"Zugegeben: Erst dachten wir, billig ist es ja nicht. Dauer: einfache Spielfilmlänge, Preis: zwei Kinokarten!" Karin Zimmermann nennt die einzige Einschränkung, die ihr einfällt, als sie aufs Loisium zu sprechen kommt. Grade eben hat die 44-jährige Arzthelferin die Weinerlebniswelt verlassen und soll schon Auskunft geben, wie es ihr gefallen hat.

Um sie stehen ihre Freunde, eine kleine Reisegruppe aus Passau auf ihrem jährlichen Einkaufstrip in die Wachau, und bestätigen dem Journalisten, dass es sich damit aber dann auch schon habe an Kritik. "Das Loisium ist ein einmaliges Erlebnis!", sagen sie, und es klingt, wie das Wort irgendwann mal geklungen haben muss: ein-malig — das gibt es kein zweites Mal! Und seinen Preis ist es mehr als wert.

Schnupperkurs unter der Erde von Langenlois. Jeder Wein besitzt sein eigenes Aroma – und die Gäste testen die Empfindsamkeit ihrer Nasen.

Von Krems in der Wachau zum Loisium, der Weinerlebniswelt in Langenlois, Niederösterreich

Wenn man sich vom niederösterreichischen Krems her über die B35, die B37 und schließlich die B218 von der Donau weg auf Langenlois zubewegt, Österreichs größter Weinstadt, wird die Landschaft auf den ersten, bloß über sie hinweghuschenden Blick fad: Mit der lieblichen Imposanz des Weltkulturerbes Wachau kann das Kamptal hier nicht mithalten.

Eine Viertelstunde Asphalt, die Weinberge rechts und links wirken nicht anders als eine weite Schüssel tristen Weidelandes, ein Flugplatz hängt mit seiner Landebahn in den Hügeln, hier und dort hockt ein Gehöft auf einer Kuppe, und nicht einmal für einen Ausflug mit dem Rad eignet sich die Strecke: zu viel Verkehr, zu viele Steigungen. Man erreicht Langenlois am besten mit dem Auto.

Vielleicht aber muss man nur genauer hinschauen. Schon von weitem kündigt sich das Loisium an: Seine Architektur platzt aus der Umgebung wie eine viereckige Perle, die sich durch die Krume nach oben gearbeitet hat. Aus der Entfernung eine weiße Kaaba: nicht ganz so hoch, nicht ganz so eindrucksvoll, aber fremd genug, um aufzufallen – something like Keith Haring. Steven Holl heißt der Architekt der Schachtel – die mutigen Bürger aber, die irgendwann einmal ja gesagt haben zu dem Alien, werden wohl namenlos bleiben.

Übernachten an der Donau – Weinerlebnis im Kamptal

"Ein-, zweimal im Jahr füllen wir unsere Bestände auf und bleiben für ein paar Tage in der Region. Und im Grunde haben wir nur drei Dinge im Sinn: Weingenuss, Weinkultur, Weinerlebnis!" Krems an der Donau ist Partnerstadt von Passau, klar, dass Zimmermann und Freunde hierhin auch persönliche Verbindungen pflegen. Zu Leopold ‚Poidl‘ Koller beispielsweise, in dessen Pension Wolfsberghof sie regelmäßig nächtigen, 100 Meter oberhalb vom mächtigen Schloss Wolfsberg in Angern bei Krems.

Die Pension führt Maria, Poidls Frau. Poidl selbst ist eher fürs Lokalkolorit zuständig: Er versorgt Gäste und Freunde mit Leckerbissen – mit frischen Marillen und Trauben aus den Gärten gleich hinterm Haus und mit Tipps für Heurigenbesuch, Ausflug und Wanderungen. Er hat ihnen die Weinerlebniswelt ans Herz gelegt, und so sind sie hierher gekommen nach Langenlois im südlichen Kamptal.

Weinerlebnis tief unter der Erde von Niederösterreich

"Man ahnt nicht, was einen erwartet, wenn man im Besucherzentrum die Karte löst." Zimmermanns Hände versuchen, dem Erlebten Gestalt zu verleihen, dem, was man zuvor nicht weiß: dass ein Abstieg vor einem liegt in die mythische Welt des Weines. Doch selbst, wenn man's wüsste: Wie könnten Worte nahe bringen, was einem eine Stunde später und 20 Meter tiefer in einem der zahllosen Gänge widerfährt, die sich wie Maulwurfskanäle unter den Weinbergen verflechten und ein Labyrinth bilden, durch das nur dezente Hinweise führen?

Manchmal endet so ein Gang für den Besucher an einem Eisengitter, aber er kann förmlich spüren, wie's dahinter weiter geht: noch tiefer hinein in den Berg, noch weiter hinab in die tief verwurzelten Geheimnisse der Traube.

Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den anderen, Jeder ist allein.

Friedliche Koexistenz

Traube. Wurzel. Mythos. Im Loisium in Niederösterreich wird die Produktion von Wein zum Erlebnis für sämtliche Sinne

Überm Erdboden selten mehr als zwei Meter hoch, wurzelt der Rebstock nahezu, na ja: stockgrade vier Etagen ins Erdreich. 15 Meter. Zieht sein Kraftfutter aus den Mineralien des Erdbodens und transportiert es zusammen mit dem Wasser ins Sonnenlicht zu seinen Rispen, die sich zwischen Mai und Herbst blähen, röten und färben.

"Für mich der unglaublichste Punkt tief unten war die Laterna Magica!" Im Dunkel des gewölbeartig aufgebohrten Erdreichs, im kühlen, leicht muffigen Geruch, der seinen Weg so sanft in die Lunge findet und von innen kühlt, dort im tiefen Gang, wo man sich längst weg wähnt von dem Leben oben, wo man sich längst vorstellen kann, seine Tage unter Tage zu beenden, und wo man versteht, warum die Winzer oft tage- und nächtelang lieber in ihrem Berg blieben bei ihrem Wein statt bei ihrer Familie – da also gibt es eine Stelle, wo wir wie Astronomen beim Blick durchs Teleskop an den Zauber ferner Welten erinnert werden: Auf einer tellergroßen Stele tanzt ein Abbild des Weinbergs oben im Tageslicht, ein Abbild des Lebens. Herabgeführt durch Umlenkspiegel, bewegen sich die Weinblätter auf der Stele wie ein Foto im Bach: unscharf, aber real. Erinnerung, aber wirklich. Magisch, seelenvoll.

"Das Loisium spricht auf ganz eigene Weise alle Sinne an. Im Lauf der Führung reduzieren sich die Eindrücke – bis dann, im mythologischen Teil, nur noch Fühlen zu existieren scheint", sagt Zimmermann. "Wir werden vom mühevollen Alltag der Winzer über die Produktion im Weinkeller hinabgeführt zum Mythos der Traube. Zum Spiel der Jahreszeiten und zu den Sinnenfreuden, die der Wein mit sich bringt. Das Loisium spiegelt unser Leben."

Ins Kamptal gelangt man auch per Flusskreuzfahrt via Wachau

Nachtrag für all jene, die nicht so nah an der Wachau und dem Kamptal leben: Eine Reise mit dem Schiff auf der Donau gehört zu den bezaubernden Erlebnissen unter Europas Flusskreuzfahrten. Von Passau oder auch Vilshofen aus starten die meisten Touren, die über Wien nach Budapest führen und weiter ins Donaudelta und ans Schwarze Meer. Von Krems aus macht man dann eben einen Tagesausflug nach Langenlois …

 

Vorführung im Louisium. Gleich erscheinen Neptun und Lukull

jofl, am 12.08.2015
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Bildquelle:
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Idyll Genuss in Österreichs Mostviertel (Mostviertel, Österreich: Urlaub bei Birnenmost und Apfelmost)

Autor seit 13 Jahren
122 Seiten
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