Definition

Der Trickster ist eine Figur, ein Modell für menschliche Verhaltensweisen, die von Doppeldeutigkeit, Kreativität, Rationalität, Einfallsreichtum, Amoralität bestimmt ist. Der Trickster ist boshaft und lustig, komisch und tragisch, weise und kindisch. C. G. Jung schreibt über ihn: "Der Tickster ist eine Figur, deren körperliche Begierden für sein Verhalten bestimmend sind; er hat die Mentalität eines Kindes, er ist grausam, zynisch und gefühllos."1 Aber das Gegenteil gilt ebenso: Kinder sind auch lustig, verspielt, hypermoralisch.
Im Alltag begegnet man überall Tricks, mit denen Menschen sich Vorteile verschaffen oder Nachteile verhindern wollen. Tricks, mit denen man Karriere macht und andere vernichtet. Tricks, mit denen man eigenes Versagen beschönigt und sich selbst belügt. Die Tricks legitimieren die selbstbezogenen Taten und die unverantwortlichen Spielereien, legitimieren das Leben nach dem Prinzip von "Lust und Dollerei". Spaß haben und machen ist die Lebensleitlinie von Trickstern; man lacht über die Verlierer und ist selber einer.

Diese nach Jung kindischen Verhaltensweisen sind Ursache für die Verwirrungen auf der Welt. Vermeiden kann man sie, wenn man die kindischen Spielereien lässt und "reif" wird.2

  

1 C. G. Jung, S. 112 2. Lesenswert: http://www.lutzdeckwerth.de/2012/01/12/der-trickster-erobert-die-gesellschaftlichen-leitfiguren/; 28.02.2013

Trickster im Christentum: der Teufel

Das Wort Teufel stammt von dem griechischen Diábolos ab und bedeutet "Durcheinanderwerfer, Verwirrer, Verleumder". Während Gott in sieben Tagen die Welt geordnet hat, versucht der Teufel die Welt wieder ins Chaos zu stürzen. Im Christentum steht er für das Böse schlechthin. Er hat sich als Engel gegen Gott empört und wurde deshalb in die Hölle verbannt, von wo aus er die Menschen verführt. In der Bibel zeigt er sich in Gestalt der Schlange oder eines Drachen. 
Andere Wörter für ihn sind Satan und Luzifer. Satan (aus dem Hebräischen) bedeutet "Ankläger". Der Teufel erscheint vor dem göttlichen Gerichtshof, spielt den Ankläger und beschuldig den Menschen der Sünden. 
Eine andere Bezeichnung des Teufels ist das Wort Luzifer. Es kommt vom lateinischen Lux (Licht) und bedeutet Lichtbringer und Morgenstern, hat eine positive Bewertung. Bis zum Mittelalter wandelte sich der Begriff zur Bezeichnung des Teufels. Das Bild des Höllensturzes des Engels, der wie Gott sein wollte, und des Sturzes von Phaethon, der wie sein Vater den Sonnenwagen lenken wollte, bestimmte die Begriffsänderung. Der Morgenstern stürzt (wie der Teufel) vom Himmel, weil er überheblich war.

Der Teufel im Christentum ist das Böse, das gegen das Gute und Gott kämpft.

Narr und Einsiedler: Simplicius Simplicissimus

"[...] dann ich kannte weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Hölle und wußte weder Gutes noch Böses zu unterscheiden."1 Als solche törichte Seele beginnt Simplicius Simplicissimus im Werk von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676) "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" (1668/9) sein Leben. Das führt ihn durch alle Höhen und Tiefen des 30jährigen Kriegs. Als Schwindler, als Dummer, als Raffinierter und als schlichte Seele rettet er sich vor dem Untergang in einer wirren Welt in die Einsiedelei. Er nützt die Chancen zu Reichtum, Macht und Einfluss und verliert sie. Zahlreiche Rollen spielt er als "Narr ", eine dem Trickster sehr nahe verwandte Figur. Seine Ambivalenz, seine Spielhaftigkeit und Anpassungsfähigkeit lassen ihn Gefahren überleben. Trickster zu sein, lehrt dieses Buch, ist notwendig, um zu überleben. Die Sehnsucht nach der Einsiedelei ist die Kompensation der Verfallenheit an die Welt, in der man spielen muss. Der Überdruss an Lebensgenuss verwandelt sich in Lebensekel, den man durch Reduktion des Überflüssigen bekämpfen kann, im Kloster, in der Einsiedelei.

 

1Grimmelshausen, S. 18

Der Herr der Negation: Mephisto

Mephisto wettet mit Gott, dass er Faust zur Sünde verführen könnte. Damit will er Gott beweisen, dass seine Schöpfung schlecht ist. Mit vielen Tricks lenkt Mephisto sein Opfer durch die Vergnügungen der Welt und richtet dabei viel Schaden an (Gretchen). Die Seele von Faust wird von Engeln gerettet, Mephisto ist der Verlierer.

Als Theaterfigur zeigt sich Mephisto in "Faust" (1808) von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) in seiner zynischen Kritik an den Menschen und der Schöpfung durchaus hellsichtig. Mit seinem zersetzendem Humor deckt er die Schwächen von Mensch und Welt, also der Schöpfung Gottes, auf. Der Glaube ist auf das Wort angewiesen: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." (Johannes 1,1). Die Antwort von Mephisto darauf lautet:

"Mit Worten läßt sich trefflich streiten,

Mit Worten ein System bereiten.

An Worte läßt sich trefflich glauben,

Von einem Wort soll man kein Jota rauben."1

Typisch für den Trickster ist, dass er Böses will und Gutes schafft, dass er betrügt und lügt, viele Rollen spielt, amoralisch ist und der Welt einen Spiegel vorhält, in dem sie sich erkennen soll, um sich zu bessern. Trickster fungieren als eine moralisierende Instanz, die ex negativo den Menschen Sittlichkeit beibringen sollen.

 

1. Goethe, S. 67

 

 

 

Trickster im Militär: Der Hauptmann von Köpenick

"Aber der Mensch, der Mensch fängt erst beim Leutnant an."1 Will man in der Gesellschaft etwas werden, stellt man den äußeren Schein her: Im wilhelminischen Zeitalter war das die Uniform. Durch sie gelang es dem vorbestraften und armen Friedrich Wilhelm Vogt am 16. Oktober 1906, die militärische Ordnung und Bürokratie durcheinanderzubringen. Mit der gekauften Uniform eines Hauptmanns führte er einen Zug Soldaten in das Rathaus in Köpenick. Dort erzwang er sich die Herausgabe der Stadtkasse mit 3557,45 Mark und wollte einen benötigten Auslandspass, den es dort aber nicht gab.  Viele Amtsträger im Rathaus unterwarfen sich seinem Diktat: "Kleider machen Leute." Nach einigen Tagen wurde Vogt verhaftet, verurteilt und vom Kaiser Wilhelm II., der die ganze Geschichte sehr lustig fand, begnadigt.

In dem Stück von Carl Zuckmayer (1896-1977) spielt die soziale Komponente eine besondere Rolle. Der "Hauptmann von Köpenick" (Uraufführung 1931) ist ein Betrüger aus Notwendigkeit, der um seine Existenz kämpft. Er benötigt einen Pass, um nicht im Dschungel der Bürokratie unterzugehen. Die Situation des Hauptmanns legitimiert die Anwendung von Lug und Trug. Tricksterexistenz als Notwehr!

 

1. Zuckmayer, S. 49

Interview des Tricksters

WolfHein: Schön, Herr Trickster, dass Sie für uns Zeit gefunden haben.
Trickster: Zeit ist mein Element. Mit meiner Schnelligkeit überwinde ich Zeit und Raum. Denken Sie an Hermes, den Götterboten. Ich habe nie Zeit, bin immer unterwegs, immer was Neues suchen.
WolfHein: Wie kam es dazu, dass Sie aus der Rolle gefallen sind als Prometheus zum Beispiel oder als Judas?
Trickster: Meine Kreativität ist zu groß. Denken Sie doch an den langweiligen Zeus, immer nur Weiber. Ich war neugierig, ich wollte etwas lernen und sehen. Wenn man solche Erfahrungen in der Welt gesammelt hat wie ich, findet man die heimische Gesellschaft öde. Deshalb habe ich Unruhe gestiftet, damit etwas los ist und nicht alle einschlafen.
WolfHein: Sie haben viel Unglück über die Menschen gebracht?
Trickster: Welches denn? War das Feuer, das ich den Menschen brachte, ein Unglück? Bin ich als Teufel nicht derjenige, der die Menschen durch Erzeugung von Angst vor der Hölle dem Himmel zutreibt? Sorge ich nicht als Till Eulenspiegel dafür, dass die Menschen über sich nachdenken?  Schaffe ich nicht wenigstens so viel Gutes wie Böses?
WolfHein: Stellen Sie sich als ein Freund der Menschen dar?
Trickster: Nein, nicht Freund. Ich bin wie die Menschen. Im Unterschied zu ihnen stehe ich zu meinen Betrügereien und mache sie öffentlich. Sie tun genau dasselbe wie ich, verstecken, verdrängen und verleugnen es jedoch. Wie viele Ihrer Mitmenschen betrügen das Finanzamt? Die Frau? Machen den Arbeitskollegen fertig, damit sie seinen Job kriegen? Was machen Menschen nicht alles für Geld? Nein, ich bin wie sie, ich bin ein Teil von ihnen, ihr Schatten, ihre negative Seite, die die Scheinheiligen nicht wahrhaben wollen. Deshalb schimpfen sie auf mich. Aber ich bin sie. Nur: Ich bin nicht feige. 
WolfHein: Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Trickster: Im rosigen Schein. Ach, wenn ich an gewisse Politiker denke oder an Sportler oder an Banker oder an Ihren Nachbarn...
WolfHein? Was ist mit dem?
Trickster: Nun, er ist gerade bei Ihrer Frau...

Literatur/Bildnachweise

Jung, C. G.: Der Mensch und seine Symbole, Olten 1968

von Goethe, Johann Wolfgang: Faust, Hamburg 1963

von Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch, Frankfurt/M. 2009

Vorgrimmler, Herbert: Geschichte der Hölle, München 1993

Zuckmayer, Carl: Der Hauptmann von Köpenick; Frankfurt/M. 2012

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