Mit der Gemüseverkäuferin in der Obstkiste

Aus unerfindlichen Gründen mag kein Kind mit dem kleinen John Bennett spielen. Als er zu Weihnachten einen Plüschbären unterm Weihnachtsbaum findet, wünscht er sich, dieser würde lebendig werden, damit er endlich einen Freund hat. Wie im Märchen erfüllt sich dieser Wunsch und nach der ersten Schrecksekunde akzeptieren seine Eltern, dass sie einen sprechenden Teddybären beherbärgen. Ted wird zur nationalen Berühmtheit und von einer TV-Show zur nächsten gereicht, wobei er in Johnny Carsons "Tonight Show"  seine hervorstechendste Eigenschaft zeigt: Die Lust am Beleidigen!

Viele Jahre und andere Sensationen streichen ins Land und der sprechende Teddybär erregt keinerlei Aufmerksamkeit mehr. John (Mark Wahlberg) lebt inzwischen nicht nur mehr mit Ted in einer Mann-Plüschtier-WG, sondern hat in der schönen Lori (Mila Kunis) eine wundervolle Lebenspartnerin gefunden. Allerdings steht die Beziehung auf der Kippe, denn Teds Eskapaden treiben Lori bis weit über die Verzweiflung hinaus. Schließlich stellt sie John vor die Entscheidung: Entweder der Bär zieht aus oder sie verlässt ihn! Die Drohung scheint Wirkung zu zeigen, als Ted in eine eigene Wohnung zieht und einen Job im Supermarkt annimmt, wo er seine Möhre in der scharfen Gemüseverkäuferin raspelt. Doch der Schein trügt: John und Ted bleiben unzertrennlich und immer wieder überredet der Bär seinen Menschenfreund zu aberwitzigen Dummheiten. Eines Tages überspannen sie den Bogen aber endgültig – und dann ist da noch der psychisch gestörte Donny (Giovanni Ribisi), der eine beunruhigende Obsession für Ted an den Tag legt …

Deutscher Trailer "Ted"

Politisch korrekt, sensibel, tolerant? Darauf geschissen!

Mit der Comedy-Serie "Family Guy" schrieb sich Drehbuchautor Seth MacFarlane in die Stammbücher von Millionen TV-Zuschauern, nun erobert er mit seinem Regiedebüt "Ted" die große Leinwand. Alleine in den USA lukrierte die mit 50 Millionen Dollar moderat budgetierte Komödie über 200 Millionen Dollar. Dies mag zum einen an mangelnder Konkurrenz gelegen haben – die Über-Blockbuster "The Dark Knight Rises" und "The Amazing Spiderman" richteten sich an ein gänzlich anderes Zielpublikum -, zum anderen an der widersprüchlich scheinenden Lust am politisch Unkorrekten. Während die meisten Menschen mittlerweile jedes Wort auf die sprichwörtliche Goldwaage legen und sich verbal kastrieren müssen, um nur ja niemandes Gefühle (oder, falls überhaupt vorhanden, Verstand) zu verletzen, dürfen sie wenigstens im Kino herzhaft über Fette, Schwule, Juden, Moslems, Frauen oder Behinderte lachen, ohne einen Sturm der Entrüstung zu ernten.

 

Ich fühle mich heute so leer in der Birne... ach ja, richtig: Ich habe ja keinen Pimmel mehr...Die knapp zweistündige Komödie "Ted" bedient diesen Wunsch perfekt: Ungemein derb und schonungslos jede "Minderheit" (im politischen Neusprech sämtliche Menschen, abgesehen von heterosexuellen weißen Männern) aufs Korn nehmend, geriert sich der nur äußerlich süße Teddybär als Verbalzäpfchen einer zwangstoleranten Generation. Dabei muss man das Konzept als genial bezeichnen: Wer kann schon ernsthaft einem fluchenden, sexistischen, ständig bedröhnten Stoffbären böse sein (islamistische Schwachköpfe ausgenommen, die vermutlich ohnehin nicht zur Zielgruppe gehören)? Was bei einem realen Schauspieler für Empörung sorgen würde, kann mit dem Verweis weggewischt werden, dass es sich doch lediglich um einen auf wundersame Weise zu Leben erweckten Kuschelbären handelt, dem die nötige Sozialisation fehlt. Folglich haut Ted zu Beginn des Filmes einen dummen Spruch nach dem anderen raus – sehr zur Freude seines "Besitzers" und Freundes John, dessen Wunsch es war, der ihm einst Leben einhauchte. Doch wie bei jedem Buddy-Movie droht ein Problem die Freunde zu entzweien. Dieses Problem hört auf den Namen Lori und wird von Mila Kunis – spätestens seit ihrem Part als Natalie Portmans Konkurrentin in "Black Swan" Hollywoodstar – verkörpert. Lori ist beruflich erfolgreich und selbstbewusst – ganz im Gegensatz zu ihrem Freund, der mit Mitte Dreißig (bei allem Respekt vor Mark Wahlberg, der sich vom Gemächtewärmer-Model zu einem richtig guten Schauspieler mauserte: Der mittlerweile 41-Jährige geht nun wirklich nicht mehr als Mittdreißiger durch) bloß herumhängt, einen miesen Job hat und nur Unsinn im Oberstübchen hat. Als eine von Teds Nutten ins Wohnzimmer kackt, ist Loris Geduld am Ende und sie fordert John auf, sich zwischen ihr und seinem engsten Freund zu entscheiden.

 

Was folgt, überrascht nicht: Ted besorgt sich eine eigene Bude, geht arbeiten und treibt weiterhin jeden möglichen und unmöglichen Blödsinn. Offenbar dachte Regisseur und Drehbuchautor Seth MacFarlane dies sei nicht genug Plot für eine unterhaltsame Komödie und klatschte einen komplett verzichtbaren Subplot dran, der das letzte Drittel ausfüllt. Eine Notwendigkeit dafür konnte zumindest der Rezensent nicht erkennen: Teds launige Eskapaden und die schwierige Beziehung zwischen John und Lori genügten vollauf für ein befriedigendes, weil ungewöhnlich vulgäres und gleichzeitig lustiges Filmereignis. Erstaunlicherweise gelingt es dem Film, die Absurdität eines sprechenden und sich wie ein Mensch gebärdenden Plüschtieres so zu verwischen, dass man diesen Umstand nach wenigen Filmminuten akzeptiert.

 

Können diese leblosen Knopfaugen lügen?Natürlich dürfen popkulturelle Referenzen nicht fehlen, und da kann "Ted" wiederum voll punkten: Anstatt die zehntausendste "Matrix"-Parodie abzuliefern, sich über nervige Youtube-Videos oder Prominente wie Paris Hilton lustig zu machen, wird ausgerechnet der Science-Fiction-Trash "Flash Gordon" (1980) immer wieder als prägendes Kindheitserlebnis von Ted und John präsentiert. Ein Film also, den selbst viele Science-Fiction-Fans nie gesehen haben. Und trotzdem funktionieren die Anspielungen, da der Hauptdarsteller von "Flash Gordon", Sam J. Jones, einen selbstironischen Gastauftritt tätigt. Ebenso wie übrigens Sängerin Norah Jones (deren Songs nach Ansicht des Rezensenten musikalisch untermalte Langeweile darstellt und im Vergleich dazu jegliche Fahrstuhlmusik wie schweißtreibenden Heavy Metal klingen lässt) und Tom Skerritt, jüngeren Generationen wohl kaum noch bekannt aus "M*A*S*H" und "Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt", in dem er Captain Dallas verkörperte.

 

Erstaunlicherweise vermag die Komödie auch in den stilleren Momenten zu überzeugen. Die vertrackte Beziehung zwischen John, der nicht erwachsen werden möchte, und seinem verführerisch nihilistischen Kumpel Ted wird mit all ihren Höhen und Tiefen dargestellt. Klar ist es lustig, sich den ganzen Tag lang zuzudröhnen (wovon der Rezensent minderjährigen Lesern dringend abrät!) und Nutten in die Wohnung einzuladen (wovon der Rezensent mitlesenden Nutten dringend abrät!). Den Respekt und die Achtung seiner sozialen Umgebung verdient man sich damit freilich nicht. Es gilt somit, einen vernünftigen Spagat zwischen Angepasstheit und kindlichem Übermut zu bewahren, was einfacher klingt als es ist. Leider gerät Mila Kunis‘ Darstellung der Lori zu einer fürs Genre nicht untypischen Frauenrolle: Auch wenn man ihre Unzufriedenheit verstehen kann, tritt sie viel zu oft als Spaßbremse und Zicke auf. Andererseits sind Frauen vermutlich nun einmal so. Alle? Ja, alle!

 

Fazit nach knapp zwei Stunden: Über weite Strecken hinweg unterhält "Ted" bestens, insbesondere in den zusammenhanglosen Sketchen. Das Erzählen einer stringenten Geschichte stellt nämlich nicht gerade Seth MacFarlanes Stärke nicht, weshalb der hektische Handlungsverlauf im letzten Drittel deutlich humorloser daherkommt und sogar noch mit einer Art moralischer Botschaft nervt. Wer einfach nur zwei Stunden lang vom Alltag abschalten möchte und vor deftigen Sprüchen nicht zurückschreckt, wird "Ted" lieben. Politisch korrekte, humorbefreite Zonen sollten sich hingegen selbst einen Gefallen tun und den Streifen großräumig umfahren.

Originaltitel: Ted

Regie: Seth MacFarlane

Produktionsland und -jahr: USA, 2012

Filmlänge: ca. 108 Minuten

Verleih: Universal

Deutscher Kinostart: 2.8.2012

FSK: Freigegeben ab 16 Jahren

Autor seit 7 Jahren
823 Seiten
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