung des italienischen Fremdenverkehrsverbands ENIT. 

Autor: Johannes Flörsch

jofl, am 18.08.2014
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Bildquelle:
Lisa Stadler (Fotobuch und Fotokalender gestalten)
johannes flörsch (Romantische Orte in Portugal)
EmbryoScope am Kinderwunschzentrum Ulm (Schwanger werden! Interview mit dem Leiter des Kinderwunschzentrums...)

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