Der Morgen danach

Als am nächsten Morgen meine Sinne zurückkehrten, loggte ich mich sogleich in das mir vertraute Spiel ein. Es gab sie tatsächlich, die Rollenspielserver, deren Existenz mir bisher völlig entgangen war! Da ich in dem Fernsehbericht gelernt hatte, dass Rollen (pseudo-)realistisch und konsequent gespielt werden müssen, erstellte ich eine Menschenfrau und verließ wagemutig die heimischen PvP-Gefilde.
Aus alter Gewohnheit erledigte ich brav die ersten Quests und erwarb Rüstung und Waffen. Im Wald war niemand zu sehen. Wo steckten die anderen Rollenspieler bloß?

Die Geisterstadt

Vielleicht tummeln sie sich in der Hauptstadt, dachte ich und rannte los Richtung Sturmwind. Dort angekommen suchte ich alles ab, fand jedoch nur gähnende Leere vor. Ich konnte es kaum glauben – es war Wochenende und kein anderer Spieler online?!
Deprimiert setzte ich mich auf eine Bank am Fuße der Kathedrale und starrte die Treppenstufen hinauf. Schon im Ausloggen begriffen, bemerkte ich plötzlich zwei mir gänzlich unbekannte NPCs (Nicht-Spieler-Charaktere) auf der Nachbarbank. Sie unterhielten sich und ihr Gespräch klang so ... menschlich. Neuen Mut schöpfend fuhr ich mit der Maus über die Charaktere und stellte erfreut fest, dass es sich um keine neuen NPCs handelte, sondern um andere Spieler. Es gab sie also doch!
Fröhlich begrüßte ich die beiden mit dem Emoticon "/hi". Keine Reaktion. Ich versuchte es erneut, dieses Mal flüsternd über die Chatfunktion. Zur Antwort bekam ich: "OOC: Neu hier?". Ich bejahte. "OOC: Ach so, das erklärt, warum Du hier herumrennst." Herumrennen? Wie sollte ich mich denn bitteschön sonst fortbewegen, wenn nicht rennend? Und was sollten diese kryptischen drei Buchstaben bedeuten? Ich hakte nach.
Im Rollenspiel rennt man nicht, sondern geht, wurde mir erklärt, denn im echten Leben wird auch nicht ohne Unterlass gerannt; Forrest Gump einmal außen vor gelassen. Lektion Nummer zwei: Charaktere sprechen nur öffentlich miteinander und das stets in der Rolle (IC, "in character"). Im Chat flüstern dürfen nur spirituelle Wesen mit telepathischen Fähigkeiten, was auf meine axtschwingende Menschenkriegerin in Kettenrüstung nicht zutraf. Sollte man doch etwas außerhalb seiner Rolle zu sagen haben, so der dritte Hinweis, muss unbedingt "außerhalb der Rolle" (OOC, "out of character") vorangestellt werden. Doch das war noch nicht alles: Höflich gab man mir zu verstehen, dass vorgefertigte Emoticons total out seien. Schlagartig wurde mir klar: Ich hatte alles falsch gemacht, was falsch gemacht werden konnte.
Zu meinem Glück erwiesen sich die zwei Damen von der Nachbarbank jedoch als äußerst gnädig und ließen sich trotz meines Fehlverhaltens auf einen Smalltalk ein, IC versteht sich. Sie wünschten mir alles Gute und ich ging davon. Jawohl, "ging", wie es sich für das Rollenspiel ziemte.


Mit dem neuen Wissen um die Möglichkeit des Gehens sah ich Sturmwind mit völlig neuen Augen. Die Gassen waren voll mit flanierenden Charakteren anderer Spieler, ich hatte sie vorher nur fälschlicherweise für NPCs gehalten. Während ich es gewohnt war, von Quest zu Quest zu hetzen oder vor zu mächtigen Gegnern wegzurennen, die ich in einem Anflug von Größenwahn angegriffen hatte, hatten es die Leute auf Rollenspielservern anscheinend nicht so eilig.
Ich gesellte mich einigen Grüppchen hinzu und verfolgte ihre Unterhaltungen. Was die Themen anging, so unterschied sich die Welt des Warcraft in keiner Weise von der irdischen. Das Wetter, Klatsch und Tratsch sowie kleine Wehwehchen standen ganz hoch im Kurs. Da mich nichts so recht fesselte, beschloss ich, der Stadt erst einmal den Rücken zu kehren und das nächste Dorf zu erkunden.

Der Kneipenschreck

Ich schlenderte einen gemütlichen kleinen Weg entlang, umgeben von Wald und Schafen. Hier und da hoppelten kleine Häschen, in der Ferne heulten Wölfe. Die Reise endete in einem Dörfchen namens Goldhain. Zielsicher steuerte ich die Kneipe an und wurde nicht enttäuscht – hier tobte das Leben.
Anders als erwartet bekam ich jedoch mehr Aufmerksamkeit als mir lieb war. Kaum eingetreten, schon waren alle Blicke auf mich gerichtet. Einige der Gäste stießen Laute des Entsetzens aus, andere duckten sich sogar. Was hatte ich denn nun schon wieder angestellt?
Noch bevor ich darüber nachdenken konnte, kamen zwei Wachleute herbei und fragten mich tadelnd, was ich in voller Rüstung und bewaffnet in einem Gasthaus zu suchen hätte. Merkwürdige Frage – wie sollte ich denn sonst herumlaufen, etwa nackt? Nein, wurde mir erklärt, aber in zivil und ohne Kriegswerkzeug. Einsichtig legte ich meine Waffen ab (die Rüstung ließ ich lieber an, ich wollte mir nicht den nächsten Ärger durch öffentliche Bekleidungslosigkeit einhandeln) und entschuldigte mich artig. Das war knapp!
Erschöpft setzte sich meine Kriegerin auf einen Stuhl. Auch ich brauchte erst einmal eine Pause: Logout.

Virtuell verkatert

Erholt und gut gelaunt loggte ich mich am selben Abend wieder ein. Was die Rollenspieler wohl am Abend so treiben würden?
Von meinem Stuhl aus betrachtete ich zunächst das gut gefüllte Gasthaus. Zahlreiche Charaktere versammelten sich vor dem Feuer und unterhielten sich über das Reisen, während sie von einer netten Dame mit Häppchen bewirtet wurden. Besonders ins Auge stach mir ein junger Nachtelf, der wie besessen zwischen den Tischen hin und her tigerte. Erst dachte ich, er hätte Schmerzen, aber als ich den Bierkrug in seiner Hand und Erbrochenes auf dem Boden sah, wurde mir klar, dass er höchstens unter seelischen Qualen litt. Ich trat näher. Gerade als ich ihn IC begrüßen wollte, beugte er sich vor und entleerte seinen Mageninhalt auf meinen Schuh. Faszinierend! Aus eigener Erfahrung wusste ich um die Wirkung alkoholischer Getränke im Spiel – verschwommener Blick, torkeln, Sprach- beziehungsweise Tippfehler und praktischerweise aufgeputschte Fähigkeiten. Aber sich übergeben? Mein nächster Schritt war klar: Ich musste der Sache empirisch auf den Grund gehen und kaufte Bier.
Etliche Krüge später konnte ich auf dem Bildschirm kaum noch etwas erkennen, dennoch ließ der gewünschte Effekt auf sich warten. Mir blieb nichts anderes übrig, als Nachschub zu besorgen. Keine leichte Aufgabe, denn durch die eingeschränkte Sicht und den wackeligen Gang verfehlte ich die Wirtin einige Male. Zur allgemeinen Verärgerung rannte ich zudem mehrfach durch andere Kneipengäste hindurch, was im Rollenspiel als äußerst unhöflich gilt. Um der ganzen Unternehmung die Krone aufzusetzen, begann sich mein Kopf auch offline zu drehen und Übelkeit stellte sich ein. Sei es drum: Ich blieb tapfer. Noch ein Schluck und noch einer ... Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit flog das teure Bier wieder aus mir heraus und der Bildschirm hörte auf zu schwanken. Was für eine Erlösung!
Da mein Alkoholexzess den anderen Gästen nicht verborgen blieb und ich keinen Applaus zu erwarten hatte, verließ ich etwas beschämt, dafür mit klarem Blick, die Kneipe.
Ehe ich darüber nachdenken konnte, wohin ich eigentlich wollte, stieß ich geradewegs auf eine "Menschen"menge. So weit das Auge reichte, überall waren Charaktere.

Sextourismus in Goldhain?

Ungläubig blickte ich auf den vor mir liegenden See, an dem üblicherweise nicht einmal ein einsamer Angler anzutreffen war. Nun, im Licht des Mondes, schien er der Hotspot für sämtliche Einwohner der Welt des Warcraft zu sein. Dicht gedrängt standen sie am Ufer und unterhielten sich. Hier und da wurde ein Lagerfeuer angezündet, an dem Nachtelfinnen – lediglich in Unterwäsche oder wahlweise mit hohen Stiefeln bekleidet – unter Jubelrufen tanzten. Auch die anderen Charaktere trugen spärliche, jedoch durchaus originelle Kleidung. Entzückt von der Modevielfalt ging ich durch die Reihen und musterte die Garderobe. Die im Spiel integrierte Charakterinfo verriet mir, dass es sich bei vielen Outfits um Festtagsbelohnungen und selbst geschneiderte Werke handelte. Auch so eine Sache, die ich bisher nie beachtet hatte ... Gerade als mein Blick auf einem langen, schwarzen Kleid mit großzügigem Herzausschnitt hängen blieb, wurde ich daran erinnert, dass nicht nur ich die anderen Spieler sehen konnte, sondern sie auch mich – ich wurde angesprochen. Besser gesagt, angeflirtet. Die Sprache kam schnell auf meine etwas dunklere Hautfarbe, die bei meinem "Gesprächspartner", ein schnurrbärtiger Typ im Piratenoutfit, die Hoffnung erweckte, ich gäbe exotische Massagen. Am besten oben in einem der Gästezimmer der Kneipe. Ich lehnte höflich ab und konzentrierte mich auf die Gespräche der anderen.
Wie ich feststellte, war auch hier häufig von Massagen die Rede oder es wurde frei heraus nach einer Begleitung für die Nacht gesucht. Direkt vor meinen Augen gelang es einem rothaarigen Zwerg, eine Draenei mit nackten Hufen abzuschleppen, sie machten sich auf den Weg zum Gasthaus.


Mein Hirn lief auf Hochtouren. Wie sollte das alles gehen? World of Warcraft war weder Second Life noch Sims mit entsprechenden Animationen, außer Luftküsschen zuwerfen lief hier nichts. Oder doch? Ach, was soll's, dachte ich mir, mein Ruf ist eh dahin. Ich folge ihnen einfach und schaue, was passiert. Kurzentschlossen verwarf ich das rollenspielkonforme Gehen, ging zum Rennen über und erklomm die Treppe zum ersten Stock. Ich hatte die Kneipenbesucher, denen meine Verfolgung nicht verborgen blieb, völlig vergessen. Während sich einige über das Herumgerenne beschwerten, riefen mir andere nach, dass die Zimmer bereits besetzt seien. Zu spät, ich war schon oben.
Tatsächlich, alle Zimmer beziehungsweise Betten waren belegt. Zu sehen war, wie vermutet, nichts. Nichts außer einer Menschenkriegerin, die ungebeten am Bettende stand. Dies bemerkte auch der Zwerg und bat mich freundlich hinaus. Genug Rüpelhaftigkeit für heute, dachte ich und folgte der Aufforderung. IC wünschte ich einen schönen Abend, OOC entschuldigte ich mich und schilderte meine Motivation für die Verfolgung. Der Zwerg klärte mich netterweise auf und erläuterte augenzwinkernd, dass sich alles, was über den Luftkuss hinausgeht, im Chat abspiele.
Erfreut darüber, das Rätsel gelöst zu haben, loggte ich mich vor der Kneipe aus.

Ein Tag ohne Skandal

Am nächsten Tag beschloss ich, das Rollenspiel noch einmal aus morgendlicher Sicht zu betrachten.
Noch immer war Goldhain gut besucht, jedoch herrschte eine gänzlich andere Atmosphäre als am Vorabend. Ich konnte weder tanzende Halbnackte entdecken noch drehten sich die Gespräche um Massagen. Tagsüber, so schien es, war Goldhain nicht Pilgerstätte des Sextourismus, sondern "gutbürgerlicher Versammlungsort". Hier und da saßen kleine Grüppchen zusammen und picknickten, andere standen im Halbkreis und unterhielten sich über ihre Geschäfte. Auch die Garderobe unterschied sich – es war nichts mehr zu sehen von Herzausschnitten oder gänzlich fehlendem Stoff, die Herren trugen elegante Hemden und die Damen Sommerkleider.
Ich selbst versuchte mich zu benehmen, war angemessen gekleidet und waffenlos, rannte weder herum noch durch andere Charaktere hindurch und wusste IC und OOC zu unterscheiden. Der Vormittag ging mit netten Plaudereien vorüber und dank meines neuen Wissens konnte ich Skandale vermeiden.


Kerker, Hochzeit mit einem Oger? Nichts ist mehr zu fürchten als die Etikette, wie ich nun weiß. Ob ich mich jemals in echte Wälder trauen werde?

Autor seit 7 Jahren
9 Seiten
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