Ungläubiges Staunen (Bild: Nemo/pixabay.com)

Allerlei Wundersames

Zunächst möchte ich zeigen, wie vielfältig die Lebensbereiche sind, in denen scheinbar Wunder auftreten können:

  • Wunderheilung. Hier geht es um die Heilung oder Linderung von schweren Erkrankungen, die medizinisch nicht zu erklären sind. Man kann dabei unterscheiden zwischen Heilungen, die mit dem Wirken "wundersamer Kräfte" an Wallfahrtsorten in Verbindung gebracht werden, und Heilungen, die Personen mit "übernatürlichen Fähigkeiten" zugeschrieben werden. Sozusagen der Urahn dieser Wunderheiler war Jesus von Nazareth, der ja, wie es in der Bibel beschrieben wird, unzählige Schwerkranke geheilt und sogar Tote auferweckt haben soll.
  • Wunderkinder. Dabei handelt es sich um Menschen, die bereits im Kindesalter auf bestimmten Gebieten Fähigkeiten und Fertigkeiten zeigen, die "normalerweise" erst im Erwachsenenalter oder selbst von Erwachsenen nicht entwickelt werden können.
  • Wunderland. Die vielleicht bekannteste und populärste Vorstellung von einem Wunderland findet sich in dem von dem Mathematiker Lewis Carroll verfassten Roman "Alice im Wunderland". Und zwar lernt der Leser hier Wirklichkeiten kennen, die ganz anders sind als die, die wir gewohnt sind, also Wirklichkeiten, in denen andere Naturgesetze zu gelten scheinen.
  • Wunderwaffe. Allgemein ausgedrückt, versteht man unter einer Wunderwaffe eine Art Allheilmittel, das eine schnelle und umfassende – wundersame – Lösung eines komplexen Problems herbeiführen soll. Im engeren Sinn sind damit die Erfindungen von Forschern des Deutschen Reichs während des Zweiten Weltkriegs gemeint, die die sich abzeichnende Niederlage Deutschlands verhindern sollten.
  • Wunderwerk. Bei Wunderwerken handelt es sich um Phänomene, die durch die Präzision und Komplexität des Zusammenspiels der Elemente, aus denen sie aufgebaut sind, beeindrucken. Beispiele sind die "Wunderwerke der Natur" wie die Zellen, aus denen Organismen bestehen, das Immunsystem von Lebewesen, der menschliche Körper, der Mensch insgesamt sowie die "Wunderwerke der Technik".
  • Als ein Wunderwerk der Technik gilt die Blaues Wunder genannte Elbbrücke in Dresden. Sie trägt diesen Namen aber auch wegen ihrer blauen Farbe und weil sie 1945 "wie durch ein Wunder" vor der Sprengung durch die Wehrmacht gerettet werden konnte. Ein "blaues Wunder" kann allerdings auch eine negative Bedeutung haben. So gibt es die Vorstellung, manch einer habe schon sein blaues Wunder erlebt, weil er vorher zu blauäugig war.

Ich möchte an dieser Stelle auch auf zwei historisch einmalige Ereignisse hinweisen, denen eine "wundersame Bedeutung" zugeschrieben wird:

  • Das Wunder von Bern. Hier geht es um den Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion gegen die zum damaligen Zeitpunkt als unbezwingbar geltende ungarische Fußball-Nationalmannschaft.
  • Das Wunder der deutschen Wiedervereinigung. Auch die 1989 durch die friedliche Revolution in der DDR erreichte Wiedervereinigung Deutschlands gilt gemeinhin als Wunder.

Die Sieben Weltwunder der Antike

Wenn man sich mit Wundern und Wundersamem beschäftigt, dürfen die sogenannten Weltwunder nicht fehlen. Es handelt sich hier nicht um Wunder im eigentlichen Sinne, also um Geschehnisse, die unserem Schicksal in unerwarteter Weise eine positive Wendung geben, sondern - ähnlich den Wunderwerken der Technik - um von Menschen geschaffene Meisterwerke. Das heißt: Es geht hier um Bauwerke und Monumente, die durch ihre Größe und Schönheit die Menschen in ihren Bann ziehen. Vielleicht könnte man jedoch eine Verbindung zur eigentlichen Bedeutung von Wundern herstellen, indem man sagt, dass es eigentlich ein Wunder ist, dass der Mensch zu solchen Höchstleistungen fähig ist. Beginnen möchte ich mit den sieben Weltwundern der Antike. Diese wurden in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts vor Christus von dem griechischen Schriftsteller Antipatros von Sidon in einem Reiseführer beschrieben, den er für den Mittelmeerraum und Vorderasien erstellt hat. Die Sieben Weltwunder der Antike sind:

  • die Pyramiden von Gizeh in Ägypten. Sie entstanden zwischen 2630 und 2500 v.Chr. und sind unter den klassischen Weltwundern das einzige noch erhaltene Bauwerk. Sie gelten deshalb als das "Ewige Weltwunder". Die größte unter ihnen, die Cheops-Pyramide, ist rund 140 m hoch.

 

  • das Grabmal für den persischen König Mausolos II. zu Halikarnassos (Türkei). Es wurde 360 v.Chr. errichtet, war 49 Meter hoch und wurde wegen seiner Schönheit und seiner kostbaren Reliefs gerühmt. Im 13. Jahrhundert wurde es durch ein Erdbeben zerstört.
  • die Hängenden Gärten der Semiramis. Sie sollen im Babylon (Irak) in der Zeit Nebukadnezars II. (um 600 v.Chr.) entstanden sein. Semiramis, die Namensgeberin, war eine assyrisch-babylonischen Prinzessin, die rund 200 Jahren vorher gelebt hatte.
  • der Koloss von Rhodos. Der Koloss war die Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Sie hatte eine Höhe zwischen 32 und 36 Metern und wurde um 300 v.Chr. erbaut. Aber auch dieses Monument wurde durch ein Erdbeben zerstört, und zwar schon 66 Jahre nach seiner Fertigstellung.
  • der Leuchtturm auf der Insel Pharos vor Alexandria. Er wurde 282 v.Chr. nach etwa 20jähriger Bauzeit vollendet. Er hatte eine Höhe zwischen 115 und 145 Meter. Sein Leuchtfeuer konnte mehr als 50 km weit gesehen werden. Er fiel ebenfalls einem Erdbeben zum Opfer.
  • der Tempel der Artemis in Ephesos. Der Bau des Tempels begann um 560 v.Chr. und dauerte 120 Jahre. Er war der größte Tempel der damaligen Welt. Nach Zerstörung durch Brandstiftung wurde der Tempel wiederaufgebaut, aber im 3. Jh. n.Chr. wurde er durch die Goten endgültig zerstört.
  • die Statue des Zeus in Olympia. Die Zeusstatue wurde 430 v. Chr. von dem griechischen Bildhauer Phidias geschaffen. Sie war fast 13 Meter hoch und zeigte "Gottvater" Zeus auf seinem Thron sitzend. Die vergoldete Statue wurde ebenfalls durch einen Brand vernichtet.

 

Neue Weltwunder

Neue Weltwunder (Bild: geralt/pixabay.com)

Die Sieben Neuen Weltwunder

Kurz nach der Jahrtausendwende wurden auf Initiative des Schweizer Abenteurers und Filmemachers Bernhard Weber Sieben Neue Weltwunder gesucht, wobei deren Alter keine Rolle spielen sollte, und es wurde deshalb eine weltweite Abstimmung veranstaltet, an der etwa 90 Millionen Menschen teilnahmen. Das Ergebnis der Abstimmung wurde am 07.07.07 in Lissabon bekannt gegeben. Und zwar sind die Neuen Sieben Weltwunder:

  • die Mayastadt Chichen Itza (Halbinsel Yukatan, Mexiko). Diese war die politische und ökonomische Metropole der Mayas und war dem Gott Kukulcan geweiht, der als Schöpfer der Erde und der Menschen verehrt wurde. Die Stadt ist etwa 440 gegründet und bereits nach 250 Jahren wieder verlassen worden. Zentrum der Stadt war die 33 Meter hohe Pyramide, die Aufschluss gibt über die weitreichendenden astronomischen Kenntnisse der Maya.
  • die Chinesische Mauer im nördlichen China. Diese ist mit etwa 6700 Kilometern Länge das größte jemals von Menschen errichtete Bauwerk. Auch die Bauzeit war enorm. Sie reichte nämlich vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis ins 17. Jahrhundert n. Chr. Die chinesische Mauer diente dazu, mongolische Nomadenstämme, die immer wieder nach China eingefallen sind, abzuwehren.
  • die Erlöserstatue Christo Redentor auf dem Berg Corcovado in Rio de Janeiro (Brasilien). Die 32 Meter hohe Statue steht auf einem 8 Meter hohen Sockel und hat ein Gewicht von 1.100 Tonnen. Sie wurde 1931 fertiggestellt.
  • Das Kolosseum in Rom (Italien). Es handelt sich hier um ein Amphitheater, das in der Antike der größte geschlossene Bau war, der je von den Römern errichtet wurde. 79 n. Chr. wurde das Kolosseum fertiggestellt. Im Mittelalter wurde es durch Erdbeben stark beschädigt.
  • Machu Picchu, die Stadt in den Wolken, wurde um 1440 vom Inkaherrscher Pachacútec Yupanqui auf einem Berg in den Anden von Peru in 2350 Meter Höhe errichtet. Nach der Vernichtung des Inkareichs durch die spanischen Konquistadoren versank Machu Picchu im Urwald. 1911 wurde es wiederentdeckt. Heute gehört die ehemalige Hauptstadt des Inkareichs zu den beliebtesten Touristenzielen in Südamerika.
  • die Felsenstadt Petra in den Bergen von Edom (Jordanien). Petra ist eine der ältesten Siedlungen im Mittleren Osten. Ihre Geschichte reicht zurück bis 9000 v. Chr. Im 2. Jahrhundert v. Chr. war Petra Hauptstadt des Reichs der Nabatäer, das bis Damaskus und bis kurz vor Jerusalem reichte. In ihrer Blütezeit hatte die Stadt 30 000 Einwohner. Der legendäre Ruf von Petra beruht auf den kunstvollen, bis zu 40 Meter hohen Hausfassaden, die direkt in den Felsen gehauen wurden.
  • das Taj Mahal in Agra (Indien). Das große Mausoleum gilt als das schönste Bauwerk muslimischer Architektur in Indien und wurde vom fünften Großmogul Shah Jahan in Erinnerung an seine geliebte Frau und wichtigste Ratgeberin, die Persische Prinzessin Arjuman Bano Begum, die auch Mumtaz Mahal genannt wurde, errichtet. Es besteht großenteils aus Marmor und wurde zusätzlich mit Edelsteinen und Halbedelsteinen verziert. Die zentrale Kuppel ist 57 Meter hoch. Die offizielle Bauzeit war 1631 bis 1648.

Mein ganz persönliches Weltwunder

An dieser Stelle möchte ich ein weiteres Bauwerk nennen, das für mich ebenfalls ein Weltwunder darstellt, auch wenn es bei Wahl nicht in die Endrunde gekommen ist, nämlich die Frauenkirche in Dresden. Die Frauenkirche verkörpert meiner Meinung nach in idealer Weise beide Formen von Wundern, die ich beschrieben habe. Das heißt: Die erste Frauenkirche war ein vom Baumeister George Bähr geschaffenes Wunderwerk, das noch die Baumeister des 20. Jahrhunderts staunen ließ, als sie daran gingen, die Kirche wiederaufzubauen. Es schien nämlich schier unglaublich, dass Bähr diese monumentale Kirche mit den Mitteln, die ihm im 18. Jahrhundert zur Verfügung standen, hatte errichten können. Der Wiederaufbau der Frauenkirche wurde andererseits erst dadurch möglich, dass wunderbarerweise die Menschen in vielen Ländern den Wiederaufbau wollten und deshalb die erforderlichen Geldmittel zur Verfügung stellten. Die Frauenkirche ist also eine Kirche für die ganze Welt und kann deshalb meiner Meinung nach mit Fug und Recht als Weltwunder bezeichnet werden.

Wunder und Wissenschaft

Wie bereits bei der Beschreibung des "Wunderlands" angedeutet wurde, scheinen Wunder die gültigen Naturgesetze, wie sie von der Physik beschrieben werden, zu durchbrechen und damit auch der Vernunft zu widersprechen, da diese jedes Ereignis mit einer bestimmten Ursache in Verbindung bringt. Das heißt: Der Mensch scheint dann ein Phänomen als wundersam zu empfinden, wenn er dessen Zustandekommen nicht kausal erklären kann.

Damit könnte man sich zufriedengeben. Man könnte aber auch versuchen, unser Erkennen und Verstehen der Wirklichkeit auf eine andere Grundlage zu stellen. Man könnte sich nämlich auch eine Form der Vernunft vorstellen, bei der nicht davon ausgegangen wird, dass eine bestimmte Ursache notwendigerweise eine bestimmte Folge hat, bei der also angenommen wird, dass dies zwar so sein kann, aber nicht so sein muss. An die Stelle des Kausalitätsdenkens tritt also das Denken in Wahrscheinlichkeiten. Ferner gilt es als sicher, dass der Mensch über die Naturgesetze längst noch nicht alles weiß. Hinzukommt sein begrenztes Wahrnehmungsvermögen. So kann der Mensch ja nur drei Dimensionen erkennen. All dies wird längst von der modernen Physik thematisiert.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse könnten also irgendwann den Menschen in die Lage versetzen, auch Wunder rational zu erklären. Ich möchte hier als Beispiel das parapsychologische Phänomen der Telepathie, also die Gedankenübertragung, aufgreifen. Die Quantenphysik führt dieses Phänomen darauf zurück, dass – vereinfacht ausgedrückt - unser Gehirn aus Quantenteilchen besteht und vermutlich auch unser Bewusstsein auf Quantenprozessen basiert, so dass Teilchen in Gehirnen verschiedener Personen korreliert sein und nicht lokale Informationen austauschen könnten.

Schlussfolgerungen

Ereignisse und Erlebnisse, deren Zustandekommen sich der Mensch nicht erklären kann, die er aber als äußerst segensreich empfindet und deshalb als "Wunder" bezeichnet, spielen im menschlichen Leben seit jeher eine wichtige Rolle. Natürlich muss man in diesem Zusammenhang zur Kenntnis nehmen, dass Vieles, was dem Menschen in früheren Jahrhunderten als Wunder erschien, infolge der Fortschritte in Wissenschaft und Technik rational erklärt und damit "entzaubert" werden konnte. Ich glaube jedoch nicht, dass es hier einen Automatismus gibt. Das heißt: Meiner Meinung nach können Phänomene, auch wenn man ihre Ursachen kennt, nach wie vor ehrfürchtiges Staunen auslösen und an ein Wunder denken lassen. Das beste Beispiel dafür ist sicherlich die Geburt eines Kindes.

Bildnachweis

Alle Bilder: pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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