Dringend zu empfehlen sind freilich Vorkenntnisse der Staffel 1 (Rezension hier lesen), ohne die so manche Dialoge nicht nachvollziehbar sind. Allerdings sollte man Teil 1 der Horrorgame-Reihe auf jeden Fall gezockt haben, da es in Punkto Spannung, Atmosphäre und stimmigen Figuren eines der besten Computerspiele der letzten Jahre darstellt. In der Fortsetzung bleibt sich Spieleentwickler "Telltale Games" stilistisch treu: Das gesamte Game wird im Comicstil dargestellt, Ballereinlagen sind Mangelwaren, ebenso wie Rätsel.

Vielmehr konzentriert sich das Spiel noch stärker auf den Charakter der Clementine. Aus dem schüchternen, fast hilflosen Mädchen ist ein deutlich selbstbewussterer Teenager geworden, der sich seinen Weg durch eine erbarmungslose Welt kämpft. Wer nun das Bild einer blutjungen Milla Jovovich aus den "Resident Evil"-Filmen oder einer kleinen Lara Croft vor sich sieht, irrt gewaltig: Clementine wird absolut glaubwürdig charakterisiert. Sie ist weder Actionheldin, noch ein ständig um Hilfe kreischendes Mädchen.

(K)ein Kinderspiel für Clementine: Harte Entscheidungen treffen

Wie schon in Teil 1 handelt es sich bei "The Walking Dead - Season 2" weniger um ein klassisches Adventuregame mit Knobeleinlagen und viel Action, sondern um einen interaktiven Film. Erinnern Sie sich an den kurzen Hype in den 1990er Jahren mit interaktivem Fernsehen? Hierbei sollte der Zuschauer mittels (kostenpflichtige, klar, man ist ja kein Samariterverein) Anrufen den Verlauf eines Filmes oder einer Serie mitentscheiden können. So ähnlich können Sie sich die "The Walking Dead"-Computerspielreihe vorstellen. Nur in spannend. Und interessant. Und glaubwürdig gespielt. Und herausragend in Szene gesetzt.

Die Hauptaufgabe des Spielers liegt darin, für Clementine Entscheidungen zu treffen oder Quick-Time-Events zu meistern. Echte Rätsel gibt es keine. Das ist aber auch gar nicht nötig, da das Spiel mit seinen Dialogen und den zu treffenden Entscheidungen hinreichend fesselt. Wie bei den meisten Fortsetzungen gibt es auch in der zweiten Season des Horrorgames "The Walking Dead" ein Mehr: Mehr Splatter, mehr Blut, mehr erbarmungslose Entscheidungen. Keinesfalls darf man sich vom niedlich anmutenden Comicstil täuschen lassen: Hier wird mitunter buchstäblich die Axt ausgepackt. In einer der wohl unangenehmsten Szenen der Spielereihe muss sich Clementine selbst verarzten – und damit ist nicht gemeint, sich ein Heftpflaster aufs Aua zu kleben …

Emotional ist das Game nach wie vor eine Achterbahnfahrt: Ruhige Momente können urplötzlich durch exzessive Gewalt aufgebrochen werden und zum Tod einer Nebenfigur führen. Hierin liegt eine der ganz großen Stärken, die gleichzeitig eine der Schwächen des gesamten "The Walking Dead"-Franchises, ob Comic, TV-Serie oder Computerspiel, ist: Jede Figur kann es treffen, was die Spannung erhöht, da man nicht sicher sein kann, ob jener Charakter, den man am meisten mag, nicht von einer Sekunde auf die andere ins Gras beißt.

Darin liegt freilich die Gefahr der Abstumpfung: Gerade weil man weiß, dass es jede Figur treffen kann, beginnt man unbewusst, eine gewisse Distanz aufzubauen, um nicht allzu traurig zu sein, wenn es sie tatsächlich erwischt. An dieser Dissonanz leidet gerade die TV-Serie, in der es in den ersten Staffeln noch überrascht, dass selbst vermeintliche Protagonisten abserviert werden. Mit der Zeit erkennt man Methode darin – und natürlich ein beliebtes Mittel, um die Quoten zu erhöhen -, den Zuschauer vor den Kopf zu schlagen. Davor ist das erneut von "Telltale Games" entwickelte Spiel zum Comic nicht gefeit, wobei die meisten Figuren nicht mehr dermaßen ans Herz wachsen, wie noch im ersten Teil. Viele Nebenfiguren wirken blass und können sich mit den charismatischsten Charakteren aus Season 1 nicht mehr messen.

"The Walking Dead", Season 3: Aus für Clementine?

Gut gelungen ist wiederum die Figur der Clementine, die natürlich Dreh- und Angelpunkt der Story ist: Sie treibt die Geschichte voran, wobei sie deutlich erwachsener geworden ist und keinen Beschützer mehr benötigt. Dadurch bekommt das Spiel eine ganz andere Dynamik, da nicht mehr von den Figuren erwartet wird, sich um das kleine Mädchen zu kümmern. Andererseits bedeutet dies auch, unangenehme Entscheidungen treffen zu müssen. Insbesondere das Ende ist ungleich dramatischer als jenes des Vorgängers geraten. Natürlich ist dies hier eine spoilerfreie Zone, deshalb nur so viel: Der Showdown verlangt dem Spieler emotional alles ab, da es keine "richtige" Entscheidung gibt. Dafür, das sei verraten, existieren mehrere drastisch unterschiedliche Enden, welche die Frage aufwerfen, wie "Telltale Games" diese in der dritten Season aufnehmen und weiterspinnen möchte.

2016 soll die dritte Season endlich starten. Allerdings – und hier gerät der Rezensent ins Grübeln – soll in dieser die vor allem aus der TV-Serie bekannte Figur der MIchonne im Mittelpunkt stehen. Ignoriert "Telltale Games" die teils verstörenden Enden von Season 2, stampft die Clementine-Story ein und beginnt eine völlig neue Story-Line? Das wäre schade, nachdem man sich an Clementines Seite durch insgesamt 10 Episoden mit all ihren Höhen und Tiefen gekämpft hat und sich darauf freut zu erfahren, wie es mit dem tapferen Mädchen weitergeht. Fest steht für den Rezensenten jedoch, dass er auch in Season 3 bei der Apokalypse dabei sein wird: Wie immer in sicherer Entfernung live vor der Playstation.

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