Rückkehr ins Wunderland

Wieder folgt sie dabei dem weißen Kaninchen und purzelt durch ein Erdloch, das direkt ins Wunderland führt. Dort erwarten sie unangenehme Überraschungen: Die einst fröhliche Welt ist zum Hort der Düsternis und Schwermut verkommen. Schuld daran trägt die despotische Rote Königin (Helena Bonham Carter), die mit der ihr eigenen Boshaftigkeit über das Phantasiereich herrscht.

Die einzige Hoffnung auf Freiheit der Unterdrückten stellt ausgerechnet Alice dar, wie ihr der verrückte Hutmacher (Johnny Depp) erklärt. Denn gemäß einer alten Weissagung sei sie die Auserwählte, die dereinst den Jabberwocky erschlagen und die Rote Königin entmachten werde. Natürlich ist die junge Frau von diesen Aussichten alles andere als begeistert. Aber ehe sie sich versieht, steckt sie mittendrin in einer Intrige zwischen Gut und Böse.

Deutscher Trailer "Alice im Wunderland"

Alice im Wunderland: Tim Burtons feministische Version

Lews Carrolls zeitloser Klassiker

Zum bereits 25. Mal wurde Lewis Carrolls Literaturklassiker "Alice im Wunderland" verfilmt. Die wohl berühmteste stellte die Disney-Adaption von 1951 dar, die seinerzeit allerdings floppte und erst viel später die verdiente Würdigung erfuhr. Da konnte es nicht ausbleiben, dass sich Hollywood erneut des weltweit bekannten und beliebten Stoffes annahm. Kein anderer als Regie-Exzentriker Tim Burton sollte die Story rund um die störrische Alice in die Moderne übertragen.

Der betriebene Aufwand lässt keine Wünsche offen: Das Special-Effects-Feuerwerk zündet schon nach wenigen Minuten, der Streifen kommt in hippem 3D daher, Johnny Depp verkörpert den verrückten Hutmacher und Pop-Sternchen Avril Lavigne trällerte den belanglosen Titelsong. Gespart wurde einzig und allein am Drehbuch – wieder einmal!

 

Alice Schwarzer im Wunderland

Was zeichnet eigentlich viele Verfilmungen von Lewis Carrolls Buchklassiker aus? Richtig: Der anarchistische Charme und jede Menge Humor! Ausgerechnet Tim Burton formte aus dem quietschbunten Kinderbuch ein düsteres Coming-of-Age-Drama, das auf Grund der Gewaltdarstellungen ironischerweise das ganz junge Publikum ausschloss. Nicht, dass die Idee, eine erwachsene Alice in das phantastisch-skurrile Reich zurückkehren zu lassen, automatisch zum Scheitern verurteilt wäre. Doch Tim Burtons "Alice im Wunderland" hinterlässt trotz optischer Brillanz einen mehr als schalen Nachgeschmack.

Schuld daran trägt das triste Drehbuch mit seinem seltsamen, pseudo-feministischen Spannungsbogen: Alice Schwarzer im Wunderland, gewissermaßen. Mit verbissener Miene mausert sich Heiratsverweigerin Mia Wasikowska vom blass-grauen Mäuschen zur Action-Heroine, die den Kampf mit dem Jabberwocky aufnimmt. Geharnischt, mit dem Schwert in der Hand, wie es sich für eine echte Frau geziemt.

Spaß? Freude am Leben? Pustekuchen! Das Leben ist kein Zuckerschlecken, vor allem nicht für eine arme, unterdrückte Frau im spießigen England des 19. Jahrhunderts. Während die Nicht-Geburtstagsfeier des verrückten Hutmachers in Disneys Zeichentrickklassiker von 1951 eine wahnwitzige Gagabfolge ist, versprüht jene Feier in Tim Burtons "Alice im Wunderland"-Version den Charme eines Leichenschmauses. Lachen und Vergnügen sind im prä-feministischen Befreiungskampf verboten.

 

Alles für die Grinsekatz'!

Mit bitterer Konsequenz entfernte Burton jedes Quäntchen Spaß aus der Story und nötigte seine Darsteller, möglichst leidvoll und verbittert zu wirken. Mit einer Ausnahme: Helena Bonham Carter darf sich als Rote Königin mit lustvoller Boshaftigkeit austoben. Ihre Gegenspielerin ist die gute Weiße Königin, Anne Hathaway, die aussieht, als wäre sie in einen Pudertopf gefallen.

Schlimmer erwischte es nur Johnny Depp in seiner Rolle des verrückten Hutmachers: Wenn durch eine abartige Laune der Natur Krusty, der Clown, und Alfred E. Neumann ein Kind zeugen könnten, wäre es die Idealbesetzung für Tim Burtons "Alice im Wunderland". Freilich müsste es vorher noch mit Depressiva abgefüttert werden, um unablässig weinerlich herumzustaksen und seine gesamte Umwelt in tiefste Agonie zu stürzen.

Die Auftritte der "Grinsekatze" reduzieren sich auf ein Minimum. Man kann ihr diese vornehme Zurückhaltung nicht verübeln, angesichts des tristen Leinwandergebnisses.

Fazit nach über 100 Minuten: Tim Burtons "Alice im Wunderland" ist eine der ganz großen und bitteren Enttäuschungen des Filmjahres 2010. Zwar gibt der enorme Erfolg – Einspielergebnis: Eine Milliarde Dollar – den Produzenten scheinbar Recht. Aber insbesondere in hiesigen Breiten wird Ernsthaftigkeit mit grenzenloser Apathie und depressiver Grundstimmung gleichgesetzt, was dieser Film hervorragend beweist.

Alice ist nicht nur erwachsen, sondern auch verkniffen, besserwisserisch und schlichtweg zum Gähnen fade geworden. Angesichts dessen wünscht man sich denn doch wieder die naive, aber fröhliche Alice samt neckischer Grinsekatze zurück.

PS: Unglaublich, aber wahr. 1976 erschien sogar ein Porno-Musical basierend auf "Alice im Wunderland".

Originaltitel: "Alice in Wonderland"

Regie: Tim Burton

Produktionsland und -jahr: USA 2010

Filmlänge: ca. 108 Minuten

Verleih: Walt Disney

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Deutscher Kinostart: 4.3.2010

Autor seit 6 Jahren
835 Seiten
Laden ...
Fehler!