Seelenverwandtschaft und Freundschaft

Bei der Begegnung von Seelenverwandten scheint der erste Blickkontakt eine zentrale Rolle zu spielen. Das heißt: Zwei Menschen begegnen sich irgendwo, beispielsweise in einem überfüllten Kaufhaus, in einem öffentlichen Verkehrsmittel oder auch im Ausland, ihre Blicke treffen sich, und ein verwirrendes Gefühl von Vertrautheit steigt auf. Man kann deshalb auch von "Freundschaft auf den ersten Blick" sprechen. Für manche bleibt es bei der kurzen, intensiven Begegnung, bei anderen entwickelt sich daraus eine lebenslange freundschaftliche Beziehung. Seelenverwandtschaften scheinen zudem völlig unabhängig zu sein von Gemeinsamkeiten wie Alter, Sozialschicht, Bildungsniveau, politische Couleur etc., wie sie für "normale" Freundschaften charakteristisch sind. Es scheint sogar eine Seelenverwandtschaft gerade da als besonders intensiv wahrgenommen zu werden, wo die Betroffenen im Hinblick auf die genannten Kriterien überhaupt nicht zusammenpassen. Das zeigt, dass bei einer Seelenverwandtschaft etwas anderes viel wichtiger ist, nämlich ähnliche Charakterzüge und Empathie, d.h. die Fähigkeit, die Emotionen und Gedanken des anderen zu erkennen und entsprechend einfühlend darauf zu reagieren. Seelenverwandtschaft geht deshalb auch einher mit einem großen Gespür für die Bedürfnisse des anderen. Das heißt: Seelenverwandte verstehen sich ohne große Worte und reagieren aufeinander so sensibel, dass der eine weiß, was der andere möchte, ehe dieser es ausgesprochen hat. Es handelt es sich hier um die Fähigkeit zur inneren Kommunikation ohne Worte.

Seelenverwandtschaft und Liebe

Grundsätzlich empfinden Seelenverwandte eine Faszination und ein Vertrauen, die weit über Verliebtheit und sexuelle Anziehung hinausgehen. Daraus kann sich jedoch eine tiefe Liebe, eine "Seelenliebe", entwickeln, die zur Basis wird für eine Liebesbeziehung oder sogar für eine Lebenspartnerschaft. Andererseits scheint das Erlebnis von Seelenverwandtschaft weder eine Bedingung noch eine Garantie für Liebesglück im herkömmlichen Sinne zu sein. Und dies verweist auf den Unterschied zwischen der Seelenliebe und der "irdischen Liebe". Das heißt: Seelenliebe kann verbunden sein mit irdischer Liebe, also dem Eingehen einer "normalen" Liebesbeziehung. Aber es kann auch sein, dass man, wenn man einen Seelenpartner gefunden und sich in ihn verliebt hat, gar nicht mit ihm zusammen leben, also nicht den Alltag mit ihm teilen möchte, weil es einem genügt, hin und wieder etwas von ihm zu hören oder zu lesen. Die Seelenliebe braucht also nicht unbedingt eine Realität im Alltagsleben, während die irdische Liebe das gemeinsame Leben, den gemeinsamen Alltag benötigt. Ferner ist es auch nicht immer möglich, mit einem Seelenpartner eine Liebesbeziehung zu führen. Davon unberührt bleibt die besondere Tiefe und Intensität der Seelenliebe, ihre Bedingungslosigkeit. Denn auch wenn Betroffene mit ihrem Seelenpartner keine "normale" Liebesbeziehung eingehen, ist es ihr größter Wunsch, dass es ihrem Seelenpartner gut geht. Sie möchten den Seelenpartner in Glück und Zufriedenheit wissen. Bei der Seelenliebe ist deshalb die innere Verbundenheit viel größer als bei der irdischen Liebe. Hier fließen zusätzlich spirituelle Elemente in eine Liebesverbindung ein.

Wissenschaftliche Erklärungen von Seelenverwandtschaft/Seelenliebe

Aus der Perspektive der Wissenschaft wird zum einen argumentiert, dass das, was man als Seelenverwandtschaft bezeichnet, nicht mehr ist als ein besonders intensives Empfinden von Glück und Vertrauen, das durch die Ausschüttung einer ungewöhnlich großen Menge bestimmter Hormone und Neurotransmitter, nämlich von Serotonin und Oxytocin, ausgelöst worden ist. Und zwar bewirkt Serotonin das Entstehen von Glücksgefühlen und Oxytocin die Bildung von Vertrauen. Die Ursache für die Hormonausschüttung ist diesem Erklärungsmodell zufolge ein Zusammentreffen bestimmter äußerer Umstände mit einer bestimmten inneren Verfassung der Betroffenen. Zum anderen gibt es hier die These, dass der Eindruck, einen Seelenverwandten gefunden zu haben, darauf beruht, dass man dem, den man als Seelenverwandten empfindet, schlicht und einfach unterstellt, ebenso wie man selbst zu denken und zu fühlen. Diesem Erklärungsansatz zufolge bildet man sich also nur ein, einen Seelenverwandten gefunden zu haben, ist Seelenverwandtschaft nur eine Illusion, allerdings eine Illusion, die glücklich und zufrieden macht.

Der Mythos der Dualseele

Eine andere Erklärung beruht auf dem Mythos der Dualseele. Danach fühlt sich jeder Mensch, obwohl er eine vollständige, nämlich eine männliche und weibliche Seele hat, unvollständig, weil er sich des jeweiligen gegengeschlechtlichen Anteils, den er in sich trägt, nicht bewusst ist. Der Tiefenpsychologe C.G.Jung nennt diesen in uns wohnenden, unbewussten, gegengeschlechtlichen Anteil "Anima" (beim Mann), bzw. "Animus" (bei der Frau). Menschen, die unser Herz in besonderer Weise berühren, mit denen wir uns sofort verbunden fühlen, verkörpern für uns diese scheinbar fehlende Hälfte. Man kann auch sagen, dass unser innerer, unbewusster, "fehlender" Anteil von solchen Menschen gespiegelt wird und wir sie deshalb als "verwandte Seelen" empfinden. Das heißt: Seelenverwandte gleichen unserer "fehlenden Hälfte", und wir erkennen uns in ihnen wieder. Man kann hier auch vom "verlängerten Ich" sprechen.

Die Funktion von Seelenverwandten

Seelenverwandte sind sehr wichtig für die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit. Denn indem sie unser Innerstes widerspiegeln, "lernen" wir durch sie, wer oder was wir wirklich sind. Im Verhältnis zwischen Seelenverwandten spielen auch Aufrichtigkeit und schonungslose Ehrlichkeit eine große Rolle. Dabei geht es jedoch nicht darum, den anderen bloßzustellen, sondern ein Seelenverwandter bringt auch schon mal unangenehme Wahrheiten zur Sprache, damit das Gegenüber das verwirklichen kann, was in ihm steckt. Ein Seelenverwandter gibt so der anderen Person genau das, was sie gerade braucht, auch wenn die damit verbundene Selbsterkenntnis zunächst schmerzhaft sein kann. Das heißt: Durch seinen Seelenpartner kann man lernen, den Weg zu sich selbst zu finden. Seelenverwandte ermöglichen sich gegenseitig einen persönlichen Wachstums- und Reifungsprozess. Hinzukommen die besonderen Umstände, unter denen sich Seelenverwandte kennenlernen können. So tauchen Seelenverwandte oft in kritischen Situationen auf, um ihrem Gegenüber zu helfen.

Seelenverwandtschaft im Zeitalter des Internet

Was die Möglichkeiten betrifft, Seelenverwandten überhaupt zu begegnen, und auch die Neigung, überhaupt eine so tiefe Bindung einzugehen, wie sie für die Seelenverwandtschaft typisch ist, so gibt es unter Experten zum einen die Meinung, dass im Zeitalter des Internet die Seelenverwandtschaft zum "Auslaufmodell" werde, weil hier statt tiefer Verbindungen variable und instabile Netzwerk-Beziehungen gesucht würden, also Bekanntschaften, die rasch geknüpft und rasch wieder gelöst werden können. Die Menschen wären einfach nicht mehr dazu bereit, sich Zeit für Gefühle zu nehmen, der inneren Stimme zu vertrauen und nicht alles rational erklären zu wollen. Dem wird entgegengehalten, dass das Kennenlernen von Seelenverwandten nicht von persönlicher Nähe abhängig sei. Der Blickkontakt sei nicht unbedingt erforderlich, um in jemandem einen Seelenverwandten zu erkennen, sondern das sei auch möglich über Briefe und E-Mails. Deshalb könnte durch die Kommunikation über weltweite soziale Netzwerke die Wahrscheinlichkeit, Seelenverwandte zu finden, sogar noch erhöht werden.Man könnte noch hinzufügen, dass das vorherrschende rationalistische Weltbild längst in die Kritik geraten ist und die Menschen wieder empfänglicher werden für Phänomene, die sich einer rationalen Erklärung entziehen.

Fazit

Seelenverwandtschaft bedeutet, dass zwei Menschen auf gleiche Weise denken und fühlen und sich völlig vertrauen. Die Begegnung mit einem Seelenverwandten wird von den Betroffenen oft wie ein unerwartetes Geschenk, eine Überraschung oder sogar wie ein Wunder empfunden. Es kann sich dabei um einen kurzen Kontakt handeln, aber es kann sich daraus auch eine "Freundschaft fürs Leben" oder eine "lebenslange Seelenliebe" entwickeln. Seelenverwandte helfen und stärken sich gegenseitig in ihrem persönlichen Entwicklungsprozess.

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Alle Bilder: Pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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