Schenken als Kommunikation

Zunächst ist festzustellen, dass es sich beim Schenken um eine Form der zwischenmenschlichen Kommunikation handelt. Das heißt: Wer schenkt, sendet dem Beschenkten eine Botschaft, und dieser muss darauf reagieren, weil es sich hier um einen konkreten, sichtbaren Gegenstand handelt, den er nicht ignorieren kann. Und auch wenn der Beschenkte das Geschenk nur stillschweigend entgegennimmt und weiter keine Reaktion zeigt oder wenn er gar die Annahme des Geschenks verweigert, gibt er auf jeden Fall eine Antwort, die für den Schenkenden sehr aufschlussreich ist. So kann, wenn der Beschenkte das Geschenk nicht annimmt, die ganze Beziehung zwischen ihm und dem Schenkenden ins Wanken geraten. Denn eine Ablehnung des Geschenks ist mit Sicherheit nicht das, was der Schenkende erwartet hat, und er fühlt nicht nur sein Geschenk, sondern sich selbst zurückgewiesen.

Die Motive des Schenkenden

Um die Enttäuschung über ein zurückgewiesenes oder nur "mit gemischten Gefühlen" aufgenommenes Geschenk zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, was genau Menschen dazu motiviert, anderen etwas zu schenken, was für eine Botschaft also mit dem Geschenk gesendet wird. Und zwar kann Schenken dazu dienen, positive Gefühle wie Liebe, Zuneigung, Wohlwollen und Solidarität auszudrücken. Schenken hat folglich etwas mit Einfühlungsvermögen und Altruismus zu tun. Schenken kann aber auch dazu genutzt werden, Gefühle zu provozieren, nämlich Gefühle von Glück und Zufriedenheit, und zwar – und das ist von besonderer Bedeutung - auf beiden Seiten. Das heißt: Wenn es dem Schenkenden gelingt, dem anderen mit dem Geschenk einen Herzenswunsch zu erfüllen und dieser sich wirklich über das Geschenk freut, freut der Schenkende sich mit. Jemanden glücklich zu machen, macht selber glücklich. Man kann vielleicht sogar sagen, dass Menschen vor allem deshalb Geschenke machen, weil sie selbst glücklich und mit sich zufrieden sind, wenn sie andere glücklich machen. Man kann in diesem Zusammenhang von einer intrinsischen Motivation sprechen. Zusätzlich kann der Schenkende auch noch mit der Dankbarkeit des Beschenkten rechnen sowie erwarten, dass der Beschenkte sich mit einer Gegengabe revanchieren wird. Beim Schenken geht es also um einen Austausch materieller und immaterieller Güter, durch den die Beziehung zwischen Schenkendem und Beschenktem gestärkt wird. Wie heißt es so schön: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.

Die Instrumentalisierung des Schenkens für fremde Zwecke

Es gibt Formen des Schenkens, bei denen das Schenken seinen eigentlichen Charakter verliert und für bestimmte Zwecke, die mit dem Schenken nichts zu tun haben, instrumentalisiert wird. Man kann hier von einer extrinsischen Motivation sprechen. Dies ist z.B. der Fall, wenn man dem anderen signalisieren will, was gut für ihn ist, ihn mit dem Geschenk bevormunden möchte und nicht auf seine Wünsche eingeht. Es ist sogar vorstellbar, dass der Schenkende mit seinem Geschenk beim Gegenüber explizit negative Gefühle hervorrufen will, etwa wenn er mit einem teuren Geschenk deutlich macht, dass der Beschenkte sozial und finanziell unter ihm steht. In diesem Fall soll also durch ein teures Geschenk ein Gefälle hinsichtlich Macht, Einfluss und Status zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten demonstriert werden, um den Beschenkten zu demütigen und zu beleidigen. Denn dieser hat ja keine Chance, sich jemals mit etwas Gleichwertigem zu revanchieren. Manche Menschen missbrauchen auch Geschenke zur Selbstdarstellung, machen also Geschenke, um etwa ihren guten Geschmack oder ihr Wissen über bestimmte Dinge zur Schau zu stellen. Vollends in sein Gegenteil verkehrt wird das, was man unter einem Geschenk versteht, beim sogenannten Danaer-Geschenk. Das heißt: Ein Danaer-Geschenk ist eine Gabe, das sich für den Empfänger als unheilvoll und schadensstiftend erweist. Urbild des Danaer-Geschenks ist das trojanische Pferd, mit dessen Hilfe die Danaer – wie Homer die Griechen in seiner Schilderung des Krieges um die Stadt Troja genannt hat - Troja schließlich eroberten. Eine moderne Variante des Danaer-Geschenks wäre, wenn jemand einem Alkoholiker, der verzweifelt versucht, von seiner Sucht zu loszukommen, Spirituosen schenkt. Schenken ist also nicht immer selbstlos und gut gemeint. Man kann mit Geschenken Wert-oder Geringschätzung ausdrücken oder sogar die Absicht verbinden, den Beschenkten zu beschämen und zu verletzen.

Die gesellschaftliche Bedeutung des Schenkens

Grundsätzlich ist jedes Geschenk die Antwort auf ein anderes Geschenk und zieht wieder eine Antwort nach sich. Daraus ergibt sich das Prinzip der Gegenseitigkeit, das dem Schenken zugrundeliegt. Mit dem Prinzip der Gegenseitigkeit ist implizit die Vorstellung verbunden, dass, wenn wir anderen Menschen etwas Gutes tun, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass diese uns auch Gutes tun oder zumindest nichts Böses. Das heißt auch: Das Prinzip der Gegenseitigkeit hält die Menschen zusammen. Der Austausch von Geschenken, das Netz aus Geben und Nehmen, ist die Grundlage für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Erst durch den Austausch von Gaben hat sich überhaupt eine friedliche Zivilisation entwickelt. Vorher hat sich der Stärkere mit Gewalt genommen, was er wollte. Das Schenken, das seinem eigentlichen Zweck dient, nämlich die Beziehung zwischen dem Schenkendem und dem Beschenkten zu stärken, kann in seiner gesellschaftlichen Bedeutung folglich nicht hoch genug eingeschätzt werden. Indem Geschenke den Beschenkten signalisieren, dass sie respektiert, gemocht oder geliebt werden und indem das Glück der Beschenkten auch die Schenkenden glücklich macht, erfüllen Geschenke also eine enorm wichtige gesellschaftliche Funktion.

Wie schenkt man nun "richtig"?

Aus den bisherigen Überlegungen ergibt sich eine bestimmte Strategie für das "richtige" Schenken. Und zwar sollte man grundsätzlich nur Menschen etwas schenken, die einem wirklich etwas bedeuten und denen man wirklich eine Freude machen möchte. Denn nur in diesem Fall wird der Schenkende ein offenes Ohr für die Wünsche seines Gegenüber haben und sich genau überlegen, womit er den anderen glücklich machen kann. Und dazu gehört, dass das Geschenk das "rechte Maß", aber auch eine gewisse Qualität haben muss, also den Beschenkten nicht überfordern, aber auch nicht enttäuschen darf, damit dieser sich wirklich darüber freuen und sich bei Gelegenheit mit einem passenden Geschenk revanchieren kann. Umgekehrt folgt daraus: Wenn man nur aus einem Pflichtgefühl heraus schenkt, weil einem das Gegenüber eigentlich gleichgültig ist, fällt die Wahl oft auf etwas Unpassendes, und man kann dann keine positiven Reaktionen erwarten. Wenn man jedoch jemandem, der einem nicht wirklich nahe steht, doch einmal etwas schenken "muss", sollte man auf etwas "Neutrales" ausweichen, das eigentlich "immer gut ankommt", wie z.B. Blumen oder Pralinen. Auch Geldgeschenke sind längst nicht mehr verpönt. Schenken verfehlt allerdings völlig seinen Zweck, wenn man jemandem nur etwas schenkt, um ihn zu ärgern oder bloßzustellen. Denn dann schürt man Aggressionen und Rachegelüste, so dass ein gedeihliches Miteinander nicht mehr möglich ist.

Die "richtige" Reaktion des Beschenkten

Bleibt die Frage nach der adäquaten Reaktion des Beschenkten. Denn ebenso wie der Schenkende bei der Auswahl der Geschenke Fingerspitzengefühl beweisen muss, sollte auch der Beschenkte angemessen reagieren, wenn ihm an einer harmonischen Beziehung zum Schenkenden gelegen ist. Dies gilt vor allem dann, wenn das Geschenk den Erwartungen des Beschenkten einmal nicht entsprechen sollte. Das bedeutet nicht, dass der Beschenkte dem Schenkenden etwas vormachen, also vortäuschen sollte, dass er sich freut, während er in Wirklichkeit enttäuscht ist, sondern der Beschenkte sollte auf jeden Fall die guten Absichten des Schenkenden honorieren und darauf vertrauen, dass der Schenkende "lernfähig" ist, also selber erkennen wird, dass sein Geschenk ein "Missgriff" war und er "noch mehr hinhören muss", wenn sein Gegenüber Wünsche äußert.

Der Unterschied zwischen Geschenken, Almosen und Spenden

Bei Geschenken, Almosen und Spenden handelt es sich gleichermaßen um Gaben, die Menschen umsonst hergeben. Dennoch gibt es hier, was die Adressaten der jeweiligen Gratisgabe betrifft, beträchtliche Unterschiede. So besteht nur bei Geschenken eine persönliche Beziehung zwischen Geber und Empfänger. Die Empfänger von Almosen sind für den Geber in der Regel Fremde, und bei den Empfängern von Spenden handelt es sich um keine Einzelpersonen, sondern um – zumeist gemeinnützige - Organisationen. Entsprechend unterschiedlich sind die Motive, die dem Schenken, dem Geben von Almosen und dem Spenden zugrundeliegen. Das heißt: Während das Schenken der Vertiefung der Beziehung zwischen zwei Personen dient, soll durch Almosen einer bedürftigen Person geholfen werden, und durch Spenden soll die Arbeit einer Organisation unterstützt werden, mit deren Zielen der Geber übereinstimmt.

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Alle Bilder: Pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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