Kampf der eBook-Titanen

Um es vorneweg zu nehmen: Die Geschichte der eBook-Reader beginnt nicht mit Amazons ersten Kindle-Modellen, sondern reicht bis in die frühen 1990er Jahre zurück. Damals war die Technik aber noch nicht ausgereift. Die geringe Auflösung auf qualitativ geringwertigen LCD-Displays machte das Lesen am Bildschirm mühsam, ganz zu schweigen vom praktisch nicht existenten Angebot an eBooks. Kein Wunder also, dass zahlreiche Vielleser den eBook-Readern immer noch skeptisch gegenüberstehen.

Zu Unrecht, denn moderne Geräte sind dermaßen ausgereift, dass selbst stundenlanges Lesen am Display die Augen nicht mehr ermüdet, und dank Touchscreens ist die Navigation spielend einfach. Obwohl es dutzende Anbieter gibt, beherrschen Amazons Kindle Paperwhite und das von den Buchhandelsketten Thalia, Weltbild, Hugendubel und Club Bertelsmann sowie der Deutschen Telekom vertriebene Tolino Shine den deutschsprachigen Markt. Beide eBook-Reader sehen einander täuschend ähnlich und weisen sogar dieselbe Display-Größe von 6 Zoll auf. Mal ehrlich: Könnten Sie auf Anhieb sagen, welche der folgenden Abbildungen den Kindle Paperwhite und welche den Tolino Shine zeigt?

Die Auflösung: Zur Linken sehen Sie Amazons Referenzmodell. Mit dem Aussehen enden die Gemeinsamkeiten jedoch nicht. Sowohl die Bildschirmauflösungen, als auch das Gewicht sind annähernd gleich, zudem verfügen Amazons Kindle Paperwhite und der Tolino Shine über eine integrierte Beleuchtung, die nächtliches Lesen ohne externe Beleuchtung ermöglicht. Außerdem verfügen sie über WLAN, Browser und einige Extras wie Auswahlmöglichkeiten von Schriftgrößen- und Arten.

Tolino Shine: Speicher für eBooks erweiterbar

Worin sich die eBook-Reader am Offensichtlichsten unterscheiden, sind die Bezugsmöglichkeiten von eBooks. Vereinfacht ausgedrückt könnte man es folgendermaßen formulieren: eBooks können von den jeweils konkurrierenden eBook-Shops nicht gelesen werden. Mit dem Erwerb eines Kindle Paperwhite kettet man sich an den ausschließlichen Erwerb der DRM-geschützten eBooks von Amazons Online-Shop. Mit einer eingeschränkten Buchauswahl muss man sich aber nicht zufrieden geben: Das Angebot ist gewaltig und wird unablässig erweitert.

Auf der Gegenseite bietet der Tolino Shine die Eigenheit, dass der Benutzer eBooks von jenem Shop erwerben kann, bei dem er das Gerät gekauft hat. Der Artikelautor erwarb sein Modell bei Weltbild, weshalb als Büchershop jener des Weltbild-Verlags installiert ist. Gleich Amazons Kindle Paperwhite, wird auch beim Tolino Shine jedes gekaufte eBook automatisch in einer Cloud gespeichert. Löscht man ein erworbenes eBook vom Gerät, ist es dennoch in der Cloud jederzeit zum erneuten Download verfügbar.

Allerdings bietet der Speicher beider eBook-Reader üppig Platz für rund zweitausend (!) virtuelle Bücher, womit sich der Durchschnittsleser wohl keine großen Sorgen machen muss, dass ihm so bald der Speicherplatz ausgehen könnte. Zur Beruhigung lässt sich der Speicher des Tolino Shine mit einer SD-Card um 32 GB erweitern, womit das Gerät der Konkurrenz in diesem Punkt etwas Voraus hat.

Unbedingt notwendig ist diese Speichererweiterung nicht, da ja die Bücher in der Cloud gespeichert werden und für die meisten Leser eine virtuelle Bibliothek mit tausenden von eBooks eine Spur zu groß sein dürfte. Denn Hand aufs Herz: Wie viele Bücher liest man immer wieder? Zudem ginge die Übersicht bei einer vierstelligen Bücheranzahl rasch verloren, selbst wenn man seine Lieblingsbücher in so genannten Sammlungen zusammenfasste.

Vorteil Tolino Shine: Ausleihen von eBooks aus Bibliotheken

Seinen ganz großen Vorteil gegenüber Amazons eBook-Reader spielt der Tolino Shine aber in einem ganz anderen Punkt aus. Viele öffentliche Bibliotheken bieten mittlerweile das Ausleihen von eBooks an. Das zeitaufwändige Ausleihen bzw. Zurückbringen von Büchern entfällt völlig. Ein verfügbares eBook wird einfach gedownloadet, auf den eBook-Reader übertragen und kann sofort gelesen werden. Selbst auf drohende Mahnspesen muss man keine Rücksicht mehr nehmen: eBooks werden mit einem Zeitstempel versehen und können nach Auslaufen der Leihfrist nicht mehr gelesen werden.

Diese Möglichkeit besteht beim geschlossenen System des Kindle Paperwhite nicht: eBooks können nur von Amazon selbst bezogen und gelesen werden. Viele öffentliche Bibliotheken verleihen eBooks kostenlos, sodass nur die Jahresgebühr Kosten verursacht. Zwar hält das Angebot an eBooks mit jenem an Printtiteln immer noch nicht mit. Doch hierbei muss bedacht werden, dass elektronische Bücher eine sehr junge Entwicklung im deutschsprachigen Raum sind und das Angebot im Laufe der nächsten Jahre zweifellos erweitert werden wird.

Vorteil Kindle Paperwhite: Die Technik

Ist der Tolino Shine somit der bessere eBook-Reader? Nicht unbedingt. Denn in technischer Hinsicht ist der Kindle Paperwhite den entscheidenden Tick voran. Das beginnt beim raschen Umblättern, setzt sich über die Multitouch-Gesten fort, bei denen wie von Apple-Geräten gewohnt eine gleichzeitige Bewegung von Daumen und Zeigefinger eine Auswahlmöglichkeit, in diesem Falle das rasche Umschalten auf Schriftgrößen, ermöglicht, und endet beim benutzerfreundlicheren Gesamteindruck. Das Gerät reagiert auf Berührungen rascher und vor allem präziser.

Fazit: Für wen eignen sich der Kindle Paperwhite und der Tolino Shine?

Amazons Kindle Paperwhite ist der optimale eBook-Reader, so man ausschließlich bei Amazon kauft und kein Problem damit hat, sich bedingungslos an den Online-Giganten zu binden.

Der Tolino Shine hingegen bietet ein relativ freies System, das sogar das Ausleihen von eBooks aus Bibliotheken ermöglicht.

Dank der günstigen Preise ist sogar der Ankauf beider eBook-Reader keine verwegene Idee. Dadurch lassen sich die Vorteile beider Geräte optimal nutzen, zumal sich etwa die Ankaufkosten des Tolino Shine im Falle des kostenlosen Ausleihens aus öffentlichen Bibliotheken bereits nach wenigen Büchern amortisieren. Die ausgefeiltere Technik bietet derzeit aber wohl der Kindle Paperwhite.

Autor seit 6 Jahren
835 Seiten
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